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Ilona Maria Hilliges: Die kleine Göttin

© Peter Hilliges

Sehr charmant, sehr lustig, sehr informativ: So kann es sein, wenn eine Romanautorin ihre eigene Heldin interviewt. Ilona Maria Hilliges hat genau das getan. Sie und ihre Romanheldin Victoria treffen sich an einem reizvollen Ort in Berlin. Es gibt einiges zu besprechen zwischen den beiden Frauen – schließlich ist das «Abhängigkeitsverhältnis» ein beiderseitiges. Ohne Ilona gäbe es Victoria nicht; auf der anderen Seite stünde die Autorin ohne ihre Hauptfigur auch ziemlich arm da, trägt sie doch einen Großteil der Geschichte. Und die hat es in sich: Eine junge Frau, die sich nach Afrika aufmacht, um das Tabuthema ihrer Kindheit zu erkunden. Und die dabei in Nigeria einen verschütteten Teil von sich selbst entdeckt und lernt, das Leben mit ganz anderen Augen zu sehen …

(K)Ein Interview mit meiner Romanheldin Victoria

Als Treffpunkt für unser Interview schlägt Victoria Sommerberg einen kleinen Laden in Berlin vor. Das «Tiameh» liegt an einer belebten Einkaufsstraße und ist eine Mischung aus Teestube, Afrikashop und Buchgeschäft. Während ich zusehe, wie sie eine Kundin berät, stelle ich verwundert fest, dass sie jünger, schlanker und dynamischer wirkt, als ich sie in Erinnerung habe. Kein Wunder: Es ist eine Weile her, dass wir uns zuletzt gesehen haben. Gegenüber der Theke, an der ich Platz nehme, steht in einem Glasschrank eine wohl dreißig Zentimeter hohe Tonfigur, angestrahlt von Lampen. Victoria setzt sich neben mich, wir trinken Tee.

Ilona (deutet auf die Figur): Ist sie das?
Victoria: Jeder, der hier reinkommt, fragt mich, ob das die kleine Göttin ist. Sorry, aber dazu darf ich nichts sagen.
Ilona Warum?
Victoria: Ich habe früher selbst bei einer Versicherung gearbeitet. Darum weiß ich, dass es praktisch unbezahlbar ist, so etwas Seltenes gegen Diebstahl zu versichern.
Ilona: Also ist sie es?
Victoria:(grinst und legt den Zeigefinger auf ihre Lippen)
Ilona: Der Roman, in dem du ... Entschuldigung: Ist es okay, wenn wir uns duzen?
Victoria: Im Prinzip kennen wir uns ja schon eine Weile. Da wird es Zeit, sich zu duzen. Und ich schätze, wir sind im selben Alter.
Ilona: Was ich fragen wollte: In meinem Roman Die kleine Göttin spielst du die Hauptrolle. Aber du stehst nicht so gern im Mittelpunkt, stimmt`s?
Victoria: Hatte ich eine Wahl? (lacht) Aber im Ernst: Ich meine, ich hatte ein schönes ruhiges Leben. Und du hast echt drauf rumgetrampelt. Am Anfang fand ich das wirklich nicht lustig, muss ich schon sagen.

Autoreninfo

Ilona Maria Hilliges lebte mehrere Jahre in Afrika. Ihr autobiografischer Roman "Die weiße Hexe" stürmte die Bestsellerlisten. Auch die Romane...
mehr über die Autorin
Altes Leben, neues Leben

Ilona: Ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber dein Leben war ganz schön langweilig.
Victoria: Nicht zu nahe treten? Das soll wohl ein Witz sein! (lacht nicht) Was ist daran langweilig, wenn man bei einer Versicherung arbeitet, eine gute Ehe führt, eine Tochter groß zieht und sich um seine Mutter kümmert? Mir gefiel mein Leben!
Ilona: Mal unter uns: War es wirklich so toll?
Victoria: Im Nachhinein ist man immer schlauer. (Verschränkt die Arme vor der Brust, ein Anflug von Lächeln schleicht sich in ihr Gesicht.) Du hast zwar auf meinem alten Leben rumgetrampelt, aber das neue, das du mir verpasst hast, gefällt mir besser.
Ilona: Warum?
Victoria: Ich will`s mal mit den Worten von Moritz ausdrücken. Der sagte zu mir, als ich am Boden war: Wer was Neues macht, macht auch mal Fehler. Wer nur das Alte macht, macht immer nur die alten Fehler.
Ilona: Wir sollten erklären, wer Moritz ist.
Victoria: Eigentlich kennen wir uns schon unser halbes Leben lang, sind aber immer aneinander vorbeigelaufen. Das wäre wohl auch so geblieben, denn nach meiner Scheidung war das Thema Männer für mich eigentlich durch.
Ilona: Er war nicht direkt dein Traummann?
Victoria: (lacht) Nee, total die graue Maus. Aber das war ich wohl auch.
Ilona: Und Ihr beiden grauen Mäuse wolltet nach Afrika! Ganz schön mutig!

Was heißt schon Heldin?!

Victoria: Ich versteh sowieso nicht, wieso du mich und Moritz zu deinen Helden gemacht hast. Wir sind so was von überhaupt keine Helden.
Ilona: Eben darum! Ich war auch keine Heldin, als ich mich in Nigeria durchs Leben schlug.
Victoria: Du sprichst von deiner Zeit als «Weiße Hexe»? Ich bin froh, dass meine Abenteuer nicht ganz so schlimm waren wie deine!
Ilona: Aber deine Zeit in Afrika hat dich dennoch sehr verändert. Erzähl doch mal!
Victoria: Wo soll ich anfangen?! Ich war ja zuvor noch nie außerhalb von Europa. Da haben mich die Zustände in Nigeria anfangs ziemlich schockiert. Das ist schließlich kein Land für Touristen, aber ich hatte das Glück, dort eine Anlaufstelle zu haben. Meine Tante hat`s mir zwar anfangs nicht leicht gemacht, aber als sie mir dann gezeigt hat, wie ursprünglich das Land sein kann, da hat`s mich gepackt. Ich habe gemerkt, dass in mir so viel mehr steckt, als ich es selbst für möglich gehalten hatte.
Ilona: Deine Tante spielt in der Geschichte eine zentrale Rolle.
Victoria: Sie lebt seit Jahrzehnten in Nigeria, eigentlich ist sie eine Einheimische. Ich bewundere sie sehr, aber mehr sollte ich nicht verraten. Denn deine Leser sollten Tante Theodora wirklich selbst kennen lernen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Nur so viel: Sie ist die ungewöhnlichste Tante, die man sich vorstellen kann. Das absolute schwärzeste Schaf in der Familie.
Ilona: Wenn ich sagen soll, wovon mein neuer Roman erzählt, antworte ich: Von einer Frau Anfang 50, die in Afrika zu sich selbst findet. Ist das richtig?
Victoria: Ach, das mit Anfang 50 kannst Du weglassen (lacht). Afrika hat mich jünger gemacht.
Ilona: Und Moritz?
Victoria: Den habe ich jünger gemacht. Oder klingt das unbescheiden?
Ilona: Überhaupt nicht. Die Liebe macht jeden jünger. (Gemeinsames Lachen)
Ilona: Letzte Frage: Am Anfang des Romans gehst du nach deiner Scheidung zum Boxen. Bist du seitdem mal wieder boxen gewesen?
Victoria: (verdreht die Augen) Das hättest Du wohl gern!
Ilona: (grinst und trinkt Tee)