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Ingo Metzmacher: Vorhang auf!

© picture alliance/CTS Photo & Press Service; Fotograf Werner Reichel

Man weiß gar nicht, was man hier mehr bewundern soll: die wortgewaltige, mitreißende Beschreibung von 15 großen Opern – oder die Beschreibung der Entstehungsgeschichte der Wozzeck-Inszenierung, die Ingo Metzmacher gemeinsam mit Regisseur Peter Konwitschny zur Aufführung brachte. Wer bisher Opernhäusern aus welchen Gründen auch immer ferngeblieben ist – hier kann er auf den Geschmack kommen. Vorhang auf!

Ingo Metzmacher, der sich als «Generalist in der Tradition der deutschen Kapellmeisterei» sieht, war von 1997 bis 2005 Generaldirektor an der Hamburgischen Staatsoper, bevor er für drei Spielzeiten lang als Chefdirigent zur Nederlandse Opera in Amsterdam wechselte; seit Herbst 2007 ist er Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin. Immer wieder fällt der Stardirigent mit Mut und Eigensinn auf, etwa als er vor zwei Jahren am Tag der deutschen Einheit nicht etwa Hanns Eislers «Deutsche Sinfonie» oder Hans Werner Henzes 9. Sinfonie aufführte, sondern die Kantate «Von deutscher Seele» (1921) des Antisemiten Hans Pfitzner. Er suchte die Auseinandersetzung, die kritische Reflexion über Politik und Musik. Und provozierte einen mittelschweren Skandal. In seinem Bemühen um modernes, zeitgemäßes (und nicht zeitgeistiges) Musiktheater geht er unbeirrt seinen Weg: innovativ, streitbar, leidenschaftlich. «Es kann nicht sein, dass sich die Menschheit nur noch amüsieren will …»

Wie dirigiert man einen Orgasmus?

«Die Stöße werden heftiger. Unzählige Male. Der Höhepunkt so nah. Es entlädt sich schnell und heftig. Ohrenbetäubender Lärm. Alles zieht sich zusammen. Die Körper zucken. Dann Stille. Die Spannung löst sich. Es ist nicht zu überhören, wie sein Penis sich langsam senkt …» Preisfrage: Womit haben wir es hier zu tun? Mit Dmitri Schostakowitschs zweiter Oper Lady Macbeth von Mzensk. In ihr geht es so expressiv und explizit zu, wie Metzmacher es im Interview mit dem Standard beschreibt: « Schostakowitsch stellt die Menschen einfach so dar, wie sie sind. Es wird keine große Liebesarie gesungen, sondern es geht gleich zur Sache, nämlich ins Bett.»

Überliefert ist die Reaktion des Genossen Stalin, nachdem er im Januar 1936 diesem sexuellen Exzess in einem Moskauer Theater persönlich beigewohnt hatte: Er ließ in der Prawda eine vernichtende Kritik an dieser Entgleisung des jungen Komponisten abdrucken. Die Folgen: sofortige Absetzung der Oper (sie gelangte erst in den 70er Jahren ins westliche Ausland) und Todesangst bei Schostakowitsch. Fortan hing die Möglichkeit der Deportation nach Sibirien wie ein Damoklesschwert über jenem Mann, den die Partei als Hoffnungsträger der sowjetischen Musik angesehen hatte – bis zu jenem verhängnisvollen Macbeth-Abend.

In drei Akten und fünfzehn Szenen stellt Metzmacher fünfzehn große Werke der Opernliteratur vor, allesamt Lieblingsopern des gebürtigen Hannoveraners (52). Bekannte und weniger bekannte, eine bunte Mischung aus Klassik und Avantgarde: Von Richard Strauss’ Elektra und Mozarts über Hans Werner Henzes Bassariden und Kurt Weills Silbersee bis Monteverdis L’Orfeo und Wolfgang Rihms Dionysos. Es sind die großen Menschen- und Menschheitsthemen, von denen die Oper handelt: Liebe und Verrat, Macht und Verbrechen, Feigheit und Heldenmut, Sehnsucht, Einsamkeit und Tod.

«Wie sich die Gesangslinie hinaufschwingt zu den Göttern droben, wie der Laut der Lust voller Sehnsucht chromatisch sich verschiebt, wie das Sterbenmüssen nach Moll sich verfärbt, das ist einmalig. (…) Wieder so ein kalter, scharfer Klang, der einem durch die Glieder fährt. Auf und ab wogende Skalen wie heulende Winde. Er wird einem unheimlich zumute. Ein schneller Teil muss folgen. Das verlangt die Konvention. Und plötzlich wird es hell und heiter. Es sprudelt wie Champagner, es wimmelt von frechen Einfällen, dass es eine wahre Freude ist. Wir hören gute Laune, Lust und Übermut. Die Musik streckt uns die Zunge raus …» - so schreibt Metzmacher über Opern!

«Die Ohren wollen Klänge, die Herzen mitgerissen sein»

Zwischen den Szenen immer wieder die mit «Verwandlung» überschriebenen Einschübe: Werkstattbericht von der Entstehungsgeschichte der gefeierten Hamburger Wozzeck-Inszenierung. Wir erleben, wie sich der radikale Theaterregisseur Konwitschny und Metzmacher, der «Streiter für die Moderne», langsam Alban Bergs Oper nähern: eine Begegnung wie ein Rendezvous. Wie sie mit dem Bühnenbildner über der passenden Umsetzung ihrer Ideen brüten. Wie die Produktion beginnt, mit Akteuren, von denen sich die wenigsten vorher kannten. Die erste Bühnenorchesterprobe. Die Schlussprobenwoche. Die Orchesterhauptptobe, die Probe aller Proben. Schließlich die Premiere …

Wozu Oper? Welche Frage! «Jede große Oper birgt sich eine flammende Botschaft», schreibt Metzmacher. «Sie hat uns etwas mitzuteilen, ohne das unser Leben ärmer wäre. (…) Wozu Musik überhaupt? Weil sie hineinleuchten kann in die Abgründe, die sich hinter diesen Begriffen verbergen: Liebe, Verlust, Trauer, Macht, Ehrgeiz, Verrat, Wiedersehen, Glück, Wahnsinn, Einsamkeit, Tod. Weil sie mehr weiß als die Stimmen, die davon singen. Weil sie uns bewegen kann, wie das Gesprochene allein es nicht vermag. Wort und Musik. Orchester und Bühne. Bild und Ton. Es ist das gemeinsame Wirken, das Oper so unwiderstehlich machen kann. Begreifen Dirigent und Regisseur diese Kraft, kann etwas Außergewöhnliches entstehen. Das ist meine Überzeugung und meine gelebte Erfahrung.»