Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Heinz Strunk: Die Zunge Europas

© Philipp Rathmer

Es soll ja zwei Sorten von Schriftstellern geben: die, die ständig neue Bücher schreiben, und die, die stets nur an einem arbeiten, egal wie viele sie veröffentlichen. Heinz Strunk hat sich mit seinem zweiten Roman Die Zunge Europas für die zweite Gruppe empfohlen, denn Namen, Schauplätze und Handlung mögen andere sein als im topkomischen Erfolgsseller Fleisch ist mein Gemüse, aber die Essenz ist – für jene, die den Erstling genau gelesen haben – dieselbe …

«Error! Der ganze Mensch eine Fehlermeldung, B-Ware, dysfunktional auf die Welt gekommen, Gewölle, in Bruchstücken herausgepresst, und niemand hat sich die Mühe gemacht, das Puzzle richtig zusammenzusetzen. Sein ganzes Leben eine unausgesetzte Schwächung, immer entwich irgendwas, ohne dass mal was hinzugekommen wäre. Nie ist etwas in Schwingung geraten, dabei hätte man nur mal eine Saite anzupfen müssen, früher, und gleich hätte das ganze Orchester mit eingestimmt. Er ist erfüllt, von oben bis unten ausgegossen mit diesem brennenden Schmerz, sein Herz ein blutender, schwerer Klumpen, der langsam nach unten durchsackt ... Wie lange erträgt man es zu wissen, dass nichts mehr kommt?»

Hier Markus, dort Heinzer

Fragt sich und uns Markus Erdmann, Wiedergänger und Fortsetzung Heinzers aus Fleisch ..., und aus der Landjugend mit Musik ist ein Großstadt-Erwachsenenleben als Gagschreiber geworden, sogar mit Lebensabschnittspartnerin, die aber die Einsamkeit dessen, dessen Leben nicht lebt, nur spiegelt und verdoppelt: «Mit großen Gefühlen sind wir gestartet, mit ganz kleinen Ge­fühlen liegen wir im Bett und halten still»; und was immer sich ändert, eins ändert sich nicht: «Alles Mögliche kann einem im Leben passieren und vor allem nichts.»

Und also passiert auch in einer tödlich heißen Hamburger Sommerwoche nicht viel außer Umweltbeobachtung nebst sozialpathologischen Attacken, lethargischem bis fasziniertem Fernsehen zwischen Home-Shopping-Kanälen und auto motor und sport tv («was für eine Sendung: ‹Dem Reihensechszylinder quillt der Charakter nur so aus den Brennräumen. Aufgeweckt wie ein Rennterrier, stürmisch wie ein Kampfstier, drehfreudig wie ein Formel-1-Fahrer beim Training, aber so sanft im Abgang wie bitterzarte Schokolade›»), dem Seitensprung des besten Freundes mit einer Minderjährigen, den halbernsten Vorarbeiten zu einer Biographie jenes Onkels Friedrich, der als Kaffeekoster im Hamburger Freihafen und Sprüchemeister («Ladies first – James Last») zur «Zunge Europas» geworden ist, einer sinnlosen Dienstreise nach Berlin, die immerhin das Wiedersehen mit einer schönen Frau von früher ergibt, «und sich jeden Abend überwältigen lassen von trostlosen Erinnerungen an das eigene Leben, das rückblickend nur als zufällige, konturlose Zeitballung erscheint, eine einzige Quälerei aus Angst, Begehren, Krankheit, De­mütigung, Einsamkeit und Schuld».

Autoreninfo

Der Musiker, Schauspieler und Schriftsteller Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren. Er ist Gründungsmitglied des Humoristentrios Studio Braun und...
mehr über den Autor
Spitzenhumor und Supersublimation

Was aus dem allen folgt, ist – Macht der Sublimation! – klar: Spitzenhumor, den Erdmann seinem besten Freund Sven, der Comedian ist und dem er die Gags schreibt, aber nicht ver­kaufen kann: «Du bist ab jetzt Comedybäcker. Das Programm heißt Nährschlamm für Gehirnjogger. Ein übermenschlicher Konditormeister, psychedelischer Tortenheber und Streuselguru, der alle Backmischungen auf der ganzen Welt auswendig kann.» –

«Spitze. Hat jetzt schon das Zeug zum Klassiker. Nächster Vorschlag, bitte.» – «Improcomedy von und für Pfeifenraucher: Piff, paff, die Rübe brennt, ein Nischenpremiumformat für einen Nischenpremiumsender wie n-tv oder N24» oder für Freunde einer solch vorbildhaft arretierten Nischenpremiumexistenz, die wir schon des­halb premium finden, weil ihr so kristalline und ewig schöne Sätze entspringen wie die, die wir, es sei uns nachgesehen, schon die ganze Zeit zitieren; eine Schönheit, die sich der tiefsten existentiellen Trauer verdankt und die Literatur (und Komik) beglaubigt als den Versuch einer schiefgetretenen Streichholzschachtel, sich durch Gedanken wieder Form zu verleihen (Peter Rühmkorf).

Ganz ohne Gurki, An der Nordseeküste und Schützenfestallotria finden Erdmann/Heinzer/Strunk in Die Zunge Europas zur – bitte genau hinlesen: – Form ihres Lebens und unseres Lebens gleich mit, dieser fuselig de­stillierten Mischung aus ca. Munch, Schopenhauer, Bernhard, Houellebecq und der Weisheit der Schlager. «Wir haben nichts gegeben und nichts gefordert, übrig geblieben sind nur wir selbst und unsere Verweigerung. Achselzucken, leises Schnaufen, noch leiseres Gefurze. Bäuerchen.»

Das kann man natürlich noch schöner sagen; ich wüsste allerdings nicht, wie.

(Aus: Rowohlt Revue 86, Autor: Stefan Gärtner)