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Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind sie ein Paar: die promovierte Germanistin Inge Jens, 1927 als Inge Puttfarcken in Hamburg geboren, und der Schriftsteller und Gelehrte Walter Jens. Auch wenn sie in der Öffentlichkeit meist als die «Frau an seiner Seite» wahrgenommen wurde, hatte Inge Jens stets ein eigenständiges, beruflich erfolgreiches Leben geführt: als Editorin von Tagebüchern und Briefwechseln (u.a. von Thomas Manns Briefen an den Kölner Germanisten Ernst Bertram oder des Nachlasses von Mitgliedern der Weißen Rose), mit ihrer umfangreichen Arbeit über die Geschichte der Tübinger Universität und nicht zuletzt mit Bucherfolgen wie den Biografien von Katia alias Frau Thomas Mann und deren Mutter Hedwig Pringsheim, vieles davon gemeinsam mit Walter Jens.
Dass nun ihre bei Rowohlt erschienene Autobiografie mit großer Spannung erwartet wurde, liegt nicht zuletzt an der Demenzerkrankung ihres Mannes. Anders als ihr Sohn Tilman, dessen Buch mancher als schonungslose Abrechnung mit der übermächtigen Vaterfigur gelesen hat, sieht sie seine Krankheit nicht als einen Akt der Flucht, als resignative Reaktion auf das Bekanntwerden seiner NSDAP-Mitgliedschaft im Jahre 2003 an. Auch über diese Seite des Lebens in der Tübinger Sonnenstraße schreibt Inge Jens sachlich und unprätentiös – und doch springt einen aus jeder Zeile der Schmerz und die Trauer über die irreversible Krankheit des geliebten Mannes an.
«Nicht allein die Autobiografie einer starken, selbstbewussten Frau, nicht allein ein Stück deutscher Nachkriegs- und Geistesgeschichte. Sondern ein weiterer, beispielhafter Beitrag zu einer Diskussion über eine Erkrankung und ihre Folgen für Kranke wie deren Angehörige, die in den nächsten Jahren gewiss noch häufiger und intensiver geführt werden wird.» (Der Tagesspiegel)
Zum Einlesen dokumentieren wir aus dem Vorwort und mehreren Kapiteln der Unvollständigen Erinnerungen jeweils einen zentralen Passus.
Warum schreibe ich dieses Buch? Weil ich merkte, dass es mir Spaß machte, mich mit mir selbst zu beschäftigen. Das war eine unerwartete Erfahrung. Ich bin immerhin 82 Jahre alt und habe mich, soweit ich es weiß, noch nie sehr intensiv für mich interessiert. (…) Aber es gibt noch einen weiteren Grund: Nach 57 Jahren nie abreißender Gespräche bin ich allein – ohne den Menschen, mit dem sich über alles auszutauschen mir so selbstverständlich war wie essen und trinken oder atmen. Mein Mann ist seit langer Zeit schwer krank. Seit gut zwei Jahren kann er weder lesen noch schreiben. Eine Unterhaltung mit ihm ist nicht mehr möglich. Er ist da: als ein der Zuwendung bedürftiger Mensch, der ein Recht darauf hat, dass auch ich «da bin». Aber als Partner, als ein verstehendes, Antwort gebendes oder gar widersprechendes Gegenüber, gibt es ihn nicht mehr.
Krieg. Das erste wirklich entschneidende – also nachhaltig wirksame – Datum in meinem Leben war der 1. September 1939. «Von heute an wird zurückgeschossen»: Das tödliche Entsetzen, das diese Hitlerworte hinterließen, habe ich bis heute icht vergessen. (…) Ich möchte nicht missverstanden werden. Ich habe nichts erlebt, was über einen sogenannten normalen Kriegsalltag hinausging … Ich habe nur erfahren, was Angst ist, panische Angst. Trotzdem wurde der Krieg zur bis heute entscheidenden Erfahrung meines Lebens: Krieg als die Summierung aller Ängste, der Inbegriff des Schreckens und des sinnlosen Leidens. Mein späteres Engagement in der Friedensbewegung hat seinen Ursprung in dieser Erfahrung der Heranwachsenden.
Nachkrieg. Der ablehnende Bescheid ein paar Tage später (auf die Bewerbung als Sekretärin beim NWDR, dem Nordwestdeutschen Rundfunk in der Hamburger Rothenbaumchaussee, d.R.) verunsicherte mich nachhaltig – vor allem wegen seiner Begründung: Als ehemalige HJ-Führerin sei ich ungeeignet für die Arbeit in einer sich der deutschen Reeducation widmenden Institution. (…) Bis zu diesem Moment hatte ich mich als Individuum nicht «schuldig» gefühlt und trotz allen Erschreckens angesichts der Offenbarung deutscher Gräueltaten nie daran gedacht, dass man mich persönlich haftbar machen würde für Verbrechen, die ich nicht begangen, ja, von denen ich nicht einmal etwas gewusst hatte.
