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Helmut Schümann: Der Postpubertist

© Julius Wolf

Nein, es ist noch nicht vorbei. Wenn die Pubertät durchschritten und durchlitten ist, geht das Leben weiter. Aus dem Pubertisten wird der Postpubertist. Und niemand, der diesen heiklen Evolutionssprung noch nicht aus eigener Erfahrung hat kennenlernen müssen, sollte glauben, nach der Pubertät (altdeutsch: Flegeljahre) verbessere sich die elterliche Lebensqualität schlagartig. Dem ist nicht so, ganz und gar nicht. Vor allem nicht, wenn man ein derart schlaues, extrem meinungsfreudiges Kerlchen wie Paul in die Welt gesetzt hat. Wobei Kerlchen natürlich nicht das Geringste mit diesem mittlerweile 17-jährigen hoch aufgeschossenen Jungen zu tun hat, mit Paul, dem Postpubertisten …
Helmut Schümann hat das perfekte Buch für Eltern geschrieben, deren Nerven blank liegen, weil ihre postpubertierenden Blagen sie ganz alt aussehen lassen. So etwas nennt man ein Überlebenshandbuch (siehe: survival of the fittest) …


Paul schreitet hinaus ins Leben. Die erste Rasur, der erste Rausch, der erste verbotene Film, die erste Liebe, der erste Anflug von Ordnungssinn, sie liegen hinter ihm. Aus einer Problemphase mit Karacho rein in die nächste stressige Schwellenphase. Denn der ersten Liebe folgt die zweite, die dritte Liebe, das erste Mofa, das Inhalieren aromatischer Kräuter, die Dreadlocks à la Bob Marley. Konrad, Pauls Kumpel, findet dagegen eher die Sex Pistols stylish: «Konrad ist jetzt Punk, hatte aber kaum Zeit für den Vater, weil er noch für Griechisch lernen musste, was Sid Vicious garantiert nie getan hat und bei den Irokesen bestimmt auch nicht alle. Punks sind auch nicht mehr das, was sie früher waren.»

«Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran ...»

Und voran geht es mit dem Ex-Pubertisten, irgendwie jedenfalls. Der Knabe sieht sich mit seinem Vater Spiel mir das Lied vom Tod an, Sergio Leones Filmklassiker von 1968. Und findet ihn voll cool! Und, kaum zu glauben: Eines Nachmittags dringt laute Gitarrenmusik aus Pauls Zimmer: Jimi Hendrix – ein Wunder ist geschehen! «Irgendwie hattet ihr es früher besser, die Filme waren besser und die Musik war besser ...» – ein Satz, für den man als Vater den Nachwuchs unentwegt knutschen könnte.

Ja, es gibt sie noch, die guten alten Werte, jubiliert der Vater innerlich. Bis der Knabe wieder postpubertär querschießt. Beispielsweise, wenn eine zu klärende Sache keinen Aufschub duldet und der Vater im Laufe des späten Nachmittags den Sohnemann anzurufen versucht und das Handy sagt: «The person you have called is temporarily not available.» Aha. «Das ist englisch für ‚Paul schläft’.» Klar, Jugend braucht viel Schlaf ...

«Bin ich Gott oder was?»

Paul kontert charakterstarke und moralgesättigte, kurz: nervige Darlegungen seines Vaters mit Bemerkungen wie «Bitte jetzt keine Erzählungen aus dem Nachkriegsdeutschland!» Und doch führen Vater und Sohn jetzt immer häufiger Männergespräche, gerne in Billardkneipen, bei einem Bier oder zweien. Die Themen sind so vielfältig wie das Leben kompliziert: Hosenmode (mit Kniekehlenschritt), George W. Bush (Paul: «Bush ist ein Arschloch»), die Vererbbarkeit der Kollektivschuld, Frauen (und wie viele von ihnen ein Mann resp. heranwachsender Mann parallel beglücken kann), Führerschein und Abistress, die alte Vespa, Koffieshops in Amsterdam, die Gewalt auf den Straßen etc.pp.

Langsam macht sich bei beiden die Ahnung breit, dass die elterliche Erziehungsmission kurz vor ihrem Ende steht. Und wie gehen die beiden damit um? Männlich, ausgesprochen männlich. «'Was schaust du so grimmig?', sagte Paul. 'Sei doch froh, wenn der Postpubertist den Vater manchmal noch braucht.' 'Benutzt', sagte der Vater.»