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Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen

© picture alliance, dpa / DB Enrico Nawrath

«Kinder brauchen Märchen. Brauchen Erwachsene Mythen?», fragt die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Besprechung von Herfried Münklers Opus magnum Die Deutschen und ihre Mythen. Verglichen mit Ländern wie Frankreich (Sturm auf die Bastille, Revolution von 1789), England (imperiale Epoche des Empire), Polen (heroischer Widerstand gegen nationale Unterjochung) oder den USA (Unabhängigkeitskrieg) sei ein Deutschland «eine weitgehend mythenfreie Zone», schreibt der Berliner Politikwissenschaftler in der Einleitung seiner fulminanten Studie, für die er dieser Tage den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 in der Kategorie Sachbuch und Essayistik erhalten hat. «In Deutschland findet sich nichts Vergleichbares, lediglich die Erinnerung an das zweimalige politisch-militärische Scheitern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und die furchtbaren Verbrechen des Nationalsozialismus, zunächst schamhaft beschwiegen, dann aber, zumindest von den Historikern, entschlossen aufgearbeitet.»

Sinnstiftung durch Großerzählungen

Wer Münklers glänzend geschriebene, immens materialreiche Studie liest, ist auf einem Parforceritt durch zweitausend Jahre deutsche Geschichte unterwegs. Man hält ein Buch in Händen, das als scharfsinnige Inspektion deutscher Mentalität und deutscher Befindlichkeit im lärmenden Wahljahr 2009 wie gerufen kommt. Über fünf große Kapitel hinweg zieht sich der Spannungsbogen: Nationalmythen (Barbarossa zwischen Kyffhäuser und Russlandfeldzug, Nibelungen, Doktor Faust); Kampf gegen Rom (Tacitus, Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald, Luther, Canossa); Preußenmythos; Burgen und Städte (Wartburg, Weimar und die «Deutsche Klassik», Nürnberg und Dresden als deutsche Trümmerorte; Vater Rhein); politische Mythen nach dem Zweiten Weltkrieg (vom «antifaschistischen Widerstand» als DDR-Gründungsmythos über Währungsreform und Wirtschaftswunder bis zu populistischen Ersatzmythen wie «Du bist Deutschland» oder «Wir sind Papst»).

Mythen sind Großerzählungen, aus denen sich positive nationale Identität destilliert und an denen sich Gemeinwesen gerade in Phasen krisenhafter Erschütterungen aufrichten können. Dass der Mangel an politischen Mythen, der Verzicht auf eine «Verzauberung der Welt» (Max Weber) mit strukturellem Konservatismus einhergehe, sei keineswegs ein überraschender Befund, schreibt der Politiologe der Berliner Humboldt-Universität und Schüler des großen Iring Fetscher, dessen begriffliches Instrumentarium zur Durchdringung der National- und Ersatzmythen sich erkennbar in der Auseinandersetzung mit den wichtigsten Mythentheoretikern des 20. Jahrhunderts geschärft hat: Ernst Cassirer, Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Hans Blumenberg.

Autoreninfo

Herfried Münkler, geboren 1951, einer der bedeutendsten deutschen Politologen, ist Professor für Politikwissenschaft an der Berliner...
mehr über den Autor
Auschwitz als zentraler deutscher Negativmythos

Das Jahrhundert der Katastrophen mit zwei von deutschem Boden ausgehenden Weltkriegen mit Abermillionen Toten, mit Naziterror und Auschwitz, hat das machtvolle Arsenal politischer Mythen hierzulande dauerhaft desavouiert. Der mythenpolitische Schnitt mit der Etablierung der Bonner Demokratie in den Nachkriegsjahren hätte radikaler nicht sein können: «An eine Wiederkehr Barbarossas nach langem Schlaf war nicht mehr zu denken, und die Nibelungen hatten auf ihrem Zug nach Osten allesamt den Tod gefunden. Von der germanischen Identität, auf die man zeitweilig so stolz gewesen war, wollte man nichts mehr wissen, und auch der Preußenmythos war anrüchig geworden.»

Hat Deutschland mit dem Verzicht auf eine Mythisierung des 9. November 1989 nicht eine historische Großchance vertan? Friedlicher Massenprotest gegen die SED-Diktatur, Leipziger Montagsprozessionen bis hin zum Mauerfall – Stoff genug für eine mythische Großerzählung, findet Münkler. Dass letztendlich der 3. Oktober zum Nationalfeiertag gekürt wurde, der Beitrittstag der ostdeutschen Länder zum Staatsverband der BRD, und nicht der 9. November, hat – wie Münkler konzediert – durchaus nachvollziehbare Gründe. Der 9. November markiert historisch heikles, vermintes, kontaminiertes Gelände. 9. November 1918: Waffenstillstand im Wald von Compiègne, Ende des Ersten Weltkriegs, Beginn de Novemberrevolution. 9. November 1923: Hitler-Ludendorff-Putsch in München. 9. November 1938: Goebbels inszeniert die «Reichskristallnacht». Wahrhaftig ein assoziativ überladenes deutsches 9/11 resp. 11/9.

«Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz ...» (Janis Joplin)

Nicht der Verzicht auf eine «gründungsmythische Aufarbeitung des 9. November» sei das Problem, sondern die generelle Ignoranz historisch-politischer Großerzählungen samt ikonischer Verdichtung und ritueller Inszenierung für ein nationales Kollektiv, so Münkler. Weil positive politische Mythen Ordnung und Zuversicht schaffen, weil sie als «kollektive und emotionale Ressourcen der Politik» das Wir-Bewusstsein stärken und die Bereitschaft, für die Gemeinschaft einzustehen. Kritiker unterstellen dem «melancholischen Mythensammler» (Literaturen) naives Propagieren eines «unbeschwerten Patriotismus», Stichwort: Mythen als «Möbel für den deutschen Erinnerungsraum» (Berliner Zeitung).

Statt inspirierender mythologischer Großerzählungen pflegt man in Deutschland seit 1949 Ersatzidole aus der Sphäre von Markt und Konsum: D-Mark, «Wirtschaftswunder». Volkswagen, Capri-Urlaub. «Überspitzt gesagt, löste der Mercedesstern ds Eiserne Kreuz der Kriegsgeneration ab…»