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Holly McQueen: Mein glamouröses Doppelleben

© Getty Images; Corbis

Isabel Bookbinder sieht ihr Leben klar und deutlich vor sich, sozusagen wie ein aufgeschlagenes Buch. Sie ist auf dem Sprung, ihre triste, graue Existenz einzutauschen gegen das Leben einer beliebten, begehrten, bewunderten Frau von Welt. Denn Isabel Bookbinder ist auf dem besten Weg zur Bestsellerautorin. Es kann sich nur noch um Wochen, maximal um Monate handeln. Die ersten Seiten, na gut: die ersten Sätze sind schon zu Papier gebracht. Auch wenn es sich dabei eher um eine Formulierung handlicher What-to-do-Maximen handelt denn um den Anfang einer Geschichte. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Bestseller-Tat …

Holly McQueen hat mit Mein glamouröses Doppelleben ein leichtfüßiges, lustiges Buch voller überraschender Windungen und Wendungen geschrieben. Über das, wovon heutzutage offenbar fast jede(r) träumt: sich in einem Buch zu verewigen, das sich dann auch noch verkauft wie geschnitten Brot. Der Bestseller als Ticket für lebenslängliches dolce vita, davon träumt Isabel in den buntesten Farben. Wobei, dies kann hier schon mal verraten werden, Holly McQueen vor allem von all den fiesen Tücken und Krücken erzählt, die zwischen Isabels inspirierender Idee und ihrer erfolgreichen Umsetzung stehen.

Große Pläne, kleine Schreibblockade

Bei Isabel sieht die Sache folgendermaßen aus: Sie ist literarisch wahnsinnig inspiriert, also zumindest im Prinzip. Nicht dass sie jederzeit ein Sonett aus dem Ärmel schütteln könnte oder ihr jeden zweiten Tag im Traum ein starker Plot erschiene. Das leider nicht. Aber sie glaubt an sich, meistens jedenfalls. Und sie besitzt ein saumäßig schickes (und nicht ganz billiges) Smythson-Notizbuch, um dort ihre besten Einfälle festzuhalten. In lichten Momenten weiß sie, dass sie über das Stadium der «kreativen Visualisierung» noch nicht hinausgekommen ist. Keine Geschichte, keine Figuren, keine Dramaturgie, kein Plot – aller Anfang ist bekanntlich schwer.

Ihr beruflicher wie privater Alltag ist derart deprimierend, das eines klar ist: Holt mich hier raus! Für ein armseliges Blättchen namens Saturday Mercury erledigt sie gemeinsam mit ihrem Kumpel Barney die dämlichsten aller Hilfsarbeiten, nicht einmal der Arbeitsplartz macht was her: «Unsere verkratzten Schreibtische stehen in der hässlichsten Ecke eines ungewöhnlich hässlichen Großraumbüros.» Was sie nicht hindert, ehrliche Haut hin oder her, sich eines schönen Tages als stellvertretende Feuilletonchefin des Blattes auszugeben, von nichts kommt schließlich auch nichts. Und mit dieser Notlüge fangen erst die Probleme und dann die große Show an.. Ehe sie sich versieht, steht sie plötzlich in den geheiligten Hallen der angesehensten Literaturagentur Londons, um ein Interview zu führen, sie, die stellvertretende Feuilletonchefin von Saturday Mercury. (Und liegt 200 Seiten später mit dem charismatischen Womanizer Joe Madison, dem Top-Mann der Agentur, sogar im Bett. Aber wir wollen nicht vorgreifen …)

Ganz übel wird ihr aber, als sie ihre ehemalige Schulkameradin Gina Deverill auf der Hochzeit ihres Bruders wiedertrifft. Denn Gina war zeitlebens nicht nur immer hübscher, größer, schlanker, klüger und erfolgreicher als Isabel, sondern hat, kaum zu glauben, gerade einen üppig dotierten Buchvertrag abgeschlossen. Und wer ist Ginas Agent und Lover? atürlich kein anderer als ebenjener Joe Madison …

N.A.I.V.: Naturtalent aus innerem Verlangen

Während Isabel noch mit gewissen Selbstzweifeln geschlagen ist, kann man das von ihrer Mutter wirklich nicht sagen. Um die Weltkarriere ihrer Tochter in Richtung Reichtum & Nobelpreis voranzubringen, schickt sie eine kindlich-erotisch gefärbte literarische Fingerübung der (damals 14-jährigen!) Isabel mit dem herrlichen Titel Dressurakte an einen der bedeutendsten Publikumsverlage Londons. (In diesem mit heißer Nadel und feuchten Händen verfassten Pubertätstraktat geht es um Ross und Reiter, um Fasanen und Feste, um fesche Jägersleute, die auf Namen wie Barrington Bosworth-Bounder oder Laetitia Lovelock hören …) Und, oh Wunder, der Verlag Aadelman Stern beißt an. Verspricht, den Text zu einer Granate auf dem Buchmarkt zu machen.

Bis Isabel merkt, dass das Interesse eigentlich gar nicht ihr selbst gilt, sondern der Bestsellerautorin Katriona de Montfort, bei der sie – nach einem kleinen «Indiskretionsunfall» bei Saturday Mercury – als Assistentin angeheuert hat. Und in Katrionas Nähe auf einmal genau dort ist, wo sie immer hin wollte: am Puls des Buchmarkts. Nun muss sie nur noch flott ihr Buch zu Ende schreiben, und zwar sauflott: «Ein Erotikepos von dreihunderttausend Wörtern. In zwei Tagen. Sie wissen, was das bedeutet. Es ist der absolute Super-Gau» …

«Himmel, bin ich inspiriert!»

Zu den schönsten Einfällen Holly McQueens gehört die Parallelisierung von Isabels wirklichem Leben mit ihrer erträumten Existenz. Wann immer sie sich in diesem Phantasiereich bewegt, ist sie genau die, die sie immer schon sein wollte: eine souveräne, schlagfertige, witzige, kluge, erotisch aufregende Frau. Ihre Freundin Lara, eine Psychologin, hat alle Hände voll zu tun, den Riss zwischen diesen Welten nicht zu groß werden zu lassen, indem sie auf Isa einredet wie auf ein krankes Pferd … (Zu köstlich: der Brief an die gehörnte Innenministerin, Stichwort: «Babyöl-Affäre», oder die Anweisungen an Lara, die eigene Beerdigung betreffend etc.)

Wie das Geholper und Gestolper um Isabels literarischen Durchbruch endet? Wir verraten doch keine Plots von Bestseller-Romanen – was glauben Sie denn?!