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Geschenktipps - Teil 8

Andrea Camilleri: M wie Mafia

Die Welt kannte ihn jahrzehntelang nur als Phantombild: Bernardo Provenzano, capo dei tutti capi, Boss aller Bosse. Als Jungmafioso hatte er sich als gnadenloser Kller hervorgetan; später, als Chef des mächtigsten Mafia-Clans Siziliens, beendete er mit harter Hand die Massakerstrategie der «Firma», weil diese sich schlicht als geschäftsschädigend erwies. Dreiundvierzig Jahre agierte er aus dem Untergrund: von Ort zu Ort, von Unterschlupf zu Unterschlupf weiterziehend – bis er im März 2006 in der Nähe seiner Heimatstadt Corleone verhaftet wurde.

M wie Mafia hat mit reißerischer Frontberichterstattung nicht das Geringste zu tun. Gestützt auf die Auswertung von Provenzanos legendären pizzini – zu winzigen Päckchen gefaltete und mit Tesafilm versiegelte Papiere, mit denen die Aktivitäten der Organisation bis in die skurrilsten Details gesteuert wurden –, wird die anachronistisch wirkende, aber im Untergrundalltag verblüffend effektive Kommunikation der sizilianischen Mafia bis zur Verhaftung des Bosses der Corleonesi verständlich. Camilleris Idee, eine Mafia-Biographie in Form einer alphabetischen Chronik zu erzählen (von A wie «Abschrift» und «Abtauchen» bis – überraschend – Z wie «Zichoriengemüse») könnte man riskant nennen; aber wie er über diesen Dreh sein Mafia-Wissen organisiert und präsentiert, ist brillant.

Übrigens: Bernardo Provenzano soll nach Aussagen vieler Vertrauter nur ein einziges Mal gelacht zu haben, dann aber schallend: Als er sich im Kreise von Getreuen einen Film ansah, den Mafia-Klassiker Der Pate



KLAUS BEDNARZ: FERNE UND NÄHE

Promovierter Slawist, Osteuropa-Historiker, Monitor-Chef, ARD-Korrespondent in Warschau und Moskau, engagierter Kämpfer für Menschenrechte, WDR-Chefreporter bei großen Expeditionen zwischen Baikal und Beringsee, Karelien und Feuerland. Volker Ullrich (Die Zeit) nennt ihn «eine moralische Instanz, wie es sie unter deutschen Journalisten nur wenige gibt».

Klaus Bednarz hat es als Journalist immer wieder ins Ausland gezogen, und nicht nur nach Polen und Russland – in die Länder, deren Geschichte und Entwicklung immer sein besonderes Interesse galt. Und doch hat er sich mit gleicher Leidenschaft in die innenpolitischen Debatten gestürzt, hat Themen besetzt, mit denen er oft aneckte und sich (prominente) Feinde machte. Mit seinem Mut, seiner Unbestechlichkeit, seiner Respektlosigkeit vor der Machtanmaßung der politischen Kaste ist er so manchem in die Quere gekommen.

Der Sammelband Ferne und Nähe geht den Stationen einer außergewöhnlichen journalistischen Karriere nach. Man könnte es ein «Best of Bednarz» nennen, finden sich doch hier viele seiner wichtigsten politischen Texte: Essays, Interviews (Heinrich Böll, Lew Kopelew, Andrej Sacharow, Georg Lukács, Robert Jungk Willy Brandt, Michail Gorbatschow), Glossen, Kommentare zum Zeitgeschehen, literarische Streifzüge, begnadete Reisereportagen.

Herfried Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen

«Kinder brauchen Märchen. Brauchen Erwachsene Mythen?», fragte die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Besprechung von Herfried Münklers Opus magnum Die Deutschen und ihre Mythen. Verglichen mit Ländern wie Frankreich (Sturm auf die Bastille, Revolution von 1789), England (imperiale Epoche des Empire), Polen (heroischer Widerstand gegen nationale Unterjochung) oder den USA (Unabhängigkeitskrieg) sei Deutschland «eine weitgehend mythenfreie Zone», schreibt der Berliner Politikwissenschaftler in der Einleitung seiner fulminanten Studie, für die er den Preis der Leipziger Buchmesse 2009 in der Kategorie Sachbuch und Essayistik erhielt.

Es ein Buch, das als scharfsinnige Inspektion deutscher Mentalität und deutscher Befindlichkeit wie gerufen kommt: ein Parforceritt durch zweitausend Jahre deutsche Geschichte Über fünf große Kapitel hinweg zieht sich der Spannungsbogen: von den Nationalmythen (Barbarossa zwischen Kyffhäuser und Russlandfeldzug, Nibelungen, Doktor Faust) bis zu den politische Mythen nach dem Zweiten Weltkrieg (vom «antifaschistischen Widerstand» als DDR-Gründungsmythos über Währungsreform und Wirtschaftswunder bis zu populistischen Ersatzmythen wie «Du bist Deutschland».)

Hat Deutschland mit dem Verzicht auf eine Mythisierung des 9. November 1989 nicht eine historische Großchance vertan? Friedlicher Massenprotest gegen die SED-Diktatur, Leipziger Montagsprozessionen bis hin zum Mauerfall – Stoff genug für eine mythische Großerzählung, findet Münkler. Denn nicht der Verzicht auf eine «gründungsmythische Aufarbeitung des 9. November» sei das Problem, sondern die generelle Ignoranz historisch-politischer Großerzählungen samt ikonischer Verdichtung und ritueller Inszenierung für ein nationales Kollektiv.

Jan Fleischhauer: Unter Linken

Ein Mann sieht rot! SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer weiß, wovon er spricht, hat er doch gleich mehrere linke Milieus durchlaufen: zu Hause (in einem typischen Hamburger Hardcore-SPD-Haushalt), in der Schule, in der Journalistenausbildung und auch beim SPIEGEL. Er hat das alles auch brav, teilweise sogar mit Emphase, mitgemacht, bis er irgendwann merkte: Links sein ist nichts für mich. «Am Anfang versuchte ich, meine konservativen Neigungen zu unterdrücken. Ich redete mir ein, sie würden vorbeigehen wie jugendliche Hitzewallungen. (…) Das Schwierigste für jeden späteren Konservativen ist immer das Coming-out.» Darüber hat er ein scharfsinniges, scharfzüngiges Buch geschrieben, das noch immer für Diskussion sorgt.

Unter Linken ist ein Buch der Entzauberungen, der Zerstörung von Legenden und Halbwahrheiten. So spannt Fleischhauer in seinem Kapitel zur Geschichte der Linken den Bogen vom abstrakten Utopismus eines Jean-Jacques Rousseau (Tugendpapst & kalter Kinderverächter) über Campanellas Sonnenstaat-Vision, das fanatische Egalitätsprinzip der Revolutionäre von 1789 um Saint-Just und Robespierre bis zu den ideologischen Irrungen und Wirrungen der vergangenen Jahrzehnte.

Es gibt Repräsentanten linker Politik, die Fleischhauer respektiert, weil sie den Diskurs suchen – Oskar Lafontaine zählt ganz sicher nicht zu dieser Spezies, wie dieser Miniexkurs zur französischen Revolution zeigt: «Der Sansculotte ist der selbstgerechte, neidbesessene Vertreter des Pöbels, auf dessen Ressentiments und Bereicherungshoffnungen alle Volksverführer ihre Herrschaft aufrichten: damals der kühle Scharfmacher Saint-Just und der zynische Taktiker Robespierre, heute eben die von der kapitalistischen Wohllebe saturierte Kleinausgabe in Gestalt eines Lafontaine …»