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Isolde Sammer: Die Stille nach dem Schrei

© Jochen Quast

Es gibt Menschen, denen man dieses Buch nicht in die Hand drücken sollte. Die Stille nach dem Schrei ist harte Kost, selbst für ausgebuffte Thrillerleser. Und das nicht, weil der Roman blutrünstig wäre oder vollgestopft mit Schockereffekten. Das Erschreckende ist die Radikalität, mit der sich die Autorin der Frage stellt: Woher kommt das Böse, wie entsteht es, wie wächst es? Gibt es eine genetische Disposition für die Lust am Quälen, am Töten? Und: Können schon Kinder und Jugendliche abgrundtief böse sein? Isolde Sammer hat einen in all seinem Schrecken grandiosen Roman geschrieben, eine Geschichte, die man so leicht nicht wieder vergisst. Und von welchem Thriller kann man das schon behaupten?

Das Leben der Architektin Irene Werneck wird zum Albtraum, als ihr Sohn Jonas umgebracht wird. Der Täter: ihr Stiefsohn Martin. Die Tat: im Affekt begangen. Zumindest spricht das Gericht den 19-Jährigen mit dieser Begründung frei – trotz aller Zweifel, die bleiben. Angeblich sei Martin Zeuge geworden, wie Jonas den zehnjährigen Joey auf bestialische Weise ermordete – da sei er ausgerastet und habe seinen Stiefbruder erschlagen. Irene hat, wenn sie ehrlich ist, Martins vor Gericht dargelegte Version keine Sekunde geglaubt, ebenso wenig wie Hauptkommissar Hanno Schneider von der Berliner Mordkommission.

Töten – die wahre Ekstase, die ultimative Lust

Weil Sammer die Geschichte virtuos aus mehreren Perspektiven erzählt, wissen wir als Leser bereits nach wenigen Seiten, was in jener alten Scheune südlich von Berlin nahe der Ortschaft Ruhlsdorf wirklich geschehen ist. Eine Szene spricht Bände; sie spielt nachts in der Zelle des Untersuchungsgefängnisses, die Martin mit einem Häftling namens Gunther teilt: «Martin onanierte unter der Bettdecke. Er stellte sich dabei Sebastian vor, Gunthers Sohn, nackt. Er stellte sich vor, wie er dem Jungen die Füße mit den schlanken Handgelenken auf dem Rücken zusammenband, ein Stück Seil zweimal um den zarten Hals legte und mit den Fesseln verknüpfte, wie er ihm einen Gürtel unter den Schultern hindurchschlang, um ihn an einem Karabinerhaken aufzuhängen. Die erstickten Schreie, die Angst in den Augen des Jungen, das Zappeln, das Röcheln nach Luft. Als Martin das Messer an den Bauch seines Opfers setzte, kam es ihm.»

Von diesem Moment an wissen wir: Alles, was Irene in ihren schlimmsten Albträumen sieht, ist genauso passiert. Dass ihr Stiefsohn ihren leiblichen Sohn ermordete nachdem er dem kleinen Joey genau das angetan hatte, was er in seinen grausamen Sex- und Gewaltphantasien in seinen Tag- und Nachtträumen durchspielt. Was wir wissen, weiß Irene nicht – nicht mit letzter Sicherheit. Die Ungewissheit zermürbt sie, grenzt sie aus, raubt ihr die Kraft für einen Neuanfang und die Chance, endlich ihren Frieden zu finden. Deshalb unternimmt sie alles, um endlich Gewissheit zu finden, wie auch immer diese aussieht.

«Sie musste wissen, was passiert war, warum es passiert war und ob es sich wiederholen konnte. Sie musste herausfinden, wer woran schuld war. Nur so konnte sie ihren Seelenfrieden wieder finden. Irgendwann. Vielleicht.» Und so arbeitet sie erst die Ermittlungsakten durch und dann ihre Erinnerungen. An die Jahre, als sie, Jonas, Martin und Joachim so etwas wie eine intakte Familie waren, bis zum plötzlichen Herztod ihres zweiten Mannes. Die Suche nach dem Warum ist zermürbend und beängstigend, aber für Irene der einzige Weg, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Autoreninfo

Isolde Sammer arbeitet seit Jahren erfolgreich als Drehbuchautorin, u. a. für «Tatort», «Bella Block», «Die Kommissarin», «Eurocops», «Ein Fall für...
mehr über die Autorin
Wenn das Weiterleben zur Qual wird

Martin war es vor Gericht gelungen, ihre Position zu unterminieren: Sein Vater – ihr Mann – habe ihn jahrelang missbraucht und misshandelt. Und Jonas sei in seine Fußstapfen getreten und zu einem sadistischen Monster geworden. «Sie hat es gewusst», erklärte Martin vor Gericht. «Ich habe genug Andeutungen gemacht, und ich hätte ihr alles genau erzählt, wenn sie nachgefragt hätte. Wenn sie nur ein einziges Mal direkt gefragt hätte.» Eine kühl kalkulierte Denunziation, eine manipulative Glanzleistung – und für Irene eine absolute Katastrophe, machte es sie in den Augen der Öffentlichkeit zu jener «fanatischen Mutter, die ihren missratenen Sohn über dessen Tod hinaus schützt und dafür den Stiefsohn opfert. Und die vor den Verbrechen ihres Mannes die Augen verschließt.»

Am bedrückendsten in diesem an Schrecken reichen Roman liest sich, wie es Martin gelingt, das Mädchen Tina zu einer (zunächst) willfährigen Komplizin zu machen, indem er sie dazu bringt, ein Tabu nach dem anderen zu brechen. Ständig steigert er die Dosis: Bungeejumping von einem 70 Meter hohen Spezialkran – obwohl sie unter panischer Höhenangst leidet. Klauen teurer Klamotten im KaDeWE. Sie hofft, Martin von seiner verhängnisvollen Leidenschaft für kleine Jungs durch ihre bedingungslose Liebe abbringen zu können. Viel zu spät begreift sie, dass sie nur die zivile Fassade seiner mörderischen Triebe abgibt.

Am Ende bleibt Tina nur eines noch: ihren kleinen Bruder Benny vor Martin und seinen pädophilen «Freunden» zu schützen. In ihrem Tagebuch, geschrieben in tiefster Verzweiflung in einem festungsartig ausgebauten Bauernhof irgendwo in Tschechien, ist das nahende Ende mit Schrecken bereits spürbar. «Jetzt, am Ende meines Lebens, habe ich viel Zeit. Genug, um meinen leinen Bruder zu retten (…) Ich habe nur noch ein Ziel: Benny darf nichts geschehen. Er ist erst sieben Jahre alt. Wem soll er denn trauen, wenn er nicht einmal mir trauen kann? (...) Deshalb treibe ich ein doppeltes Spiel. Die letzte Anstrengung meines verpfuschten Lebens. Die einzige, die einen Wert hat …»