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James Wood: Die Kunst des Erzählens

© Miriam Berkley (Autorenfoto)

James Wood, Jahrgang 1967, wurde mit 27 Jahren Chefkritiker beim Londoner Guardian: eine steile Karriere. Heute schreibt er als fester Autor für den New Yorker und arbeitet als Professor für angewandte Literaturkritik an der Harvard University. Er gilt als der einflussreichste Literaturkritiker Amerikas – einer, «dessen Wirkmächtigkeit im angelsächsischen Raum etwa der von Marcel Reich-Ranicki zu seinen besten Zeiten entspricht» (Die Welt).
2008 erschien in den USA seine fulminante Studie How Fiction Works, die jetzt unter dem Titel Die Kunst des Erzählens bei Rowohlt erschienen ist. Wer diesen bestechend gut geschriebenen Text liest, ist am Ende schlauer. Bei James Wood lernen wir, was gute (und auch schlechte) Romane ausmacht: Figuren, Dialog, Stil, Perspektive, Beschreibung, Ton, erlebte Rede, Metaphern, sprechende Details.
«Ein phantastischer Kritiker; einer der wenigen, die bleiben werden.» (Martin Amis). «Die Kunst des Erzählens hilft Lesern, Autoren, und spart mindestens zwei Semester Komparatistik- und Germanistikstudium.» (Format)


Für Daniel Kehlmann war es eine Begegnung mit Folgen. Er kaufte Woods' eben erschienenes Buch in einer Buchhandlung am New Yorker Union Square; er las die halbe Nacht, und als er fertig war, begann er von neuem. Ihn faszinierte James Woods' Belesenheit, aber belesen sind viele; was ihn einzigartig macht, ist sein erfrischend respektloser Umgang mit den «Meistern» und «Stars» der Literatur (von Nabokov über Updike, Roth und DeLiIllo bis David Foster Wallace) ebenso wie seine stets spürbare Leidenschaft für das, was ein Roman ist, sein soll und sein kann. Daniel Kehlmann: «Schreiben lehrt man, indem man Lesen lehrt. In diesem Sinne ist Die Kunst des Erzählens ein Lehrbuch des Schreibens. Es zeigt, wie man aufmerksam liest, wie viel sich in einem guten Roman entdecken lässt und wie vielfältig die Wege sind, die Erzähler in der Ausübung ihres Handwerks einschlagen können.»

Alte Fragen, gute Antworten

In zehn Kapiteln versucht Wood dem Handwerklichen guter Romane auf die Schliche zu kommen, eben: How Fiction Works. Seine Perspektive ist, wie Kehlmann notiert, nicht die des entrückten theoretisierenden Professors, sondern die des «offenen, neugierigen und geistesklaren Lesers, der die Literatur liebt und versteht, also wie der Leser, der wir alle gern wären». Er ist Anhänger eines komplexen Realismus, dem es auf innere Folgerichtigkeit und Plausibilität von Figuren, Ton und Perspektive ankommt, eines Realismus, den er u.a. bei Autoren wie Jane Austen, Anton Tschechow oder Saul Bellow findet. Wood kann exzellent begründen, weshalb manche Sätze eine so magische Wirkung auf uns haben, etwa dieser aus Virginia Woolfs Roman Die Wellen: «Der Tag wogt gelb mit allen seinen Ähren.» James Wood: «Acht einfache Wörter evozieren Farbe, Hochsommer, die Lethargie der Hitze, Reife.»

«Sehr gute Autoren bei ihren Fehlern zu beobachten» sei sehr hilfreich, schreibt Wood. Auch Literaturgötter sind nicht unfehlbar. In Amerika wird er für die intelligente Respektlosigkeit geliebt, die er schon als blutjunger Guardian-Kolumnist an den Tag legte. Mit einer einzigen kurzen Bemerkung, im Vorbeigehen quasi, stellt er etwas klar: «Hören wir einmal, wie ein hochmusikalisches Gehör bei einem der größten Stilisten amerikanischer Prosa arbeitet, bei Saul Bellow nämlich, der selbst die Leichtfüßigen – die Updikes, DeLillos und Roths – wie Einbeinige wirken lässt.» Das sitzt.

An John Updikes Roman Terrorist, um nur ein Beispiel zu nennen, moniert er die Überschreitung der perspektivischen Grenzen des zum Bombenattentäter auserkorenen jungen Moslems Ahmed, um weitergehende Betrachtungen unterbringen zu können. Auf der anderen Seite demonstriert er an einem Satz Bellows, wie meisterhaft eine «deskriptive Pause» eingesetzt werden kann: «Jeder Leser kennt das, eine Romanhandlung wird angehalten, und der Autor sagt im Grunde, ‹nun will ich euch etwas von der Stadt xy erzählen, die sich an die Hügel des Karpatenvorlandes schmiegt …›.»

Autoreninfo

James Wood, 1965 geboren, wurde bereits mit 27 Jahren Chefkritiker beim Londoner «Guardian». Heute schreibt er für den «New Yorker» und arbeitet als...
mehr über den Autor
Leichtfüßig, elegant, provozierend

Gustave Flaubert ist für James Wood der Gründervater des modernen Erzählens; zu gern würde er den Propagandisten postmoderner Prosadickichte Werke wie Die Erziehung der Gefühle zum aufmerksamen Studium in die Hand drücken. «Die Romanautoren sollten Flaubert danken wie die Lyriker dem Frühling: Mit ihm beginnt alles.»

Deutschsprachige Autoren spielen bei Wood kaum eine Rolle; erwähnt werden Rilke, Thomas Mann, W. G. Sebald, Thoma Bernhard. Aber auch viele Innovative unter den zeitgenössischen Autoren Amerikas sucht man vergebens. Das schmälert aber nicht die Lust, sich auf James Wood und seinen liebenden Blick auf Literatur einzulassen. Schließlich geht es dem Kritiker nicht darum, die Welt mit einem unumstößlichen Kanon unbedingt zu lesender Großromane zu beglücken.

Wood schreibt leichtfüßig, elegant, anschaulich – selten war Literaturtheorie so «einfach» zu lesen. Ein Beispiel aus dem längsten Kapitel Vom Erzählen: «Erzählende Prosa ist ein Haus mit vielen Fenstern, aber nur zwei oder drei Türen. Ich kann eine Geschichte in der dritten Person oder in der ersten Person erzählen, vielleicht noch in der zweiten Person Singular oder der ersten Person Plural, obwohl es für letztere beide nur ganz wenige gelungene Beispiele gibt. Und das ist alles. alles andere wird kaum noch eine Erzählung sein, sondern eher Lyrik oder lyrische Prosa.»