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Wenn ein altgedienter Mathematiklehrer wie Günter F. Hessenauer, dessen Hobby über viele Jahre es war, Spickzettel in jedweder Form zu sammeln, uns einen Blick auf seine Schätze werfen lässt, dann werden Erinnerungen an die Kindheit, an die Schulzeit wach. Komischerweise scheint es angesichts dieses Thema nur zwei Gruppen zu geben: die Möchtegern-Schummler («hätte ich ja gern öfter gemacht, aber ich war zu blöd und wurde prompt erwischt – also hab ich’s gelassen») und die Pfuschprofis, die noch heute von ihren Heldentaten mit stolzgeschwellter Brust erzählen, als lägen sie im Schützengraben.
Das Schöne an Erwischt! ist, dass hier das ganze Spektrum möglicher und unmöglicher Spicktechniken in Wort und Bild gewürdigt und gewertet wird: Jedes Kapitel endet mit der Einschätzung des pädagogischen Werts einer «Täuschungshandlung». Akribisch wie Pädagogen nun mal sind, wird nicht nur das Wort «spicken» etymologisch eingekreist (verortbar irgendwo zwischen Speck und specere, lat.: sehen). Er verschweigt auch nicht die in den jeweiligen Schulordnungen fixierten Strafkataloge für unerlaubte Hilfen bei der schulischen Leistungsüberprüfung: Während in Brandenburg oft Gnade vor Recht geht, sind die Lehrkräfte im Freistaat Bayern bei erfolgtem wie versuchtem Spicken zu rigoroser Bestrafung angehalten: Note 6.
Fein säuberlich unterscheidet Hessenauer diverse Kategorien von Spickzetteln und Spickobjekten. Das geht von klassischen, gebastelten und Last-Minute-Spickern bis zu James-Bond-mäig gestylten technischen Gerätschaften. Die klassischen Spickzettel, also die Papierfetzen, auf denen in winzigster Schrift Themen wie etwa die gefährlichsten Erdbebengebiete der Welt, Konjugations- und Deklinationsformen, algebraische Formeln oder Kurzinterpretationen von Hamlet oder Faust notiert sind, bekommen die pädagogische Gesamtnote «wertvoll». Warum? Weil ihre Herstellung die intellektuelle Durchdringung des Stoffes voraussetzt.
Spickzettel lassen sich wunderbar auf der Rückseite von Linealen, in Schminktäschchen, Zigarettenschachteln, sogar auf Schokoladetafeln und Trinkflaschen platzieren. Kugelschreiber, in deren Inneren ein Aufrollmechanismus mit Federantrieb versteckt ist, Uhren, die auf dem Prinzip kommunizierender Spickerrollen basieren, computergenerierte Spickzettel, alles kann man sich in diesem mit Sorgfalt und Liebe zusammengestellten Best of … Spicking anschauen. Der absolute Klassiker unter Hessenauers Schätzen ist ein Zettelchen in der Größe einer Briefmarke mit den Zehn Geboten. Bei so viel minimalistischer Liebe drückt Gtt sicher ein Auge zu.
All das kann man sich übrigens auch im historischen Klassenzimmer der Schulgeschichtlichen Sammlung der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg anschauen; dort hat die weltgrößte Spickersammlung ein festes Zuhause gefunden. (Dorthin kann man übrigens auch eigene Kreationen schicken, von denen man sich bislang noch nicht trennen wollte oder konnte …)
Ach, Sie möchten wissen, wie der pflichtbewusste Mathematiklehrer Günter Hessenauer selbst mit Schummeleien und Schummelversuchen umgegangen ist. Ganz einfach – so: «Wenn ich an einem Prüfling Anzeichen wahrnehme, dass er das Spicken intensiv erwägt (gesteigerte Nervosität, rote Flecken am Hals, wiederholter Griff in eine Tasche an der Kleidung, ständiges Verfolgen der Aufsichtspersonen mit Blicken und so weiter), unterbreche ich die Prüfung kurz und halte folgende Mini-Ansprache: Schreib- und Zeichengeräte weglegen! Alle herhören! Es ist hier jemand im Raum, der kurz davorsteht, eine große Dummheit zu begehen. Ich möchte diese Person bitten, diese Dummheit zu unterlassen. Alle weiterarbeiten!»
Und das wirkt? Und wie das wirkt!