Ernst Rowohlt. Er war Gast der Feier, zu der meine Eltern im Anschluss an die kirchlche Trauung sechs Wochen später die beiderseitigen Verwandten und Hamburger Freunde in unser Wandsbeker Haus eingeladen hatten. (…) Ehe wir gegen 22 Uhr am Hauptbahnhof den Schlafwagenzug nach Stuttgart bestiegen, nahm mich Ernst Rowohlt noch einmal beiseite: «Hören Sie mir gut zu, junge Frau. Sie haben einen Schriftsteller geheiratet, dessen Bücher man gelegentlich ‹verreißen› wird. Er wird antworten wollen. Doch dann, meine Liebe, schlägt Ihre Stunde: Nehmen Sie ihm den Bleistift aus der Hand! Niemals antworten! Nie! Merken Sie sich: nie!» Ich habe mich daran gehalten – ein Leben lang.
Frau Editorin Inge Jens. Ich entdeckte den Reiz des Kombinierens, und der Zwang, das durch Vergleiche Erschlossene anhand der Quellen wieder und wieder zu überprüfen, war mir nicht lästig. (…) Hier, im Edieren, hatte ich meine Arbeit gefunden. (…) Zum ersten Mal bemerkte ich, was es bedeutete, als eigenständige Persönlichkeit und nicht länger nur als Frau eines interessanten und berühmten Mannes zu gelten – eines Mannes allerdings, der mit dieser wachsenden Selbständigkeit durchaus keine Schwierigkeiten hatte, sondern alles in seinen Kräften Stehende tat, um sie zu fördern.
Hans Mayer. Es gibt wenige Menschen, denen ich so viel verdanke wie ihm. Seine Empathie, sein Rat, später seine Freundschaft und schließlich – in den letzten Jahren vor seinem Tod – sein vorbehaltloses Vertrauen sind fester, nicht wegzudenkender Bestandteil meines Lebens. (…) Das Ende kam schnell. Es war ruhig und gnädig … Wir haben dann freundlich Abschied genommen und den Toten drei Tage später morgens früh mit ein paar Freunden aus dem Hause geleitet, in dem er fast dreißig Jahre daheim gewesen war. «Daheim»: Ich gebrauche das Wort bewusst, denn ich bin der Meinung, Hans Mayer war in den letzten Jahrzehnten – wenn irgendwo – in Tübingen zu Hause, der Stadt Hegels und Hölderlins, schließlich auch Uhlands und, immerhin noch sechzehn Jahre lang, des bewunderten und geliebten Ernst Bloch.
Mutlangen. Der ganz persönliche Wert aber, den das im Wort «Mutlangen» zusammenlaufende Friedensengagement für mein Leben gehabt hat, ist geblieben. Ich weiß, wenn es notwendig wäre und ich noch über die unabdingbaren gesundheitlichen Voraussetzungen verfügte, würde ich wieder mitmachen. Denn ich bin nach wie vor überzeugr, dass – auch wenn wir die Aufstellung der Raketen nicht verhindern konnten – der Verschrottungsbeschluss von 1987 und der definitive Abzug im Jahre 1990 ohne die jahrelange ständige Präsenz und die Protestaktionen der Friedensbewegung, auch der in Mutlangen agierenden, nicht hätten durchgesetzt werden können.
Alter. Ich sehnte mich danach, endlich den großen Vorzug des Alters zu genießen, nichts mehr zu müssen, jedoch noch ziemlich viel zu können und zu dürfen.
Am Ende Frieden. Erst als auch das Nachspiel (von Hans Georg Bertrams Orgelkonzert in der Tübinger Jakobuskirche, d. R.) vorbei war und das Publikum zu applaudieren begann, nahm er (Walter Jens, d. R.) wieder von uns Notiz: «Was machen die?» Und ehe er zugewandt und freundlichen die vielen Menschen begrüßte, die ihm die Hand drücken wollten, sagte er nach einem tiefen Seufzer: «Das war wunderbar.» (...) Ob er meinte, was er sagte? Ich kann es nur hoffen. Erfahren werde ich es nie. Dennoch bin ich ir sicher: «Ja, es war wunderbar.»