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Geschenktipps - Teil 6

Inge Jens: Unvollständige Erinnerungen

Seit mehr als einem halben Jahrhundert sind sie ein Paar: die promovierte Germanistin Inge Jens, 1927 als Inge Puttfarcken in Hamburg geboren, und der Schriftsteller und Gelehrte Walter Jens. Auch wenn sie in der Öffentlichkeit meist als die «Frau an seiner Seite» wahrgenommen wurde, hatte Inge Jens stets ein eigenständiges, beruflich erfolgreiches Leben geführt: als Editorin von Tagebüchern und Briefwechseln, mit ihrer umfangreichen Arbeit über die Geschichte der Tübinger Universität und nicht zuletzt mit Bucherfolgen wie den Biographien über Katia Mann und deren Mutter Hedwig Pringsheim – vieles davon gemeinsam mit ihrem Mann.

Dass nun ihre eigene Autobiographie mit großer Spannung erwartet wurde, hat auch mit der Demenzerkrankung von Walter Jens zu tun. Anders als ihr Sohn Tilman, dessen Buch viele als schonungslose Abrechnung mit der übermächtigen Vaterfigur lasen, sieht sie seine Krankheit nicht als einen Akt der Flucht, als resignative Reaktion auf das Bekanntwerden seiner NSDAP-Mitgliedschaft im Jahre 2003 an. Auch über diese Seite des Lebens in der Tübinger Sonnenstraße schreibt Inge Jens bewundernswert sachlich und unprätentiös – und doch springt einen aus jeder Zeile der Schmerz und die Trauer über die irreversible Krankheit des geliebten Mannes an.

«Nach 57 Jahren nie abreißender Gespräche bin ich allein – ohne den Menschen, mit dem sich über alles auszutauschen mir so selbstverständlich war wie essen und trinken oder atmen. (...) Er ist da: als ein der Zuwendung bedürftiger Mensch, der ein Recht darauf hat, dass auch ich «da bin». Aber als Partner, als ein verstehendes, Antwort gebendes oder gar widersprechendes Gegenüber gibt es ihn nicht mehr …»



JÖRG BERGER: MEINE ZWEI HALBZEITEN

Jedem, der sich im deutschen Fußball etwas auskennt, ist der Name Jörg Berger ein Begriff. Nach seiner Flucht aus der DDR im März 1979 wurde er zu einer der prominentesten Figuren der Fußball-Bundesliga; als Trainer war er der Spezialist für aussichtslose Fälle, engagiert als «Feuerwehrmann» für Erstligavereine in Abstiegsgefahr (wie etwa Schalke 04 oder Eintracht Frankfurt). Solche Engagements sind Hochrisiko-Unternehmungen, Hire-and-fire-Jobs, wie Jörg Bergers sportliche Vita im Westen (17 Trainerstationen, davon eine vergleichsweise kuriose bei Bursaspor in der Türkei) beweist.

Von diesem zweiten Leben des Jörg Berger ist weit mehr bekannt als von seinem ersten in der DDR. In Leipzig aufgewachsen, charmant, gut aussehend, ehrgeizig, erfolgreich. Ein junger Fußballtrainer mit blendenden Perspektiven – bis zum Karriereknick; reglementiert vom Sportsystem des SED-Staats, überwacht und schikaniert von der Stasi. Erst in die Isolation, dann in die Flucht getrieben. Bei einem Spiel der von ihm trainierten U23-Nationalelf in Jugoslawien bot sich ihm endlich die ersehnte Chance bot, der DDR den Rücken zu kehren: Die Flucht glückte.

Berger erzählt in seiner Autobiographie lebendig und ohne Bitterkeit, präzise und anekdotenreich. Und er spart auch das Drama der «Verlängerung», nicht aus, um im Fußballjargon zu bleiben: Wenige Stunden vor dem Spiel seines Vereins Alemannia Aachen gegen Union Berlin am 8. November 2002 konfrontierte ihn sein Arzt mit der Diagnose Darmkrebs. Aussicht: ungewiss. Aber Jörg Berger war schon immer ein Kämpfer. In jedem seiner Leben.

Jan Josef Liefers: Soundtrack meiner Kindheit

Es dürfte unter den biographischen Texten ehemaliger DDRler wenige geben, die so temperamentvoll und pointiert daherkommen, mit lustvollen Ab- und Ausschweifungen. Mit Geschichten um faszinierende Zeitgenossen wie Heiner Müller, Manfred Krug oder Ulrich Mühe und starken Episoden zu den Heroen des Ostrock. Es ist ein Text, in dem das Private und das Politische auf jeder Seite ineinander fließen.

Liefers erzählt von seiner Geburt als «illegitimes Kind der Liebe», von der geliebten Oma, der «roten Hilde». Er erinnert sich an Eddy, den verspielten Allwetterhund und «furchtlosen Fußballer», an seinen ersten Trabi (18 PS, kein Führerschein). Er spottet über den Pornografie-Export in der DDR («Devisenpornos»), die Verrenkungen der herrschenden SED-Spießer, als Ulrich Plenzdorfs Kultfilm Die Legende von Paul und Paula das Land elektrisierte. Und erinnert daran, dass der staatlich erwünschte Ideologietransfer auch vor Kinderköpfen nicht Halt machte.

Liefers, der neben seiner Rolle, als Pathologe Prof. Boerne im Münsteraner Tatort derzeit in einer ganzen Reihe großer Produktionen in Film und Fernsehen zu sehen ist, eckte in seiner Ausbildung zum Schauspieler immer wieder an. «Ich behaupte, man musste weder für die Stasi arbeiten, noch musste man in die SED eintreten. Wer sich entzog, hatte mit Hindernissen und zusätzlichen Schwierigkeiten zu rechnen, aber es war möglich, nein zu sagen.»

Armin Rohde: Größenwahn und Lampenfieber

Vielleicht ist dieses Buch nicht die Wahrheit über Schauspieler, aber ganz sicher ist es die Wahrheit über den Theater- und Filmschauspieler Armin Rohde. Wie man den gebürtigen Gladbecker aus vielen seiner Filme kennt, so tritt er seinen Lesern auch hier entgegen: direkt, zupackend, mit offenem Visier. Größenwahn und Lampenfieber ist eine ungewöhnliche, spannende Künstlerbiographie – und ein kleines Lehrbuch der Schauspielkunst.

Kurzweilig und anregungsreich zu lesen ist Rohdes Buch auch für jeden, der absolut unverdächtig ist, sich über Schleich- und Seitenwege einen Platz auf den (Theater- und TV-) Bühnen dieser Republik erobern zu wollen ...

Die Sache beginnt, typisch Rohde, mit ordentlich Schmackes. Eingangsfrage: Was ist respektive was macht eigentlich ein Schauspieler? Anders gesagt: «Ein Dachdecker deckt Dächer, ein Automechaniker repariert Autos, ein Auftragskiller bringt Leute um, ein Seiltänzer macht Gleichgewichtsübungen und versucht, nicht runterzufallen. Aber was macht eigentlich ein Schauspieler? Außer natürlich Rotwein trinken, Freudenhäuser besuchen, lange schlafen und sich auf roten Teppichen feiern zu lassen?» Und das erzählt er in seinem Buch (und wie er es erzählt!).