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Ilona Maria Hilliges: Ein Kind Afrikas

© Peter Hilliges

Träge wälzt sich der Pangani durch die Bambushaine, an seinen Ufern fressen sich die Flusspferde und Wasserbüffel satt, weiße Reiher ziehen ihre Kreise. So ähnlich, denkt Amelie, mag das Paradies ausgesehen haben. Die Pracht und Vielfalt der Natur, die betörende Schönheit der Landschaft, die Friedfertigkeit ihrer Bewohner haben sie von jeher fasziniert. Hier, in Deutsch-Ostafrika, hat sie eine glückliche Kindheit verbracht. Amelie von Freyer ist gerade zurückgekehrt von einer Expedition zru Bekämpfung der Schlafkrankheit. Die Erfahrungen, die sie als Ärztin bei afrikanischen Heilern gesammelt hat, würden ihr helfen, nun endlich ihren Lebenstraum zu verwirklichen: die Gründung einer Urwaldklinik – gemeinsam mit dem Mann, den sie liebt.

Im Schatten der Usambaraberge

Doch wider Erwarten wachsen Amelie die Probleme bald über den Kopf. Nicht nur, dass Vater und Bruder Hanns ständig im Streit liegen. Der alte Patriarch kann es nicht verwinden, dass sein Sohn eine Afrikanerin zur Frau genommen hat. Selbst Lotte, die kleine schwarze Enkeltochter, vermag ihn nicht milde zu stimmen: Hanns hat offenbar keine Ahnung, wie groß die Feindseligkeit unter den Siedlern ist. Auch die Politik lässt keinen zur Ruhe kommen. Die kaiserliche Regierung erwartet von den deutschen Farmern deutlich höhere Erträge. Warum spricht niemand darüber, wie es wirklich um ihre Zukunft steht? Als Amelie schon glaubt, einen Ausweg gefunden zu haben, kommt es zu einer Katastrophe …

Wie schon in Sterne über Afrika erweist sich Ilona Maria Hilliges auch in Ein Kind Afrikas wieder als brillante Erzählerin: voller lakonischer Poesie und stets hellwach für innerste Regungen ihrer Figuren. Wir haben die Autorin über ihre Afrika-Romane befragt.

DAS INTERVIEW

Warum reisen wir? «Damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei», so Max Frisch. Gilt das auch für Ihr Leben?
Als Frisch das schrieb, war Reisen anders als heute zu verstehen, wo man für wenig Geld Tapetenwechsel bekommt und den Nachbarn am Strand des Pauschalhotels trifft. Als ich in die Fremde zog, wollte ich zunächst einmal meinem Vater entkommen, der meinen schwarzafrikanischen Freund ablehnte. In Kanada, England und später Nigeria lebte ich in engem Kontakt mit der dortigen Bevölkerung. In Frischs Sinn, um herauszufinden, was mir möglich ist. Ja, auch um meine Grenzen zu finden. Frischs Denkanstoß trifft insofern auch auf die Heldin meines Buchs zu, die den Zwängen und Konventionen des Deutschlands von vor hundert Jahren zu entkommen suchte.

Ihre Romane enthalten betörend schöne Beschreibungen einer uns Mitteleuropäern so fremden Welt. Wenn Sie die Augen schließen und ein Bild Ihres Afrikas aufzieht – wie sieht es aus?
Wenn Sie heute in Buchhandlungen nach Afrika-Büchern Ausschau halten, finden Sie immer wieder ein Motiv: die Schirmakazie vor Sonnenuntergang. Schlagen Sie die Zeitung auf oder gucken Nachrichten, erleben Sie das Gegenteil: hungernde Menschen, Krieg, Zerstörung. Erlebt habe ich beides – die Schönheit und das Elend Afrikas. Und wie ist es in Deutschland? Millionen von Kindern leben bei uns in Armut, obwohl wir eine führende Industrienation sind. Als Autorin kann ich also nicht nur ein Bild sehen, privat sehne ich mich aber nach der Wärme und Sinnlichkeit eines afrikanischen Abends.

Historischer Roman, Ethnoroman, Liebesroman, alles das ist Sterne über Afrika ebenso wie Ein Kind Afrikas. Was hat Sie an einer Figur wie der jungen Berliner Ärztin Amelie von Freyer so gereizt, von der Sie auf Ihrer Homepage schreiben, sie sei Ihnen zu einer Art «zweitem Ich» geworden?
Ich habe dem Roman einen Epilog vorangestellt: Eine Sechsjährige erlebt in einer feuchten Kellerwohnung im Berliner Wedding, wie ihre Mutter stirbt. Dann sieht man sie, wie sie in Afrika gefährliche Situationen meistert. Wie schafft ein Mensch das? Anders gesagt: Der Roman handelt von dem nachvollziehbaren Wunsch, über sich selbst hinaus zu wachsen.

Noch viel Spannendes zu erzählen ...

Welche Rollen spielen archaische Kulte und magische Rituale heute noch in der «Krisenregion Afrika»?
So genannte Entdecker stülpten vor rund einem Jahrhundert unseren Glauben über das, was damals als «heidnisch» apostrophiert wurde. Sie hinterließen Völker ohne eine im alten Glauben verwurzelte Identität. Der Kontinent wurde willkürlich politisch aufgeteilt und wird bis heute wirtschaftlich ausgebeutet. Da tut man sich leicht, von einer Krisenregion zu sprechen, ganz so, als trüge Europa nicht die Verantwortung dafür. Wo der alte Volksglaube überlebte, führt er bis auf wenige Ausnahmen wie Benin eine Randexistenz.

Kleiner Blick voraus: Könnten Sie sich vorstellen, Ihren Lebensabend irgendwo in Afrika zu verbringen?
Da kommen wir wieder zu Max Frisch zurück! Ich muss heute nicht mehr in die Welt hinausziehen, um zu erfahren, was mir möglich ist. Eine Autorin, die versucht, im Dickicht Zehntausender neu erscheinender Bücher zu überleben, hat auch ganz schön zu kämpfen …

Schreiben Sie bereits an einem neuen Afrika-Roman? Oder erwartet uns in Ihrem nächsten Buch ein Themen- und Szenenwechsel?
Ich war gerade wieder in Afrika und habe einen Rucksack voller Eindrücke mitgebracht. Nachdem ich mich für die beiden Romane über Amelie von Freyer so ausgiebig mit den deutschen Kolonien beschäftigt und daraus auch eine Art von Familiensaga entwickelt habe, habe ich noch viel Spannendes zu erzählen! Auch für mich ist Amelie immer wieder eine Frau voller Überraschungen und Widersprüche.