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Hans Joachim Schädlich, 1935 in Reichenberg/Vogtland geboren, vermag wie kaum ein anderer aus der Mischung von dokumentarischem Material und Fiktion literarische Funken zu schlagen. Die in Vorbei versammelten drei Erzählungen, kreisen alle um den Tod: um das Sterben des Schriftstellers Robert Louis Stevenson, des Altertumswissenschaftlers Johann Joachim Winckelmann und des Komponisten Antonio Rosetti, «Ein kostbares Buch. Eine Prosasonate in drei Sätzen, erzählt in Schädlichs ganz und gar eigentümlicher Weise.» (FAZ)
Schädlich hatte immer diesen «anderen Blick». An ihm, dem Inbegriff des Integren, Sperrigen und Unkorrumpierbaren, hat sich die Stasi die Zähne ausgebissen. Seine bei aller Sprödigkeit sezierend-scharfen Texte waren für den Staatsschutz wie Sprengstoff: Vorsicht, Explosionsgefahr. Wer, darauf hat Jurek Becker aufmerksam gemacht, in seinen Texten «Kommando der städtischen Polizei» statt «Genossen der Volkspolizei» oder «Kraft der Lehre» statt «Kraft des Marxismus-Leninismus» schrieb, der machte sich in der DDR verdächtig.
Ging es in Versuchte Nähe, Tallhover oder Trivialroman um das tägliche Brot des Obrigkeitsstaates, seine Bürger durch unablässige Bespitzelung und Einschüchterung niederzuhalten, hat Vorbei ein anderes Thema: das Sterben, den stets lauernden Tod in seiner banalen, brutalen Sinnlosigkeit. Aber auch für die neuen Texte gilt, was die FAZ über seine frühen Meisterwerke schrieb: «Das Ungeheure geschieht wie nebenbei – es gibt keine rauschhaften Passagen, in denen die Wörter sich verselbständigen.»
TUSITALA. Auf der «Arend», einem uralten Schiff, das mehr als eineinhalb Jahrhunderte zuvor bereits an der Entdeckung der Osterinseln beteiligt war, bricht 1894 eine schottische Reisegruppe Richtung Samoa auf, wo Robert Louis Stevenson in freiwilligem Exil lebt. Als sie nach monatelanger Fahrt endlich das Archipel erreicht, ist Stevenson tot – gestorben mit 44 Jahren. Schädlichs Prosa lässt die beiden Expeditionen und mit ihnen Zeit und Raum zu einer einzigen existentiellen Erfahrung verschmelzen. Sind wir noch im 18. oder schon 19. Jahrhundert? Und besitzt das irgendeine Bedeutung angesichts der niederschmetternden Tatsache des Todes?
TORNIAMO A ROMA. Johann Joachim Winckelmann, ist fünfzig, als er 1768 sein Ende findet. Lange hatte er mit sich gekämpft, ob er dem Ruf Friedrichs des Großen als Königlicher Bibliothecarus und Aufseher des Münz- und Antikenkabinett nach Berlin folgen solle. Aber der Gedanke an Deutschland lässt «erdrückende Schwermut» in ihm aufsteigen. Auf dem Weg zurück nach Rom ereilt den «Oberaufseher aller Altertümer in Rom» in einer Osteria in der Nähe von Triest sein Schicksal in Gestalt eines Raubmörders.
CONCERT SPIRITUEL. Auch Rosetti ist zur Unzeit am falschen Ort. DeIn seiner musikalischecn Laufbahn war der böhmische Komponist Franz Anton Rösler, der sich selbst Francesco Antonio Rosetti nannte, über die kleinen Höfe nicht hinausgekommen. Als sich ihm endlich die Tür zu seinem Lebenstraum öffnet, einer Karriere im Berliner Schloss, ist es zu spät: Ein halbes Jahr nach Mozart, für dessen Totenmesse in Prag er noch das Requiem beigesteuert hatte, stirbt auch er. Rosetti wird zweiundvierzig Jahre alt.
Drei Leben, drei Varianten des Abschieds: aus und vorbei. Am Ende erwartet uns alle der Tod. «Drei kleine Meisterstücke. Formvollendet, kurzweilig, prägnant.» (WDR)