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«Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft.» Mit diesem Satz hat Richard von Weizsäcker Geschichte geschrieben. Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph hat die große Biographie des Altbundespräsidenten geschrieben, der am 15. April 90 Jahre alt wird.
Am Anfang war das Wirtschaftwunder. Man kann die Geschichte der Bundesrepublik aber genauso als politisches und kulturelles Wunder beschreiben. Als Aufbau einer Demokratie, die heute von vielen in ganz Europa als die vielleicht vorbildlichste, am wenigsten verkrampfte und missbrauchte gelobt wird. Eine Schlüsselfigur dieser Entwicklung ist Richard von Weizsäcker, dem der Publizist Hermann Rudolph eine Biographie widmet.
Die Beschreibung beginnt da, wo ein Biograph ansetzen muss: bei Herkunft, Familie, Vergangenheit. Sie war im Falle von Weizsäcker gleichzeitig sehr behütet und exponiert; schließlich auch belastet. Als «Kind der Aufklärung» – so die Überschrift des ersten Kapitels – sieht ihn Rudolph. Er ist ebenfalls ein Sohn des Bildungsbürgertums: «Im Hause Weizsäcker ist eine Familien- und Kinderwelt noch lebendig, die anrührend gestrig erscheint» – und schon damals etwas Unzeitgemäßes haben musste. Es wurde zusammen gelesen und musiziert.
Den Krieg erlebte Richard von Weizsäcker als Soldat, «buchstäblich vom ersten bis zum letzten Tag». Er gehörte zur Truppe, die am ersten September die Grenzen zu Polen überschritt. Nach der Diktatur verteidigte er seinen eigenen Vater beim «Wilhelmstraßenprozess» in Nürnberg. Ernst von Weizsäcker wurde als Staatssekretär im Auswärtigen Amt der Mitverantwortung für den Vernichtungskrieg angeklagt. Nicht nur Churchill hielt diesen Prozess für einen «tödlichen Irrtum».
Er hat Richard von Weizsäcker geprägt: auch in seiner – kritischen – Haltung gegenüber der Vergangenheitsbewältigung durch die Siegermächte. Er machte eine brillante Karriere in der Wirtschaft und engagierte sich im Kirchentag. Für die Politik entdeckte ihn Kohl. Er wurde Bürgermeister von Berlin und Bundespräsident. Diese Entwicklung rekapituliert Hermann Rudolph präzise, nicht zu ausschweifend. Er porträtiert den Politiker, der dem gängigen Bild des Politikers so weniger entspricht, und verknüpft seinen Werdegang mit der Geschichte der Bundesrepublik: auch nach seiner Amtszeit ist Weizsäcker eine moralische Instanz geblieben. Er steht für den Dialog von Geist und Macht; keine Zyniker – und ein Moralist aus Pragmatismus, aber mit dem Bewusstsein, dass dem Moralisten schnell die ideologische Verblendung droht.
Über das Verhältnis der Intellektuellen zur Politik äußerte sich Weizsäcker in einem Interview zwei Jahre vor dem Fall der Berliner Mauer. Den Graben führte er weit über die Nazi-Ära zurück: «In der Spätphase des Wilhelminischen Zeitalters war die Distanz groß und wuchs noch weiter. In der Weimarer Zeit hat der geistig-intellektuelle Sektor viel zu wenig erkannt, wie wichtig es hätte sein können, dieses zarte Pflänzchen der neugeschaffenen Demokratie zu begießen, anstatt sich an einzelnen nur allzu deutlich erkennbaren Missständen erneut in Kritik und Abwendung bestätigt zu sehen.»
Der Neuanfang nach 1945 war nicht einfach: »Die Begründung der Bundesrepublik bedeutete erst einmal Macht und Staat und Ordnung – eine Welt, der die Intellektuellen nur kritisch entgegentreten zu können glaubten. Es hat kaum Versuche gegeben, das zu überbrücken. Die Intellektuellen haben die politische Rolle lange nicht gesucht. Und folglich nicht gefunden. Sie sind allerdings auch nicht ermutigt worden. Man denke etwa an Wolfgang Koeppen, in dessen Bücher die Politiker der fünfziger Jahre nur verletzende Kritik gefunden haben.» Unvergessen und heute undenkbar sind die Beschimpfungen der Intellektuellen als «Pinscher» und «Schmeißfliegen».
Weizsäckers Bilanz steht für eine Annäherung von Kultur und Politik. Für den Dialog. Er selber wurde mehr als Intellektueller denn als Machtpolitiker beschrieben – da korrigiert Rudolph einiges. Ohne zu verkennen, dass das Amt des Bundespräsidenten Weizsäckers Wesen auf kongeniale Weise entsprach: als Instanz der Einflussnahme, nicht der Machtausübung. Seine Rede zum 8. Mai – die in der Niederlage Deutschlands eine Befreiung vom Nationalsozialismus und der Diktatur ausmachte – wurde zum Meilenstein der politischen Kultur in Deutschland. Sie hat sein Selbstverständnis verändert. In ihrer internationalen Ausstrahlung kann man sie nur mit dem Kniefall von Willy Brandt im Warschauer Ghetto vergleichen.
Hermann Rudolph widmet ihr ein zentrales Kapitel. Auch der Rivalität mit Kohl während der Wiedervereinigung. Er zitiert, was Weizsäcker beim Fall der Mauer empfand: «Zu meinen Lebzeiten hat es das noch nie gegeben. Dass man sich praktisch überall auf der Erde mit Wärme und Herzlichkeit an einem Ereignis in Deutschland mit den Deutschen freut.» Zwanzig Jahre danach teilten diese Freude auch jene, die damals noch skeptisch waren – und ein bisschen Angst hatten. Aus dieser Distanz ist Hermann Rudolphs Biographie geschrieben. Sie ist nicht das erste Buch über Weizsäcker. Aber sehr viel mehr: es gelingt dem Autor vorbildlich, die großen Zusammenhänge in Perspektive zu setzen – bis in die aktuellste Gegenwart hinein.
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Jürg Altwegg)