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Der Roman eines Schicksallosen ist eines der großen Zeugnisse der Weltliteratur über die Zerstörung des Menschlichen. Sein Autor, Imre Kertész, hatte als 15-jähriger fast zwei Jahre in Auschwitz und Buchenwald verbracht. Wie muss es ihn getroffen haben, dass seiner literarischen Analyse des totalitären Mechanismus zunächst keine Aufmerksamkeit entgegengebracht wurde. 1975 erscheint der Roman in Ungarn, 1990 endlich auf Deutsch. Und wieder wird er kaum wahrgenommen. Das ändert sich erst nach der neuen Übersetzung durch den Rowohlt Verlag 1996.
Man muss sich diese zögerliche Aufmerksamkeit, ja Missachtung über fast zwei Jahrzehnte hinweg vergegenwärtigen, um nachvollziehen zu können, was ein kleiner Artikel, der im Mai 1977 in der Neuen Zürcher Zeitung erscheint, für Kertész bedeutet. Eva Haldimann, gebürtige Ungarin, in der Schweiz lebend, rezensiert den Roman – vor allem aber: Sie versteht ihn.
«Hier sucht einer den Mahlstrom zu begreifen, während er in die Tiefe gewirbelt wird.» Die erste Stimme aus dem Westen zu dem Werk. In einem Budapester Schwimmbad erfährt Kertész von diesem Artikel, bald darauf bedankt er sich mit einem Brief – der Auftakt zu einem Briefwechsel, der bis 2002 an dauern wird. Der 48-jährige Autor versucht der Journalistin verständlich zu machen, warum ihr Artikel fast eine Neugeburt des Schriftstellers Imre Kertész markiert: «Wahrscheinlich ahnen Sie gar nicht, was für ein seltenes Geschenk für mich das würdigende Interesse eines unabhängigen Geistes in meinem täglichen Kampf gegen das Schweigen ist.»
Die 61 Briefe, die meisten davon ab 1990 geschrieben, lesen sich wie ein sehr persönliches Journal, in dem sich ein skeptischer Autor allmählich öffnet, für den «das Exil zu einer natürlichen geistigen Existenzform geworden» ist: Offenbar gibt es doch eine literarische Öffentlichkeit, die sich für sein Werk interessiert. «Vielleicht ist eine niederdrückende und unterjochende Epoche zu Ende gegangen. 40 Jahre! Was ist das für uns? Alles in allem mein Leben ...» (Jan. 1990)
In den Briefen finden sich wunderbar ironische Stellen eines geradezu kindlichen Staunens darüber, was für eine neu zu entdeckende Welt jenseits des früheren Eisernen Vorhangs existiert, der Freude über Einladungen, der Dankbarkeit für Gespräche, der Bescheidenheit («habe einen Seniorenausweis für die Bahn, mit dem ich billig und prima reisen kann»).
In Eva Haldimann hat Kertész ein Gegenüber, von dem er sich verstanden weiß, gerade auch bei unsäglichen antisemitischen Anwürfen durch die ungarische Kulturpolitik nach 1989. Die unablässige Selbstbefragung, für Kertész Pflicht, machen die Briefe zu einem großen Dokument: «Daß ich Ungar bin, ist um nichts absurder, als daß ich Jude bin; und daß ich Jude bin, ist nicht absurder, als daß ich überhaupt bin. – Nach Auschwitz ist das die einzig mögliche Definition für mich geblieben. Man glaube nicht, daß es so leicht war, zu dieser vielleicht aphoristisch erscheinenden Formulierung zu kommen.»
(Aus: Rowohlt Revue 88, Autor: Gerd Blomberg)