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James Thompson: Eis-Engel

© Herbie/Fotolia.com

Ein finnischer Skiort nördlich des Polarkreises. Wo im Winter die Welt im Dunkel versinkt. Wo die Stille Menschen verrückt macht und die Selbstmordrate höher ist als irgendwo sonst. Und wo ein Verbrechen geschieht, das ein ganzes Land erschaudern lässt. Auf einer verschneiten Rentierweide wird die entsetzlich zugerichtete Leiche einer schwarzen Frau gefunden: Sufia Elmi, ein aus Somalia stammender B-Movie-Filmstar. Polizeiinspektor Kari Vaara fürchtet, dass es sich um eine Nachahmungstat des Mordfalls «Schwarze Dahlie» handeln könnte … Der erste Band von James Thompsons Krimiserie – eiskalt wie die Winter in Lappland.

Peter Hoeg, Autor des Weltbestsellers Fräulein Smillas Gespür für Schnee, hat sich als Fan des seit langem in Finnland lebenden amerikanischen Autors geoutet: «Die lakonische Stimme von Inspektor Kari Vaara klingt gefährlich und menschlich zugleich, seine Welt ist kalt, leer und doch berückend exotisch, seine Geschichten erzählt er schnell und brutal, dabei aber mit einer fast entspannten Ruhe.» Schon die doppelte finnisch-amerikanische Konstellation macht diesen Thriller zu etwas Besonderem: James Thompson schlug sich in den USA mit vielerlei Jobs durch, ehe er nach einem Literaturwissenschaftsstudium in Helsinki Schriftsteller wurde und Annukka, eine Finnin, heiratete; sein Thrillerheld Kari Vaara ist Finne – und verheiratet mit der Amerikanerin Kate, die in Karis Heimatstadt Kittilä einen großen Wintersport-Hotelkomplex managt.

Der Himmel über Finnland

Je länger Kate mit ihrem Mann in der unwirtlichen Landschaft am Polarkreis lebt, desto brennender wird ihre Sehnsucht, in die Vereinigten Staaten zurückzukehren, gerade jetzt, wo sie mit Zwillingen schwanger ist. Auch wenn Lappland Karis Heimat ist, verstehen kann er seine Frau schon: «Kate hat recht. So ist das hier im Winter. Ein Haufen deprimierter Alkoholiker, die in einer endlosen Nacht vor sich hin frieren. (…) Die überwältigende Mehrheit unserer Morde geschieht im familiären Umfeld. Wir töten die Menschen, die wir lieben, unsere Ehemänner und -frauen, Geschwister, Eltern und Freunde, und zwar fast immer in betrunkener Raserei.»

Als Sufia Elmis Leiche eine Woche vor Weihnachten auf Aslak Halttas Rentierfarm gefunden wird, ist Vaara rasch klar, dass er mit dem schrecklichsten Fall seiner Karriere konfrontiert sein wird. Fassungslos steht er vor dem, was von der fast irreal schönen Somalierin übrig geblieben ist, nachdem ihr (oder ihre) Mörder wie eine Meute ausgehungerter Wildtiere über sie hergefallen sind. Sufia starb einen qualvollen Tod; etwas Grausameres hat Kari Vaara noch nie in seinem Leben gesehen. Sufias Gesicht: verwüstet von brutaler Gewalt, die Augen ausgestochen; tiefe Schnitte auf Unterleib und Hals; ein Teil ihrer Brust wurde herausgeschnitten; in der Vagina steckt eine zerschmetterte scharfkantige Bierflasche; auf dem Bauch der Toten ist das Wort ‹Negerhure› eingeritzt.

Es ist nicht allein die fürchterliche Kälte von minus vierzig Grad, die Vaara in den folgenden Tagen zu schaffen machen wird. Ob rassistisch motivierter Mord oder ein im Zustand enthemmter Raserei begangenes Sexualverbrechen und egal, wer dereinst für dieses Verbrechen büßen wird – das Bild der toten Sufia wird Kari Vaara nie vergessen können. Ein schwarzes Starlet, abgeschlachtet wie ein Tier, das ist in einem Land wie Finnland, in dem offizieller Antirassismus und offener Rassismus (speziell gegenüber den als «Rentierfresser» verhöhnten Samen in Lappland) Hand in Hand gehen, per se ein Politikum. Vaari ist froh, dass er mit seinem Freund Valtteri einen fähigen Kollegen an seiner Seite weiß. Valtteri ist strenggläubiger Laestadainer, ein Radikallutherianer mit spezieller Erweckungsvision – und acht Kindern zu Hause, die er von seinem kargen Polizistengehalt ernähren muss.

Autoreninfo

Der amerikanische Autor James Thompson lebt seit langem in Finnland. Vor dem Beginn seiner Schriftstellerkarriere war er unter anderem Barkeeper,...
mehr über den Autor
Gesucht: der dritte Mann

Bei der Durchsuchung der Unterkunft der Toten in den Pine Woods Cottages wird rasch klar, dass Sufias Eltern ein arg geschöntes Bild von ihrer Tochter haben. Leere Bier- und Schnapsflaschen im Überfluss, Bettlaken voller Spermaflecken, Chaos in allen Zimmern – «hier muss sich eine Menge betrunkener Sex abgespielt haben.» Und: Sufia wurde ausgehalten – ausgerechnet von dem schwerreichen Seppo Niemi, für den Karis Ex-Frau Heli ihn vor dreizehn Jahren verließ …

«Wenn wir Glück haben, ist Sufias Mörder ein Tourist», wünscht Vaara inständig, «dann bleiben uns kulturelle Spannungen erspart. Ich hoffe ja, dass es ein Deutscher war. Den bornierten Hass auf die Deutschen habe ich von meinen Großeltern geerbt, die ihnen nicht verzeihen, im Zweiten Weltkrieg halb Finnisch-Lappland niedergebrannt zu haben.» So viel Glück ist ihm nicht vergönnt, das kann hier schon verraten werden: Ein Deutscher steht hinter keinem der vier Morde, die am Ende zu beklagen sind.

«Somalische Sexgöttin in Schneefeld abgeschlachtet!» Es ist nicht die reißerische Schlagzeile des Boulevardblatts Alibi, die eine neue Dimension in die Ermittlungen bringt. Es ist die unterstellte Verbindung zum berühmt-berüchtigten Fall der «Schwarzen Dahlie», dem bestialischen Mord an Elizabeth Short im Januar 1947 in Los Angeles. (James Ellroy hat 1987 in seinem hyperrealistischen Roman The Black Dahlia, knapp zwei Jahrzehnte später von Brian de Palma verfilmt, diese von Korruption und Rassenhass getränkte Geschichte neu erzählt.) Eine Spur, der True Crime-Download von Material zur Schwarzen Dahlie, führt zu Valtteris Sohn Heikki – der sich im Keller seines Elternhauses erhängt …

Dass es am Ende die gefrorenen Tränen im Gesicht der Toten sind, die Inspektor Kari Vaara den Schlüssel – oder einen Schlüssel – zur Aufklärung des Mordes liefern, ist eine der überraschenden Wendungen, die dieser fulminante Thriller liefert. Und es ist nicht die letzte …