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H.-J. Noack/W. Bickerich: Helmut Kohl

© picture alliance/dpa, DB Miguel Villagran

Zu Helmut Kohls 80. Geburtstag legen Hans-Joachim Noack und Wolfram Bickerich eine große Biographie des Mannes vor, der als Vollblutpolitiker, Machtmensch und «Kanzler der Einheit» Geschichte geschrieben hat. In ihrem Buch verfolgen Noack und Bickerich, beide langjährige Ressortleiter Politik beim SPIEGEL, den Weg des CDU-Mannes vom ambitionierten rheinland-pfälzischen Nachwuchspolitiker zum Bundeskanzler und Politstrategen von Weltformat; in ihrem einfühlsamen Lebensporträt analysieren sie das «System Kohl» bis zum jähen Absturz nach der Spendenaffäre und bewerten das politische Lebenswerk des Altkanzlers.
Wir zitieren im Folgenden einige Absätze aus dem Vorwort der Kohl-Biographie von Noack/Bickerich.

Macht und Maß

Die Macht war sein Ziel … Er ist der Kanzler der Einheit. Seine Amtszeit währte länger als die jedes anderen deutschen Regierungschefs. Er überstand vier Bundestagswahlen siegreich, war sechzehn Jahre lang fast unangefochten in Partei und Parlament.
Anfangs als Tollpatsch belächelt, wegen seiner Redeschwäche geschmäht, strebte der Mann aus der Pfalz beharrlich an die Spitze. Sein ganzes Leben widmete er der Politik, unermüdlich rackerte er sich ab auf der Ochsentour nach oben – von Hinterzimmern über Vorzimmer in Chefzimmer, von Weinfesten über Bierzelte, Rathäuser, Parteitage bis in die höchsten Ämter. Er hatte wenig Flausen im Kopf und keine Utopie einer neuen Gesellschaft. Die Macht war sein Ziel.

Maß und Maßlosigkeit. Noch zu Beginn seiner Kanzlerschaft galt er als der «am meisten unterschätzte Politiker»: ein auffällig heimatliebender, dem Pathos zugeneigter Biedermann, den man seiner Statur wegen «Schwarzer Riese» nannte, der aber eher die etwas zu groß geratene Verkörperung des deutschen Kleinbürgers war. Er wirkte nicht eisig überheblich wie sein Vorgänger Helmut Schmidt, nicht entrückt grüblerisch wie der Visionär Willy Brandt, nicht rechthaberisch auftrumpfend wie der Männerfreund Franz Josef Strauß, nicht professoral belehrend wie der hartnäckige Widersacher Richard von Weizsäcker. Sein damaliger geistlicher Beistand Pater Basilius Streithofen charakterisierte ihn so : «Der Kanzler besitzt die Tugend des Maßes. Sie hält die von der Klugheit geforderte richtige Mitte ein, zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig.»
Aber dann, gegen Ende seiner Amtszeit, das er ungebührlich lange verzögerte, verlor er jedes Maß: Die Einheit war erreicht, ein Ehrenplatz im Haus der Geschichte gesichert, da nahm er für sich ein ganz eigenes Recht in Anspruch, vorbei an lästigen Regeln oder gar Gesetzen.

Einheitskanzler, Europakanzler

Das System Kohl. Geduldig erfand und festigte der vor Selbstvertrauen strotzende Christdemokrat ein eigenes, nach ihm benanntes System der Machterhaltung, das freilich nur überdauern konnte, weil er in seinem Herrschaftswillen konkurrenzlos blieb: Widersacher wurden kaltgestellt, auf unwichtige Posten abgeschoben oder, wie Norbert Blüm, als Hofnarren geduldet. (…) Andererseits besaß er ein herausragendes Gespür für politische Talente, die er förderte, solange sie ihm nützlich erschienen; man denke in der frühen Zeit an Heiner Geißler oder Norbert Blüm, an Roman Herzog oder Bernhard Vogel, und später an Angela Merkel, das von Kohl so genannte «Mädchen». Zugleich zeigte er das typische Verhalten eines Patriarchen: Mögliche Nachfolger wie Wolfgang Schäuble wurden kleiner gemacht, als es ihrer wahren Bedeutung entsprach. Auch das gehört zu den Grundvoraussetzungen eines jeden Staatsmannes: Ohne die Fähigkeit, seine Kombattanten und ihre Erwartungen zu enttäuschen, wäre er nicht geworden, was er ist.

