![]()
In Bielefeld mochte er nicht bleiben, mit siebzehn zog es ihn hinaus. Seither, seit vier Jahrzehnten, ist er unterwegs von Kontinent zu Kontinent. Entstanden ist daraus ein Abenteuerbuch, das seinesgleichen sucht: lustig, lebensnah und packend bis zur letzten Seite. Der Jesus vom Sexshop – Timmerberg at his best (und jetzt im Taschenbuch)!
1970 gab es für einen 17-Jährigen nur ein Reiseziel: Indien. Also ging der junge Hippie auf Tour, zunächst bis in die Türkei und dann durch Kurdistan. Dummerweise hatte der Kleine ein paar Joints zu viel geraucht und beging einen fatalen Fehler. «Ich begann mit den mitreisenden Moslems ein Gespräch über Mohammed, den Propheten. Eigentlich begannen sie damit. Sie wollten wissen, was ich über ihn denke, und ich hatte gerade ein enorm psychedelisches Jahr hinter mir, in dem ich unter Einfluß von LSD Hermann Hesse gelesen hatte, und antwortete in einem Englisch, das dem ihren nicht so unverwandt war: «Mohammed, holy man. But Jesus same, same. And same, same auch Buddha. We all same, same. Understand?»
Achtkantig flog der Langhaarige aus dem Minibus, hinaus in den Tiefschnee, wo die Wölfe warteten. Der junge Mann rennt um sein Leben und von einer Malaise in die nächste. Auf dem Weg nach Teheran setzt er einen riesigen Bus in den Graben – dank gewisser Rauchwaren (und nicht wegen des fehlenden Führerscheins). In Teheran zwingt ihn der orientalische Durchfall in die Knie, und kurz vor Afghanistan erwischt ihn der Fadenwurm. Im Handumdrehen schwellen seine Beine unter höllischen Schmerzen zu Ballons an: Elefantiasis. Aber irgendwann ist er dann doch in Indien angekommen. Unser Hippie heißt Helge Timmerberg. Von da an gab es für ihn nur einen Weg: Er wurde ein berühmter Reiseschriftsteller.
Ich weiß nicht genau, wie viele Bücher Helge Timmerberg geschrieben hat – ein Dutzend dürften es allemal sein –, doch ich könnte schwören, in keinem dieser Bücher, die meist vom Reisen handeln, von Bewegung, von Erfahrungen über den Rand der Landkarte hinaus, in keinem dieser Bücher wird man lesen können: Reisen ist schön, Reisen bildet oder was solche bildungsbürgerlichen Hirnstickereien sonst noch so besingen. Stattdessen hört man viel von Durchfall und erleseneren Ausfällen: Amöbenruhr, Malaria, Gelbsucht etc. Wenn man denn unbedingt mit ein paar Goldgräbern den Amazonas runter will, dann können einem auch Jaguare begegnen, Gift- oder Würgeschlangen, Krokodile, und hier und da zwickt der Piranha, mal ganz abgesehen von nicht gerade purlauteren Mitmenschen. Insofern versucht Timmerberg gar nicht erst, uns vom Sinn der Globetrotterei zu überzeugen, er wählt den direkteren, den infektiösen Weg: Er steckt uns einfach an.
Ach ja, wer ist eigentlich der titelgebende, um nicht zu sagen: sinnstiftende «Jesus vom Sexshop»? Nein, nicht Timmerberg himself. In diesem Kapitel reicht es nur zum Apostolat: «Man ist nicht im Sexshop, um sich halbperverse bis perverse Wünsche zu erfüllen, sondern weil man pleite ist. Oder ein Schriftsteller mit romantischen Vorstellungen. Nachtwärter, Hotelportier, Sexshop-Verkäufer, das sind die drei klassischen Mutterschiffe großer Romane. Oder großer Drehbücher. So haben es Tarantino, Bukowski und Simmel gemacht. Ich weiß inzwischen, warum.» Und so assistiert Timmerberg in Vorbereitung großer Werke Pit, dem Sexshopinhaber und Jesus der Lustsuchenden in Hamburg. Aber irgendwie sind die Erfahrungen des Handlangers im Lager der Lüste (fast) so aufregend wie ein Trip nach Nepal.
Überhaupt ist auch das Inland aus der Perspektive eines Zigeuners mit Schreibmaschine nicht zu verachten: Bielefeld, Berlin, Hamburg, Wien können unter Umständen so interessant sein wie Tel Aviv, Havanna, Paris, Marrakesch, Neu Delhi oder Belgrad («Mir gefällt Belgrad sehr gut. Ich weiß nur nicht, warum.») - stets vorausgesetzt man pflegt den Timmerberg'schen Blick auf die Dinge.
Nun ja, bei Bielefeld versagt selbst Timmerbergs Kunst, die Dinge zum Leuchten, wenigstens aber zum Flirren zu bringen. Das ist ja das Problem mit Bielefeld. Aus Bielefeld musste er sich ja auch früh wegbeamen, chemisch beschleunigt und dann mit Lichtgeschwindigkeit. Denn da fing alles an – als Lehrling in einem Textilunternehmen. Das konnte es nicht sein – diese kittelgraue Welt. Zuvor gab es noch den Schulausflug nach Amsterdam, in jenen legendären Jahren, da das «Paradiso» zum Mekka der europäischen Hippies und Drogenfahnder wurde. Zielsicher wurde der kleine Helge zu einem der ersten Pilger. Und als alles leuchtete, beschloss er, dass es weiterleuchten sollte.
Und so kam unser Mann auf den Trip, auf dem er heute noch wandelt. Und wenn man so will, dann hat er hier eine kleine Autobiographie in Kurzgeschichten geschrieben. Nicht linear, nicht chronologisch, nicht folgerichtig – aber genau darum ging es ja auch.
(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Walter van Rossum)