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Hinrich Lührssen: Raumübergreifendes Großgrün

Verstehen Sie Deutsch? Schon der damalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse echauffierte sich darüber, was uns leidlich alphabetisierten Durchschnittsbürgern so alles «an sprachlich-moralischer Verluderung» zugemutet wird. Andererseits: Es ist schon ungemein lustig, was sich Bürokratenhirne alles so zurechtformulieren, wenn man sie mal von der Kette lässt – und zwar unabhängig davon, ob es sich um simple oder komplexe Sachverhalte handelt. Hinrich Lührssen hat die schönsten, schrägsten, absurdesten zu einem Buch mit dem Titel Raumübergreifendes Großgrün verschraubt. Diese Kollektion strapaziert die komplette Lachmuskulatur!

«Die Amtssprache ist Deutsch»

Jaja, dass Einmalzahlungen nur einmal gewährt werden, darauf wäre man zur Not noch gekommen. Oder dass deutsche Beamte wild wucherndes Unkraut als Spontanvegetation bezeichnen und ein Drehkreuz zur Personenvereinzelungsanlage aufgedonnert wird: geschenkt. Aber was, bitteschön, sind ein Organmandat, eine bedarfsgesteuerte Fußgängerfurt, ein Formgebrechen oder eine Beharrungsadresse?

Lührssen wandert mit uns durch die Untiefen des Beamtendeutschs; zum besseren Wiederfinden ist das Ganze alphabetisch sortiert, von A bis Z, von Abgängigkeitsanzeige und Abkoten bis zur Zwangskammerung und dem ominösen Zwangsbelgier von Lammersdorf …

Unter dem Stichwort «Aktennotiz» kredenzt Lührssen Preziosen aus Spezialsprachen wie DDR-Beamtendeutsch, dem Bundeswehrdeutsch. So schreibt zum Beispiel die Truppe über letzte Dinge: «Der Tod stellt aus versorgungsrechtlicher Sicht die stärkste Form der Dienstunabhängigkeit dar.» (Killing me softly!) «Stirbt ein Bediensteter während einer Dienstreise, so ist damit die Dienstreise beendet.» (Aus! Aus! Das Spiel ist aus!) Nett auch der Exkurs über Ede, den Behördenschreck (mit Klassikern wie Stoibers Transrapid-Rede oder seine unsterbliche Einlassung zum Problembären)…

Aus der Abteilung Blub & Bläh

Man glaubt nicht, was alles behördlicherseits geregelt wird! In Sachsen-Anhalt existiert eine Benutzungsordnung für Toiletten, die all denen eine wertvolle How-to-do-Hilfe sein wird, die vergessen haben, wie man in unserem Kulturkreis seine Notdurft intelligent loswird. (Zitat, ungelogen: «Der Benutzer setzt sich unter gleichzeitigem Anheben der Oberbekleidungsstücke so tief in die Hocke, bis das Gesäß in die Sitzaufnahme einrastet. Die Ellenbogen ruhen auf dem Muskelfleisch der Oberschenkel, der Blick ist frei geradeaus gerichtet …»). Der Stadt Berlin wurde von der EU ein Bußgeld von mehr als 700.000 Euro angedroht, falls sie sich weiterhin weigern würde, ein Seilbahngesetz (sic!) zu erlassen. (Keine Berge in Berlin? Ich sag nur Prenzelberg …) usw. usf.

Gesucht: ein Wort mit 40 Buchstaben. Kein Problem, hier ist ein besonders schickes: Abstandseinhaltungserfassungsvorrichtung. Geht noch besser: Truppengattungszugehörigkeitsfarberkennungs-Aufschiebeschlaufe, auch bekannt als Schulterstücke.

Willkommen in Absurdistan!

Unschlagbar komisch sind die Wortperlen und Stilblüten, in denen es um Versicherungsfälle geht. Noch großartiger als das, was von Sachbearbeitern zu Papier gebracht wird, sind (Achtung, Wortungetüm!) Unfallhergangsbeschreibungen à la: «Ein Fußgänger kam plötzlich vom Bürgersteig und verschwand dann wortlos unter meinem Wagen». Das gibt es in diversen Variationen, eine «schöner» als die andere: «Der Fußgänger hatte offenbar keine Ahnung, in welche Richtung er gehen sollte, und so überfuhr ich ihn.» – «Schon bevor ich ihn anfuhr, war ich davon überzeugt, dass der alte Mann nie die andere Straßenseite erreichen würde.» Und, die absolute Nr. 1: «Ich sah ein trauriges Gesicht langsam vorüberschweben. Dann schlug der Mann auf dem Dach meines Fahrzeuges auf.»