Deutschland und Europa. Der Kanzler der Einheit hat noch andere Prädikate verdient. So schwach seine innenpolitischen Leistungen ausfielen – in Wahrheit kümmerte er sich nicht um die überfällige Reform der Gesellschaft –, so unvergleichlich stark war sein Engagement in der Außenpolitik. Spätere Generationen werden Kohl als den Architekten des vereinten Kontinents würdigen; an diesem Ehrentitel hat er zeitlebens hart gearbeitet. Die europäische Einigung zäh vorangetrieben zu haben, war die fast noch größere Leistung, als nach dem Mauerfall den Zipfel vom Mantel der Geschichte zu erhaschen – die Einheit, heute wissen wir es aus dem tristen Erbe der DDR-Akten, wäre ohnehin auf die Deutschen zugekommen, der Zusammenschluss Europas vermutlich noch immer nicht so weit gediehen. Mit Recht wurde der Altkanzler zum «Ehrenbürger Europas» ernannt. In den USA galt er als «Staatsmann des Jahrzehnts».

Strickjacke & Saumagen

«Kohl ist Kult» (Die Zeit. Immer wieder beschreiben Biographen diesen Kanzler als «überdurchschnittlichen Durchschnittsbürger» – eine Kraftnatur aus der pfälzischen Weinstube im deutschen Nachkriegsidyll. Aber als es darauf ankam, erwies er sich doch als Staatsmann. Mit der von Kohl häufig im Munde geführten «Wegweisung» war es dagegen nicht so weit her. Für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft galten ihm stets die Maximen seines großen Vorbilds als Richtschnur: «Konrad Adenauer», so betonte er nicht nur in seiner ersten Regierungserklärung, sondern hielt sich auch später stets daran, «führte vor über 30 Jahren die Deutschen in die Gemeinschaft der freien Völker des Westens und baute darauf die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland. Auf dieses Erbe dürfen wir aufbauen, und aus diesem Erbe ziehen wir auch die Kraft, das für heute Notwendige zu tun.»

Atomenergie mit Familiensoße. Im Rückblick erstaunlich: Helmut Kohl wollte die Bürger der Achtziger zurück in die vermeintlich goldenen Fünfziger führen. Es herrschte Gemütlichkeit, wie der Kanzler sie sogar im Umgang mit seinen Staatsgästen vorlebte – (möglichst) mit Schlappen an den Füßen, Vivaldi im Ohr, einem von Gattin Hannelore nach eigenem Rezept gefüllten Saumagen im Ofen und ausreichend Pfälzer Wein im Keller. Der stets mäkelnde «Spiegel» bezeichnete dieses vom «Mann aus Oggersheim» mit Hingabe gepflegte Idyll als «Atomenergie mit Familiensoße».

Habermas ante portas. Der Philosoph Jürgen Habermas nannte Kohl wegen dieser unbekümmerten Attitüde «die verkörperte Entwarnung». Trotz seiner massigen Erscheinung war bei ihm nie ein Anflug von persönlicher – und noch weniger, wie sich spätestens in Verdun zeigt, militaristischer – Großmannssucht zu spüren. Das machte seine Gespräche mit anderen Mächtigen über die Einheit Deutschlands und die Einigung Europas so glaubwürdig. «Kohl ist weder gefährlich noch einschüchternd», applaudierte Habermas. «Er ist repräsentativ ohne Repräsentation.» Und als habe er die späteren Wirrungen und Irrungen erahnt, fügte der Vordenker der deutschen Intellektuellen 1994 ein als Tadel getarntes Lob hinzu: «So könnte uns einzig sein unschätzbarer Vorzug, so gar nicht zum Vorbild zu taugen, zum Nachteil gereichen.»