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Hans Joachim Schädlich: Kokoschkins Reise

© Matrix Buchkonzepte

Es ist nicht weniger als eine Jahrhundertbesichtigung an Bord der Queen Mary 2, deren Zeuge wir in Kokoschkins Reise werden: die ganze bedrängende Geschichte von Vertreibung, Flucht und Exil. In einer Besprechung des neuen Romans von Hans Joachim Schädlich im Deutschlandradio Kultur weist Helmut Böttiger zu Recht darauf hin, dass die im Zusammenhang mit Schädlichs Prosa immer wieder verwendete Vokabel «lakonisch» ein glatter Euphemismus sei: «Er treibt alles, was lakonisch genannt werden könnte, ins Radikal-Zugespitzte. Es gibt keine psychologische Innenschau, keine gefühlsmäßige Innenausstattung der Figuren, es gibt keine kommentierende Erzählhaltung, nichts Ausschmückendes, nichts bloß Atmosphärisches. (…) Eine Seite Schädlich entspricht ungefähr 20 Seiten üblicher handlungsstarker Prosa. Er ist ein Meister der Reduktion, der mit dieser Reduktion eine ungeheure Intensität erreicht.»
Das unterstreicht auch Hubert Spiegel in der FAZ: «Die großen Gefühle Trauer, Schmerz, Erinnerung und letzte Liebe, all das zwingt Schädlich mühelos in die Nussschale seines kargen Stils. So vermag nur ein Autor zu schreiben, der bei jedem seiner Worte weiß, was ihm wichtig ist und was nicht.» Thilo Heide hat für die Rowohlt Revue den neuen Schädlich gelesen.

St. Petersburg, Odessa, Berlin, Boston

«Bei Tisch soll man nicht über Politik reden», sagt Lucy, die feinsinnige alte Dame aus London. «Das verdirbt den Appetit.» Und der spielt an Bord der Queen Mary 2 natürlich eine wichtige Rolle: Kalte Tomatensuppe mit Gin, gegrillter Schwertfisch, Waldpilze, Kohlrabi-Tarte, Panna Cotta mit Aprikosenkompott ... Aber was soll man machen, wenn man, wie Fjodor Kokoschkin, 95 Jahre zählt und fast genau so lange immer wieder ein Opfer von - eben - Politik geworden ist? Sicher, der emeritierter Professor der Botanik aus Boston, Spezialgebiet Gräser, genießt die Annehmlichkeiten der Überfahrt von Southampton nach New York durchaus. Mal ein Zigarillo «Juan Clemente», ein später Imbiss, Faulenzen im Liegestuhl an Deck. Sehr gerne liest er Olga Noborra, der schönen Architektin, etwas Russisches vor und bringt ihr in der Karaoke-Bar gar ein Ständchen: «Bei mir biste scheen».

Aber einfach aufzugehen in der verordneten Leicht- und Seichtigkeit des Lebens an Bord, gelingt dem alten Mann nicht. Während die anderen Passagiere Bridgeunterricht nehmen, am Golfsimulator üben oder sich für das Suffleboard-Turnier fit machen, steigen in seiner Erinnerung die Bilder der Reise auf, die er eben unternommen hat, einer Reise tief in die eigene Vergangenheit.

St. Petersburg hatte er besucht, wo sein Vater, Mitglied der Konstitutionellen Demokraten und der ersten freigewählten Verfassung gebenden Versammlung, 1918 im Mariinskaja Hospital von Bolschewisten erstochen worden war. Berlin war eine weitere Station, wohin seine Mutter über Odessa mit ihm geflohen war. Gönner ermöglichten ihm den Besuch des Joachimsthalschen Gymnasiums in Templin. Um sein Studium zu finanzieren, arbeitete er später im Botanischen Garten und verliebte sich in seine Vorarbeiterin Aline. Prag stand am Ende. Nach Prag hatte er sich 1933 abgesetzt, als die Berliner Universität immer mehr auf Nazi-Kurs ging. 1968 hatte er die tschechoslowakische Hauptstadt noch einmal besucht, kurz vor dem Einmarsch der Russen.

Autoreninfo

Hans Joachim Schädlich, 1935 in Reichenbach im Vogtland geboren, arbeitete an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin, bevor er 1977 in die...
mehr über den Autor
«Ich bin ein gelernter Emigrant»

Die Dichter Bunin, Belyj und Chodassewitsch tauchen auf. Gorki hielt mit seinem Gefolge auf Kosten des Sowjetstaates in Saarow Hof. All die billigen Hotels und schäbigen Wohnungen der antibolschewistischen Emigranten in Berlin und Paris erstehen vor Kokoschkins innerem Auge, all die Stationen und Provisorien seines Emigrantenlebens - Erfahrungen, die in beinahe groteskem Missverhältnis stehen zu der elektronischen Kuschelmusik an Bord, der Kleiderordnung, den Kunstauktionen und dem belanglosen Small-Talk der Mitreisenden.

In Prag hatte der Kulturattaché der amerikanischen Botschaft ihm damals ein Stipendium für die USA verschafft. Anfang März 1934 ging er Bord des Schiffes nach New York - die neue Welt wurde zu seiner neuen Heimat. Am 14. September 2005 kommt der «gelernte Emigrant» Fjodor Kokoschkin nach sechs Tagen auf See wieder nach Hause.

(Aus: Rowohlt Revue 89, Autor: Thilo Heide)