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INTERVIEW: Ines Thorn

© Jochen Schneider (Autorenfoto)

In BOOKMARKS veröffentlichen wir in lockerer Folge Gespräche mit Autorinnen und Autoren historischer Romane. Ihr Zugang zum Genre, ihre Figuren, ihre favorisierten Themen und historischen Epochen interessieren uns dabei ebenso wie ihre literarischen Pläne. Anlässlich der Veröffentlichung von Ines Thorns historischer Krimiserie Die Verbrechen von Frankfurt, von der soeben der zweite Band (Höllenknecht) erschienen ist, haben wir uns mit der Frankfurter Autorin unterhalten.

Exkursionen ins Mittelalter

Frau Thorn, Sie haben mehr als ein halbes Dutzend Romane veröffentlicht. Seit wann schreiben Sie – und weshalb fasziniert Sie gerade das ausgehende Mittelalter als historische Folie ihrer Geschichten?
Ich schreibe eigentlich schon, seit ich denken kann. Im Jahr 2003 habe ich mich dazu entschlossen, ab sofort auch vom Schreiben zu leben.
Das ausgehende Mittelalter ist eine Zeit, von der ich glaube, dass sie der unseren sehr ähnlich ist. Damals wie heute ist eine Zeit der großen Umbrüche. Das ausgehende Mittelalter entdeckte die Druckkunst, Amerika, den Seeweg nach Indien, die Renaissance. In unserer Zeit wurde das Internet erfunden, gibt es Billigflieger und eine Wandlung der Werte. Damals wie heute sind viele Menschen verunsichert. Vielleicht gelingt es uns ja, aus der Geschichte zu lernen.

In einer Sammelbesprechung zu Neuerscheinungen des Genres heißt es: «Von Frauen über Frauen für Frauen.» Das klingt wie eine Variation des Satzes «Lesen ist weiblich.» Wie kommt es, dass zumindest hierzulande die meisten erfolgreichen Autoren historischer Romane Frauen sind?
Finden Sie das wirklich? Ich erinnere an meine Kollegen Titus Müller, Guido Dieckmann, Peter Prange, Robert Schneider. Jedoch haben Sie recht, es gibt eine bestimmt Art von historischen Romanen, die tatsächlich meist von Autorinnen verfasst werden. Für meine Kolleginnen kann ich nicht antworten, aber ich schreibe lieber über Frauen und für Frauen, weil ich davon wahrscheinlich mehr Ahnung habe als von Männern.

Frauen damals, Frauen heute

Die FAZ zitiert Sie mit einem bemerkenswerten Satz: «Es gibt keine historischen Romane, nur Probleme der Gegenwart in historischer Kulisse.» Was bedeutet das etwa für Werke wie Die Pelzhändlerin oder Galgentochter?
In meinen Romanen geht es immer um Identität. Jedoch glaube ich nicht, dass die Frauen im ausgehenden Mittelalter sich mit diesem Problem beschäftigt haben. Wahrscheinlich war es ihnen wichtiger, die Pest und das Kindbett zu überleben. Die Probleme der mittelalterlichen Frauen wiederum unterscheiden sich so deutlich von den Problemen unserer Leserinnen, dass eine Identifikation wohl recht schwierig wäre. Ich schreibe aus der Jetztzeit für Leserinnen der Jetztzeit. Dabei stehen dann natürlich auch die Probleme der Jetztzeit im Vordergrund. Die historische Kulisse schafft jedoch einen gewissen Abstand, eine Distanz, die sowohl Leser/innen als auch Schriftsteller/innen manchmal benötigen, um sich den Problemen unverkrampfter stellen zu können.

Auffallend viele historische Romane spielen in Zeiten dramatischer gesellschaftlicher Umbrüche. Aber nur wenige spielen – wie etwa Philip Kerrs Berlin-Trilogie, die in der Zeit rund um den 2. Weltkrieg angesiedelt ist – in der jüngeren, uns präsenteren Vergangenheit. Woran liegt das? Sind längst vergangene Zeiten ein sichereres Terrain für die Imagination?
Ich weiß es nicht, ich kann nur Vermutungen anstellen. Die jüngste Vergangenheit, insbesondere die Zeit um den 2. Weltkrieg, ängstigt viele Menschen. Sie wissen nicht, wie sie mit dieser Vergangenheit, die ja auch die meisten Familien betrifft, umgehen sollen. Wer anfängt, sich damit zu beschäftigen, vielleicht gar, Fragen zu stellen, muss damit rechnen, Unangenehmes, Schmerzhaftes zu erfahren. Es ist nun einmal so, dass nicht alle unsere Väter und Großväter Funker bzw. Militärpfarrer waren. Das ausgehende Mittelalter ist zeitlich so weit weg, dass jede/r Leser/in sicher sein kann, dass das eigene Leben von der Lektüre nicht in Frage gestellt wird.

Gibt es ein unrealisiertes Traumprojekt?

Wo und wann schreiben Sie am liebsten? Und: Stimmt es, dass die Thorn-Frauen hin und wieder als Schreibtandem agieren?
Ich schreibe am liebsten tagsüber in meinem Büro und unterscheide mich bei meiner Arbeit kaum von einer Angestellten. Jeden Morgen gegen 9.30 Uhr schalte ich den PC an, absolviere mein Tagessoll und schalte danach - meist gegen 19 Uhr - den PC wieder aus und gehe nach Hause.
Als Schreibtandem sind wir eher selten unterwegs, jedoch sind meine Romane von meiner Tochter beinflusst. In der Galgentochter zum Beispiel dient sie als Vorbild für die Richtersgattin Hella. Neuerdings liest Hella meine Roman vorab Korrektur und übt sich im Lektorieren. Sie studiert Germanistik und würde später vielleicht gern in einem Verlag arbeiten. Die Schriftstellerei ist jedoch nicht so ihr Ding, obwohl sie bereits mehrere eigene Veröffentlichungen hat.

Gibt es einen «Traumstoff», den Sie als Autorin unbedingt irgendwann einmal bearbeiten wollen?
Ja, die Liebesgeschichte von Hans Bellmer und Unica Zürn, zwei surrealistischen Künstlern.

Abschließend möchten wir Sie nach drei absoluten Lieblingsbüchern fragen …
Christoph Hein, Frau Paula Trousseau; Michael Köhlmeier, Abendland, Philippe Claudel, Die grauen Seelen.