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Nein, Blaue Wunder hat Ildikó von Kürthy mit ihrem kleinen Sohn nicht erlebt. Schwerelos aber hat der Knabe ihr Leben und das ihres Mannes gewiss nicht gemacht – wie auch. Auf die Frage, wie sich ihr Leben mit der Geburt des ersten Kindes verändert habe, sagte Kürthy im Interview mit WOMAN: «Komplett. Ich schlafe anders, ich denke anders, ich lebe nicht mehr nach meinem eigenen Rhythmus. Mein Kinderwunsch ist erfüllt, ich bin unfreier und freier als jemals zuvor.» Kein Zufall, dass sie in Schwerelos Hildegard Knefs Bonmot zitiert: «Ich habe ein einfaches Rezept, um fit zu bleiben: Ich laufe jeden Tag Amok.»
Amok läuft zwar ihre Heldin Marie nicht, aber ganz schön ratlos ist die 37-Jährige schon: Wo sind nur die alten Gewissheiten hin, jetzt, wo ihr langjähriger Freund Frank endlich den ersehnten Heiratsantrag gemacht hat? Ihre beste Freundin ist mit einem verheirateten Mann liiert, ihre Cousine Leonie weiß nicht, von wem sie schwanger ist, und ihr schwuler Freund Erdal wünscht sich nichts mehr, als endlich Vater zu sein. Und dann mischt sich auch noch ihre verstorbene Lieblingstante Rosemarie aus dem Jenseits massiv in Maries Leben ein …
Frau von Kürthy, ihre Romanheldin Marie Goldhausen, 37, bekommt den ersehnten Heiratsantrag und könnte nun endlich eine Familie gründen. Das klingt nicht nach dem Anfang eines Romans, sondern nach einem glücklichen Ende. Was soll denn da noch kommen?
Genau das fragt sich Marie auch. Was kommt eigentlich nach dem Happy End? Wie geht es weiter, wenn alle Träume wahr geworden sind? Und auf einmal ist sie sich nicht mehr so ganz sicher, ob sie wirklich «Ja» sagen soll. Ehe? Kinder? Ist das wirklich der Zug, in dem sie sitzen will? Oder steigt sie nur ein, weil er bald abfährt? Marie ist eine Frau, die Sicherheit mehr liebt als hohe Schuhe, sie ist vernünftig und pragmatisch, und das einzig Wilde und Unberechenbare an ihr sind ihre Haare. Aber manchmal ist unvernünftig das Beste, was man sein kann. Das wird Marie besonders bewusst, als in ihrem Leben eine Menge gänzlich unerwarteter Dinge geschehen ...
... Maries geliebte Tante explodiert, ihre Cousine ist schwanger, weiß aber nicht, von wem, und ein schwuler Schulfreund will unbedingt Vater werden.
Es handelt sich hier nicht um irgendeinen schwulen Schulfreund! Es ist Erdal Küppers! Der hat schon in meinen letzten beiden Romanen mitgespielt, und den finde ich so toll, dass ich ihn selbst in einem Sachbuch über Steuerrecht unterbringen würde. Erdal will ein Kind, Maries Cousine ist schwanger – das trifft sich günstig. Und Erdal ist der engagierteste werdende Vater, den man sich vorstellen kann …
Er geht zum Schwangeren-Yoga, zum Geburtsvorbereitungskurs und ist schließlich sogar bei der Geburt dabei.
Diese Szenen konnte ich ja fast originalgetreu aus meinem eigenen Leben abschreiben. Geburtszange, Saugglocke, Beckenboden, Muttermund – ich bin heilfroh, dass ich mein ganzes neu erworbenes Fachwissen hier unterbringen konnte.
Sie sind seit zwei Jahren Mutter eines Sohnes …
Bitte, jetzt nicht die Frage: Was hat sich dadurch für Sie verändert? Wie soll man das denn beantworten, wenn man nicht mehrere hundert Seiten zur Verfügung hat? Alles hat sich verändert. Ich weiß jetzt, wie man Kürbisflecken aus der Auslegeware rausbekommt und Ausschlag im Windelbereich behandelt. Mein Leben, so wie ich es einmal kannte, ist vorbei.
Eine wichtige Rolle im Roman und in Maries Leben spielt ihre Tante Rosemarie. Eine sehr emanzipierte, eigenwillige und freiheitsliebende Frau …
... die Marie sogar aus dem Jenseits heraus noch nervös macht. Diese Tante ist die leise Stimme der Unvernunft, der Zwiebackkrümel in Maries Bett, der sie daran hindert, es sich allzu gemütlich und bequem im Leben zu machen. Tante Rosemarie ist eine Frau, die sich ihre Sehnsüchte erfüllt, die mutig ist, die sagt: Sicherheit ist eine Illusion. Das Leben verändert sich sowieso. Da ist es doch besser, ich mische ein bisschen mit, statt es nur mit mir geschehen zu lassen.
Haben Sie eine Tante Rosemarie?
Nein. Sie ist eine Traum-Tante. Aber zum Glück habe ich trotzdem genügend Zwiebackkrümel in meinem Bett.
(Aus: Rowohlt Revue 86.)