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Selbst einem wie Helge Timmerberg, der sein ganzes Leben lang irgendwie unterwegs gewesen ist, war eine Komplettumrundung unseres Planeten bislang nicht vergönnt: «Keine Zeit, kein Geld, keine Gelegenheit.» Aber jetzt! Gäbe es da nicht diese bösen Vorahnungen ...
Horrorvision Nr. 1: Ein Gefängnis in Ägypten, ein dreckiges Loch, Ratten, der reine Schrecken. Horrorvision Nr. 2: Ein Bus in den Bergen von Laos, quietschende Reifen, der Abgrund, das Ende … Aber der Mensch ist ein großer Verdränger, und ein solches Angebot bekommt auch ein Timmerberg nicht alle Tage. Ein Traum von einer Reise! 80 Tage, 80 Nächte, 80 Betten: Menschen, Tiere, Sensationen! Und das mit einer halbwegs anständig gefüllten Reisekasse.
«Marco Polo und Thomas Cook würden dieses Buch lieben.» (Stern) «Um Abenteuerluft zu schnuppern, muss man nicht unbedingt wegfahren. Man kann auch einfach Helge Timmerberg lesen.» (Cosmopolitan)
Um die Welt also. Aber wie und womit? Kein Heißluftballon. Kein Elefantengeschaukel (woran Jules Vernes Gentleman-Abenteurer Phileas. Fogg bekanntlich nicht vorbeikam). Keine Schiffsreise, es sei denn, nichts anderes geht. «Das Meer selbst ist langweilig oder, andere Möglichkeit, so romantisch wie Dauerkotzen.» Das wäre also geklärt. Haben Sie Lust auf einen Blitztrip auf den Spuren von Jules Timmerberg in ein paar Sprüngen um die Welt? Dann mal los:
München. Ein Hotel vis-à-vis vom Hauptbahnhof, ein Zimmer, das der KGB selbst eingerichtet haben muss, Pritsche, Tisch und «grüne Wände, lackiert, damit man das Blut abwaschen kann.» Venedig. Stadt der Liebe, Stadt der Masken. Hier findet man praktisch alles, nur keine Eingeborenen. «Zweihunderttausend Touristen pro Tag, und alle Männer wollen Casanova sein und alle Frauen geile Hofdame, das halten die Leute hier einfach nicht aus. Karneval in Venedig ohne Venezianer. Hinter jeden zweiten Maske ist ein Japaner. Hinter jeder ersten ein Amerikaner.»
Triest. «Am Morgen werde ich wach und bin plötzlich 55. Aber klar, man ist ja immer nur so alt, wie man sich fühlt. Ich fühle mich wie 65.» Athen. Lieber stundenlang im Smog unterwegs als im Taxi. «Der Athener Taxifahrer hat keine Hemmschwelle, keine Beißbremse, kein Limit an Niederträchtigkeit, kein Minimum an Mitleid … Ich weiß nicht, warum in Athen kriminelle Energie und eine Taxilizenz ein und dasselbe sind.»
Bombay. «Früher, als Mumbai noch Bombay hieß und Goa noch keien Flughafen hatte, empfing mich Indien wie heute, mit demselben, das Nervensystem umschaltenden satten sppiegeleigelben Licht und einer Hitze, die ebenfalls satt macht, emotional satt, mit Tendenz zu seelisch satt.» Bangkok. Beim Herumtreiben in Thai-Bars lernt er nicht nur das Tequila-Loch als tückische Form des Totalblackouts und Hegel auf Crack kennen, sondern begreift auch endlich den Zusammenhang von syphilitischer Gehirnerweichung und musikalischen Genistreichen: «Ganz sicher syphilitisch, was Beethoven angeht, ist die letzte Klaviersonate Opus 111 … Fest steht jedenfalls, dass es seit der Erfindung des Kondoms keine wirklich große Kunst mehr gibt», so Tequila-Kumpel Mischa aus Amsterdam.
Shanghai. «Ich muß hier mal was erklären. Ich heiße Helge. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass Orientalen, Asiaten und Latinos mich penetrant Helga nennen … Und weil ich fürchte, durch den Wandel des E zu einem A am Ende meines Vornamens könnte es zu einer schleichenden Geschlechtsumwandlung kommen, heiße ich auf Reisen Tim, wie Tim von Tim und Struppi.»
Tokio. «Fast wütend macht mich die Schulmädchenmode. Die Zöpfe sind niedlich, aber schwarze, von überlangen Strapsen gehaltene Nylonkniestrümpfe an kreideweißen X-Beinchen sind so hässlich, dass einer, der bis ins hohe Alter potent bleiben will, da auf gar keinen Fall hinsehen sollte.»
Mexico City. «Vor allem macht mich das Flirren dieses energetisch aufgeladenen Unsichtbaren an, das man Atmosphäre nennt. Oder Spirit. Oder den Geist einer Stadt. Sind es die Indioseelen? … Ich fühle mich wie neugeboren in einem schönen und wilden Leben, in einem schönen und wilden Land.» Havanna. « In Kuba habe ich (früher) Menschen tanzen sehen und dachte, das müssen Halluzinationen sein, das geht normalerweise nicht so schnell und gleichzeitig so auf den Punkt, so hemmungslos und gleichzeitig so elegant, so schön und gleichzeitig so dreckig, dass man sich nicht wundern würde, wenn Schwangerschaften dadurch entstünden. Salsa-Vollkontakt …, Heute glitzert Havanna nicht mehr.»
Dublin. «Wissen Sie, was eine Packung Marlboro in Irland kostet? Acht (!) Euro. Ich dachte immer, die sind die freiheitsliebenden Europäer schlechthin, Eigenbrötler und Anarchisten.»
Berlin. «Vor knapp vierzig Jahren flüchtete ich aus einem Deutschland, das nicht zu ertragen war … Damals war Deutschland das langweiligste und intoleranteste Land überhaupt, heute ist es das glatte Gegenteil.»
Zurück nach 80 Tagen. Helge Timmerberg ist angekommen. Zu Hause in der Welt, zu Hause in Berlin.