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INTERVIEW: Stephen L. Carter

Als Stephen L. Carters Schachmatt erschien, wurde er mit Lob geradezu überschattet: «Ein Genuss» (John Grisham), «ein sprachliches Meisterwerk» (Time). Allein in Deutschland verkaufte sich der Roman über 100.000 mal (bei rororo erscheint jetzt eine Neuausgabe des literarischen Bestsellers). Nun hat Carter nachgelegt, mit einem grandiosen Spionage-Thriller: Vermächtnis. In einem ausführlichen Interview äußert sich der US-Autor über das Making of … der beiden Romane.

DAS INTERVIEW

Vermächtnis ist ein Neuanfang, was Ihre Romane angeht. Wie kamen Sie zu dem Entschluss, einen Spionagethriller zu schreiben?
Ich hatte Lust auf ein anderes Erzähltempo. Meine bisherigen Romane waren sehr umfangreich – das, was Kritiker gern als vielschichtig bezeichnen. Hier nun wollte ich mich an einem eher kurzen, straff erzählten Spannungsroman versuchen, einem Buch, bei dem man vor allem die rasante Handlung genießt. Es macht Spaß, Thriller zu lesen, und ich habe entdeckt, dass es auch Spaß macht, sie zu schreiben. Wenn den Lesern Vermächtnis gefällt, könnte ich mir vorstellen, in dieser Richtung weiterzumachen.

In Ihrer Nachbemerkung erwähnten Sie, geistige Erkrankungen seien unter Mitgliedern des Geheimdienstes weit verbreitet. Gewiss ist diese Verbindung von nachrichtendienstlicher Tätigkeit und Wahnsinn in Ihrer Figur Jericho ausgeprägt vorhanden. Warum glauben Sie, dass es eine solche Verknüpfung gibt, und ist sie die Hauptantriebskraft für Jerichos Geschichte?
Stephen L. Carter: Bei den Recherchen für mein letztes Buch, Schwarz und Weiß, übte das Problem geistiger Erkrankungen in Geheimdienstkreisen große Faszination auf mich aus. Dieses Thema machte in den Sechziger- und Siebzigerjahren von sich reden, vor allem in Zusammenhang mit dem Fall von James Jesus Angleton, dem damaligen Chef der Spionageabwehrabteilung, der fast zu einer Spaltung der CIA führte. Ich dachte mir, sicher sei es ein interessanter Aufhänger, eine Geschichte rund um einen Ex-Spion zu erzählen, der allmählich den Verstand verliert, und der Rest ergab sich dann von selbst.

Jericho ist ehemaliger Direktor der CIA, ehemaliger Verteidigungsminister und ehemaliger Sicherheitsberater des Weißen Hauses (der frühere „Mr. Everything“, wie Sie ihn nennen). An ihm scheint Sie besonders zu interessieren, welchen Einfluss seine Karriere nicht nur auf seine Familie, sondern auch auf seine Ex-Geliebte Rebecca DeForde («Beck») ausübte. Welche Gründe gab es für Sie, Beck in den Mittelpunkt der Geschichte zu stellen?
Mein erster Roman Schachmatt befasste sich unter anderem damit, was mit der Familie eines Mannes geschieht, der nach seinem Scheitern im Kampf um eine Berufung an den Obersten Gerichtshof verbittert. Dabei lag mein Hauptaugenmerk auf Männern des öffentlichen Lebens, die durch ihre privaten Beziehungen zu Frauen (beinahe) zu Grunde gehen. Was mit den Männern geschieht, erfahren wir immer, doch nur selten hört man, was aus den Frauen wurde. Mit Beck DeForde wollte ich eine Figur erschaffen, die früher einmal die «andere Frau» im Leben eines berühmten Mannes war und sich nach dem Ende ihrer stürmischen Beziehung ein neues Leben aufbauen muss. Die Idee, sie in das Intrigennetz rund um ihren Ex-Geliebten hineinzuziehen, war unwiderstehlich.

Dunkelmänner, Spione, Strippenzieher

Hat Sie denn das Thema Spione und Geheimdienste immer schon interessiert?
Es ist nicht die Spionage, die mich so sehr interessiert, sondern die Menschen, die sie betreiben. Ich habe viel darüber gelesen, welchen Tribut eine solche geheimdienstliche Tätigkeit den betreffenden Familien abverlangt, und habe hier versucht, dies in einem Roman umzusetzen. Was den Geheimdienst angeht, so halte ich derzeit eine Vorlesung an der Juristischen Fakultät von Yale über das Thema Geheimhaltung und Gesetz. Wir bauen mächtige Mauern auf, um Geheimnisse zu schützen, von denen die meisten dieser Mühe gar nicht wert sind. Und die, die es sind, sickern früher oder später dennoch durch. Zweifellos gibt es Geheimnisse, die man tatsächlich bewahren sollte, doch oft geraten diejenigen, die an der Macht sind, im Dienste der Geheimhaltung und der nationalen Sicherheit in Versuchung, Dinge im Dunkeln zu lassen, bei denen es besser wäre, sie ans Licht zu bringen. Eine Faustregel, von der ich mir wünschen würde, alle Verantwortlichen würden sie befolgen, lautet: Tut nichts, wofür ihr euch später in euren Memoiren rechtfertigen müsstet.

