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Mit Imre Kertész wurde im Jahre 2002 zum ersten Mal ein Schriftsteller mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, dessen zentraler Erfahrungshintergrund der Holocaust ist – und der erste Ungar überhaupt, derm diese Ehre zuteil wurde. Selten dürfte eine Wahl der Schwedischen Akademie auf derart ungeteilte Zustimmung gestoßen sein. «Roman eines Schicksallosen», das am 1.11.2009 anlässlich von Kertész' 80. Geburtstag bei rororo in einer schönen handlichen Sonderausgabe erscheint, ist sein Opus magnum: ein Monolith, «einsam und monumental».
1944, im Alter von 15 Jahren, war Kertész nach Auschwitz-Birkenau deportiert worden, ein Jahr später wurde er aus Buchenwald befreit. Jahrzehntelang lebte er mit seiner Frau in einer winzigen Budapester Wohnung, 28 Quadratmeter groß: «Eine Existenz im Nullzustand, der Mensch so verkleinert, als lebte er noch im Lager, dem er entkommen ist» (Iris Radisch).
Als Journalist und Übersetzer (u.a. von Wittgenstein, Nietzsche, Freud und Joseph Roth) hielt er sich mühsam über Wasser; erst die Brotjobs als Verfasser von Lustspiel-, Operetten- und Musicaltexten gaben ihm den Freiraum, sich der Literatur zu widmen. Kertész hat 1956 nach dem Aufstand sein Land nicht verlassen, obwohl das bedeutete, für lange Zeit von der Welt ausgesperrt zu sein. Nicht einmal einen eigenen Pass besaß er: «Ich bin wegen der ungarischen Sprache geblieben. Ich hätte mit ihr im Ausland wenig anfangen können.»
Dreizehn Jahre seines Lebens, von 1960 bis 1973, arbeitete er an dem Roman eines Schicksallosen. Ein radikaleres Werk über den Holocaust ist kaum vorstellbar. Es schildert die Erfahrung der Hölle von Auschwitz konsequent aus dem Blickwinkel des jüdischen Jungen György Köves, der von der Straße weg verhaftet und ins Konzentrationslager verschleppt wird. «Denn sogar dort, bei den Schornsteinen, gab es in der Pause zwischen den Qualen etwas, das dem Glück ähnlich war… Ja, davon, vom Glück der Konzentrationslager, müsste ich ihnen erzählen, das nächste Mal, wenn sie mich fragen» – es sind solche Sätze, die den Leser fassungslos und erschüttert zurücklassen.
Der Philosoph László F. Földényi, von dem jetzt bei Rowohlt unter dem Titel Schicksallosigkeit ein Imre-Kertész-Wörterbuch erschienen ist, hat von einer Lesung Kertész’ in einer Berliner Galerie 1992 berichtet, bei der die Irritation des intellektuellen Publikums mit Händen greifbar war – so als habe sich der Ungar in schlimmster Weise am Gastrecht versündigt: «In der Stille begriff ich, der Nicht-Deutsche, dass diese Zuschauer … darauf warten, dass der dort am Tisch endlich still wird. Er hat zwar das Lager überlebt, aber wir wissen besser, wie schrecklich es ist – diese unausgesprochene Selbstsicherheit vibrierte um mich herum.»
Der naiv-lakonische Ton, das unschuldige Staunen des Jungen, der Wunsch, das Unverstehbare zu verstehen, dem Morden um ihn herum einen Sinn abzuringen, die Suche nach dem kleinen Glück im großen Sterben, «die fast heiteren Pastellfarben, mit denen er die KZ-Welt ausstattet» (Ulrich Weinzierl) – das stößt Kertész’ Leser in ein bodenloses moralisches Dilemma.
Das Unheimliche, Verstörende liegt in dem Beharren, dass selbst in der Allgegenwart von Gewalt und Vernichtung immer auch etwas von Glück und Hoffnung spürbar war. Kein Schuldspruch, keine Moral, kein Nie-Wieder. Kein Pathos, keine Psychologie. Wer Trost sucht, sollte ihn nicht bei Kertész suchen: «Über Auschwitz kann man nur erzählen, wenn man den Leser oder Zuschauer verletzt.»
Kertész' ungarischer Verlag druckte 1975 eine kleine Auflage, sabotierte aber die Auslieferung. Generöserweise durfte der Autor immerhin 200 Exemplare für den «persönlichen Gebrauch» abholen. Diese Missachtung, ja Verachtung gegenüber seiner Erfahrung und seinem Werk verarbeitete Kertész in dem Roman Fiasko.
«Noch nie ist der verzweifelte Versuch, den großen Mord zu verstehen, so weit getrieben worden», sagte Hans Magnus Enzensberger über Kertész’ epochalen Roman – ein Jahrhundertbuch, das jeden, der es liest, noch lange beschäftigen wird.