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Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

© Matrix Buchkonzepte

Wenn Amerikaner eine Sache angehen, dann oft mit verblüffender Zielstrebigkeit und Effizienz. In einem Land wie den Vereinigten Staaten, wo ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung nicht den blassesten schimmer davon hat davon hat, welche Länder jenseits der politisch und wirtschaftlichen Größen zu Europa zählen, ist eine Kampagne wie Eine Stadt liest ein Buch eine kleine Sensation – und ein Kulturpolitikum erster Güte. 1998 hatte Seattle den Anfang gemacht; Buffalo, Rochester und andere Städte folgten. Ihren Durchbruch erlebte die Kampagne 2001 in Chicago. Dort entschied sich ein Gremium aus Buchhändlern, Erziehern und kommunalen Entscheidungsträgern für To Kill a Mockingbird von Harpe Lee – eine bemerkenswerte Wahl, wird der Roman doch bis heute von progressiven wie konservativen Kritikern aus ganz unterschiedlichen Motiven angegriffen. In den 1990-er Jahren zählte Harper Lees einziger veröffentlichter Roman zu den Werken, die noch immer am häufigsten aus dem Unterricht der öffentlichen Schulen verbannt wurden.

Jetzt ist bei rororo eine bibliophile Ausgabe von Wer die Nachtigall stört erscheint – willkommener Anlass für eine Wiederentdeckung dieses bedeutenden Klassikers der modernen amerikanischen Literatur. Das 1961 mit dem Pulitzerpreis geehrte Werk wurde in über vierzig Sprachen übersetzt und 1962 mit Gregory Peck in der Hauptrolle verfilmt.

Schwarz, Weiß, Schwarz-Weiß

Harper Lees 1960 geschriebener Roman beschreibt eine Kindheit in der kleinen Stadt Macomb County in Alabama in den 1930-er Jahren aus der Sicht des Mädchens Jean Louise, genannt Scout. Sie und ihr Bruder Jem werden nach dem Tod der Mutter vom Vater allein aufgezogen; Atticus Fink, Abgeordneter und Anwalt, eine ruhige Stimme der Vernunft. Er ist seinen Kindern ein lebendes Vorbild für das, was er an Erziehungszielen verfolgt: Toleranz, Gerechtigkeitssinn, Mut, Respekt vor Anderen.

In diese vemeintliche Kindheitsidylle drängt sich mit unerbittlicher Macht der herrschende Rassismus. Atticus Fink wurde zum Pflichtanwalt für den schwarzen Farmarbeiter Tom Robinson bestellt, der eine weiße junge Frau vergewaltigt haben soll. Weil Fink in seiner aufrechten, furchtlosen Art darauf besteht, dass Schwarze die gleichen Menschenrechte wie Weiße haben soll, wird er in seiner vor Vorurteilen und Hass strotzenden Umgebung «ehrenwerter Bürger» zum angefeindeten Außenseiter.

Der Prozess ist von Anfang an ein abgekartetes Spiel. Obwohl die Unschuld des Angeklagten evident ist, verurteilt ihn die aus Weißen bestehende Jury; wenn Aussage gegen Aussage und Weiß gegen Schwarz steht, gibt es keinen Zweifel, wer Recht bekommt und wessen Leben auf Dauer ruiniert wird. Mit Tom Robinson nimmt es bald darauf ein schlimmes Ende … Weil sich der Anwalt den Zorn des Vaters des «Vergewaltigungsopfers» zugezogen hat, sind Atticus’ Scout und Jem plötzlich in großer Gefahr. Es ist der Moment des großen Auftritts von Arthur Boo Radley, dem rätselhaften, menschenscheuen Nachbarn der Finks …

Wer die Spottdrossel stört

Auf Boo Radley bezieht sich auch der Satz, der dem Roman den Titel gab: Eine Nachtigall darf nicht gejagt werden, weil «sie nur schön singt und niemandem etwas zu Leide tut». Wie wahr – auch wenn im amerikanischen Original nicht von einer Nachtigall die Rede ist, sondern von einem «mockingbird», der Spottdrossel, einer Art amerikanischem Nationalvogel …