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Holly-Jane Rahlens: Mauerblümchen

© iStockphoto

Jugendliteraturbuch-Preisträgerin Holly-Jane Rahlens, „Erzählerin von Teufels Gnaden“ (Der Tagesspiegel) und „gelernte Berlinerin aus Brooklyn“ (FAZ), lässt die Berliner Atmosphäre der Wendejahre lebendig werden. Die Gerüche des Ostens, die anderen Klamotten, die Geisterbahnhöfe auf dem Weg zum Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße, die Mitropa-Kultur, Ketwurst (= Ketchup + Wurst), Tagesvisum mit Zwangsumtausch (wo 25 DM zu 25 Ostmark werden), der Zynismus vom „antifaschistischen Schutzwall“. Vor allem aber ist es eine wunderbare Liebesgeschichte, sie legt Steinchen für Steinchen eine Legospur der Liebe, einer Liebe buchstäblich auf den ersten Blick. Diese Geschichte ist zum Verlieben schön. Die Legende von Paul und Paula war gestern – viel Spaß bei der Entdeckung der Legende von Mick und Molly!


Vergrübelt, versponnen, verpeilt, so sieht sich Molly Beth Lenzfeld: als „das Mädchen hinter der Wand“. Eine, die nicht dazugehört, ein Mauerblümchen, gesegnet mit einer komplizierten Familiengeschichte und außerdem mit Schuhgröße 44. „Ich bin ein großes Mädchen. Nicht dick, wohlgemerkt. Nur lang. Fast zwei Meter. Na ja, 1,86 Meter – und womöglich wachse ich noch! Gigantische Füße, Riesenhände, üppige Brüste. Ich bin ein Turm, ein Berg, ein Monster von einem Mädchen.“ Sie ist die Tochter von Fritz Lenzfeld, seines Zeichens theoretischer Chemiker mit einjährigem Lehrauftrag an der Freien Universität von Berlin, und der schönen Leonora Sophia Lenzfeld, Lehrerin für Englisch und Deutsch. „Eines Morgens ging meine Mutter mit Bauchschmerzen zum Arzt. Am Abend kam sie mit Krebs zurück. Bauchspeicheldrüsenkrebs. Vier Wochen später war sie tot.“

«Ahoi, Molly …»

Molly war elf, als ihre Mutter starb; der Schreck und der Schmerz über ihren Tod ist bis heute nicht gewichen. Ihr gutmütiger Vater hatte gehofft, „Berlin würde mich entflammen wie ein Streichholz den Bunsenbrenner. Irrtum. Mein Vater ist Chemiker, aber wenn es um mich geht, ist er nicht in seinem Element.“ In Berlin-Charlottenburg geht Molly in die elfte Klasse einer amerikanischen Schule; eingelebt hat sie sich in der Fremde nie, richtige Freunde hat sie nicht gefunden. Aber dieses Kapitel ist in zwei Tagen vorbei. Heute: Thanksgiving-Feier mit Freunden, morgen: packen, übermorgen: Good-bye Berlin, und: Hello New York! Bis ihr Vater nachkommt, wird Mollys Schwester Gwendolyn ein Auge auf sie haben. Die verrückte Gwen, die „in sage und schreibe einer Sekunde ihren BH schließen kann, nicht vorn, sondern hintern – auf dem Rücken!“, die von einem Lover zum anderen flaniert, als Kellnerin jobbt, aber insgeheim weiß, dass sie es sein wird, die endlich die Great American Novel schreiben wird, sie und niemand anderer.

Bevor sie aber ihre Zelte in Berlin abbricht, hat Molly noch eine wichtige Mission zu erledigen: in Ostberlin, am Prenzlauer Berg, in der Greifenhagener Straße. Dort ist Leonora Sophia Ohrbach, ihre Mutter, zur Welt gekommen und aufgewachsen, bis ihre jüdische Familie 1938 sich von Bremerhaven aus mit dem Schiff noch gerade rechtzeitig nach Amerika absetzen konnte. Leonara kehrte mehr nach Deutschland zurück, aber bis in ihre letzten Tage sprach sie voller Wärme von ihrem Geburtshaus in der Greifenhagener Straße, von den kinderreichen Familien, die dort friedlich zusammenlebten, von dem sonnenüberfluteten Hof. Und von der Mauer, die sie gemeinsam hochzogen, damit die wilden Hühner aus dem Nachbarhof nicht ihre Blumenpracht schnöde wegpicken konnten.

Autoreninfo

Holly-Jane Rahlens kam nach dem Studium der Literaturwissenschaft und Theater Arts aus ihrer Heimatstadt New York nach Berlin. Mit Funkerzählungen,...
mehr über die Autorin
Willkommen im Osten!

Nun also ist Molly auf dem Weg von West nach Ost. Wir schreiben das Jahr 1989, die Mauer ist seit exakt zwei Wochen auf. Sie möchte ein Stückchen von der Gartenmauer (falls diese noch steht!) herausbrechen, um es auf Leonaras Grab in New York zu legen. „Es gibt eine jüdische Tradition, dass man beim Besuch eines Grabes einen Stein auf den Grabstein legt. Damit alle, die zufällig vorbeikommen, sehen, dass da jemand liegt, der geliebt wurde und es verdient hat, dass man sich an ihn erinnert. Und wenn es irgendjemanden auf der Welt gibt, der geliebt wurde und der es verdient hat, dass man sich an ihn erinnert, dann meine Mutter.“

Was sie sich in ihren kühnsten Träumen nicht hätte vorstellen können: Sie lernt in der S-Bahn von West nach Ost, Zielbahnhof Schönhauser Allee, einen Jungen kennen, Mick. Einen wirklich besonderen Jungen. Der eigentlich Michael Maier heißt und dennoch ziemlich süditalienisch aussieht. Der leicht schief stehende Zähne hat und bei dessen Anblick es Molly dennoch heiß und kalt den Rücken hinunter rinnt. Der Schauspielunterricht nimmt und doch kein Poseur ist. Der sie mit seinen 197 Zentimetern Körpergröße tatsächlich noch deutlich überragt. Dessen alte Lederjacke nach Zedernholz duftet.

«Berlin, Berlin, ich bleib doch in Berlin …»?

Der Viktor, dem kleinen Sohn seines besten Freundes, aus dem KaDeWe das Lego-Set „Priatenbrigantine“ mitbringt, weil er selbst als Ostjunge damals den bunten Legotraum geträumt hat. Der ihr, dem amerikanischen Mädchen in Berlin, zuhört, wie ihr noch niemals ein Junge zugehört hat. Der sich für alles in ihrem Leben interessiert, für ihre tote jüdische Mutter, ihren theoretischen Chemikervater, ihr Leben in New York. Und der sie, das Riesenmädchen mit den Riesenfüßen in den coolen Militärstiefeln, auch noch unglaublich anziehend findet – das muss man sich mal vorstellen, denkt Molly. Und fragt sich, weshalb sie eigentlich so dringend nach New York zurück will, anstatt die nächsten Monate bei ihrem Vater zu bleiben, den das ohne Zweifel schrecklich freuen würde.

Eines aber ist klar: Von einem auf den anderen Augenblick ist Berlin für Molly ein lebenswerter, ein liebenswerter Planet geworden. Komisch - einmal in die S-Bahn Richtung Prenzelberg gesetzt und schon den richtigen Jungen getroffen …