Welche Recherchen waren für diesen Roman notwendig? Mussten Sie sich intensiv mit der Geschichte der CIA beschäftigen? Wie lebt es sich als Mitglied eines Nachrichtendienstes? Wie steht es mit Verhörmethoden? Hat es bei Ihren Nachforschungen im nachrichtendienstlichen Milieu Überraschungen gegeben?
Ich habe sehr viel über die CIA, ihre Geschichte, ihren Aufbau und ihre Persönlichkeiten, aber auch über verschiedene psychische Auffälligkeiten recherchiert. Was mir dabei besonders ins Auge sprang, ist die Tatsache, wie oft es historisch gesehen solche Auffälligkeiten an der Spitze der Agency gab. Angleton habe ich bereits erwähnt. Frank Wisner, der Schöpfer der National Clandestine Services, erlitt während seiner Tätigkeit einen Nervenzusammenbruch. Und es gibt noch weitere, weniger bekannte Fälle.

Nach seiner Pensionierung arbeitet Jericho für eine große Kapitalfirma, bei der er vermutlich seine früheren Kontakte und Beziehungen für einen massiven Finanzbetrug nutzen kann. Obwohl Sie deutlich machen, dass diese Geschichte erfunden ist, entsteht dennoch der Eindruck, als wechselten viele einflussreiche Persönlichkeiten aus Regierungsämtern in die Finanzwelt über. Ist das eine Tendenz, die uns beunruhigen sollte? Und gab es auch Finanzskandale, in die ehemalige CIA-Agenten verwickelt waren?
Auch bei der CIA gab es solche Skandale, aber ich glaube, das größere Problem ist die Art und Weise, wie Leute aus ihrer früheren Tätigkeit bei der Regierung Kapital schlagen, indem sie millionenschwere Finanzjobs annehmen und dann mit Hilfe von Lobbyismus und juristischen Spitzfindigkeiten gegen die Behörden ankämpfen, für die sie früher tätig waren. Ein solches Verhalten ist nicht illegal und sollte es auch nicht sein; aber einen guten Eindruck macht es nicht.

Können Menschen, die ihr Leben der Geheimhaltung und der Ränkeschmiede verschrieben haben, denn überhaupt irgendwann in den Ruhestand gehen?
Natürlich kann jemand in Ruhestand gehen, aber eine solche Tätigkeit hat nachhaltige Auswirkungen. Wenn man sein Leben lang nicht über seine Arbeit sprechen konnte, dürfte es schwierig sein, sich in einem Leben zurechtzufinden, in dem man über alles reden kann. Und oft leiden Menschen, die lange Zeit Insider waren, darunter, nicht mehr dazuzugehören.

Stone Heights, ein Haus in den Rocky Mountains

Vermächtnis spielt größtenteils in einem kleinen Ort in den Rocky Mountains von Colorado. Wie kam Ihnen die Idee zu diesem besonderen Schauplatz für Ihren Roman?
In den vergangenen dreißig Jahren habe ich viel Zeit in den Rockies von Colorado zugebracht, und es ist eine Gegend, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. Zudem gibt es in den Bergen viele Stellen, an denen Handyempfang schlecht oder gar nicht möglich ist. Und für einen Thrillerautor ist es natürlich ein gefundenes Fressen, wenn seine Figuren plötzlich von der Außenwelt abgeschnitten sind …

Jerichos Haus, Stone Heights, spielt eine Hauptrolle in Ihrem Roman, als wäre es eine Figur mit ihren eigenen Geheimnissen und Überraschungen. Dabei fühlt man sich an Romane wie Sturmhöhe, Rebecca oder auch an die klassischen Kriminalromane von Agatha Christie erinnert, wo der Schauplatz eine ebenso wichtige Funktion einnimmt wie die Charaktere. Hatten Sie beim Schreiben eines dieser Werke im Sinn?
Oh, ja. Ich erinnere mich noch gut an meine Lektüre von Thomas Hardys Büchern als Teenager, bei denen es mich besonders faszinierte, wie ein Haus, ein Tümpel oder ein Moor nicht nur den Hintergrund des Geschehens bildeten, sondern es förmlich belauerten. Hier hatte ich sogar zwei solcher «Charaktere» zur Hand, nämlich das Haus selbst und die Berge, die sowohl Stone Heights als auch die Stadt Bethel umgeben. Bethel ist übrigens fiktiv, hat aber natürlich einen direkten biblischen Bezug zu Jericho.

Figuren aus ihren früheren Romanen tauchen mehrfach in späteren Büchern wieder auf. Werden wir auch Charaktere aus Vermächtnis einmal wiedersehen?
Wenn ich weiterhin kürzere Thriller wie diesen hier schreibe, so werden uns einige seiner Charaktere bestimmt wieder begegnen. Übrigens kam eine der Nebenfiguren in Vermächtnis, eine Juraprofessorin namens Tish Kirschbaum, bereits in Schachmatt vor. Verknüpfungen sind also bereits vorhanden.

Stephen L. Carter rororo 464 S.
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