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Interview mit Hemingway-Übersetzer Werner Schmitz

Wer Ernest Hemingways Erinnerungen Paris, ein Fest fürs Leben in der Neuübersetzung von Werner Schmitz liest, weiß, weshalb diese in vielen Besprechungen so gerühmt wird. Wir haben Werner Schmitz zu einigen Aspekten des Übersetzens befragt – und ausfschlussreiche Antworten erhalten.

DAS INTERVIEW

Sie haben die Werke bedeutender Autoren übersetzt, u.a. Ernest Hemingway, Philip Roth, John LeCarré, Paul Auster, Martin Amis. Gibt es überhaupt Autoren, die «leicht» zu übersetzen sind?
Tendenziell würde ich sagen, «gute» Autoren sind nicht «leichter», aber «angenehmer» und befriedigender zu übersetzen als «schlechte» – «gut» in dem Sinne, dass ihre Texte klarer und durchdachter geschrieben sind. Ein schlecht geschriebenes Buch macht mehr Mühe. Andererseits verlangen gute Autoren dem Übersetzer natürlich sehr viel mehr ab: man muss sich in den Stil einarbeiten, das Vokabular ist anspruchsvoller, die Handlung komplexer.

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm sagte in einem NZZ-Interview über Hemingway: «Sein Stil liegt in einer Einfachheit, die dennoch eine Kunstsprache ist. Er arbeitet virtuos mit Wiederholungen. Weil er scheinbar so einfach schreibt, ist er auch so schwer zu übersetzen.» Ist das so?
Wiederholungen gelten für das deutsche Stil-Empfinden als anstößig, und als Übersetzer Hemingways gerät man oft in Versuchung, nach Synonymen zu suchen; ebenso glaubt man gelegentlich, seiner «Einfachheit» ein wenig aufhelfen zu müssen, und die eigentliche Arbeit besteht dann darin, sich dem «Diktat» Hemingways zu beugen und ihm in seiner Einfachheit und seinen Wiederholungen zu folgen, ohne dass der übersetzte Text einfältig oder schlecht geschrieben wirkt.

Problem Nähe/Distanz: Ist es hilfreich oder eher hinderlich, einen Autor, dessen Roman man übersetzen soll, selbst extrem gern zu lesen?
Das ist eher hilfreich. Obwohl sich zu einem Autor auch so etwas wie Hassliebe entwickeln kann – nach dem Motto: «Dem wird’ ich’s zeigen!» Das hilft dann, auch bei ungeliebten Texten bei der Stange zu bleiben.

Die «Drogerie in der Oberstadt von Manhattan …»

Gibt es aus Ihrer Sicht Jahrzehnte alte Übersetzungen, die so gut, so frisch und zeitgemäß sind, dass sich eine Neuübersetzung verbietet?
Nein, jedenfalls kenne ich keine. Im Prinzip ist es wohl so, dass Übersetzer vergangener Zeiten ganz anders gearbeitet haben als die heutigen. Im 19. Jahrhundert wurde im Akkord übersetzt (nicht immer, aber auch nicht selten: James Fenimore Cooper, zum Beispiel), zu Beginn des 20. Jahrhunderts sind viele Übersetzungen erschienen, die man nur als Bearbeitungen bezeichnen kann (Arthur Conan Doyle oder Herman Melville, zum Beispiel), und manche deutsche Übersetzung amerikanischer Literatur aus den 50er und 60er Jahren krankt daran, dass man in Deutschland noch nicht so viel über Amerika wusste wie heute. Heute würde z.B. niemand mehr schreiben, dass der Held eines Romans in eine «Drogerie in der Oberstadt von Manhattan» geht, wenn im Original von einem «drugstore in uptown Manhattan» die Rede ist.

Gestatten Sie uns einen Schulterblick in die Übersetzerwerkstatt? In der 1965 bei Rowohlt erschienenen Fassung (übersetzt von Annemarie Horschitz-Horst) beginnt der Text «Ein gutes Café …» so: «Dann war das schlechte Wetter da. Wenn der Herbst vorbei war, würde es von einem Tag zum anderen kommen. Nachts mußten wir die Fenster wegen des Regens schließen, und der kalte Wind würde die Blätter von den Bäumen der place Contrescarpe abstreifen. Die Blätter lagen durchweicht im Regen …»
In Ihrer Übertragung heißt es: «Dann begann das schlechte Wetter. Es kam eines Tages, als der Herbst vorbei war. Nachts musstest du wegen des Regens die Fenster geschlossen halten, und der kalte Wind streifte das Laub von den Bäumen auf der Place Contrescarpe. Die Blätter lagen durchnässt im Regen …» Sie haben mehrere kleine, aber wesentliche Veränderungen vorgenommen. Weshalb?

Hier muss ich widersprechen: Ich habe keine Veränderungen an der alten Übersetzung vorgenommen, sondern eine komplette Neuübersetzung angefertigt, ohne jemals einen Blick in die alte Übersetzung zu werfen. Das habe ich erst getan, als ich fertig war. Alles andere hätte mich nur abgelenkt und buchstäblich aus dem Konzept gebracht.