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Geschenktipps - Teil 1

Daniel Kehlmann: Ruhm

In neun Episoden, die sich nach und nach zu einem romanhaften Ganzen fügen, lässt uns Kehlmann in eine Welt blicken, in der Handys und Computer, E-Mails und SMS den neuen technischen Standard zwischenmenschlicher Kommunikation darstellen. Eine Welt, in der das Gefühl für Zeit und Raum, wie sie die Generationen vor uns noch kannten, im binären Echtzeit-Wahn unterzugehen droht. Eine Welt, in der man sich so leicht verlieren, so leicht verloren gehen kann.

Wir sehen Menschen, denen ihr eigenes Leben fremd wird, Menschen, die aus ihrem Leben einfach verschwinden. Ein Techniker, der auf seinem Handy plötzlich Nachrichten für einen anderen empfängt, bis er ganz in die neue Rolle schlüpft. Ein Schriftsteller, der an sich selbst und an der Welt leidet, seine Paranoia und Phobien pflegt und sich seiner Freundin erwehren muss, die Angst hat, zum Gegenstand einer seiner Geschichten zu werden. Eine alte Dame mit Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium, die mit einem Glas Natrium-Pentobarbital in einer Sterbewohnung in Zürich ihrem Leben ein Ende bereiten will – und dann ihren Schöpfer, den Autor, bittet, ihrem Schicksal, also seiner Geschichte, eine neue Wendung zu geben. Oder jener Schauspieler, der sich langsam, aber sicher unwirklich wird und irgendwann für eine Handvoll Euros auf der Bühne einer billigen Vorstadtdisco steht, als Double seiner selbst …

Es sind Verhältnisse, die auf so komplizierte Art unübersichtlich werden, dass die sorgsam auf- und ausgebaute bürgerliche Existenz wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Am Ende läuft alles auf die eine entscheidende Frage hinaus: Was heißt schon wirklich?


JOHN UPDIKE: ENDPUNKT

Schien nicht alles schon gesagt nach dem Tod von John Updike am 27. Januar dieses Jahres? War diese Schlüsselfigur der US-Literatur, der begnadete Menschendarsteller und unermüdliche Chronist der weißen amerikanischen Middle Class, nicht umfassend gewürdigt und seine lässige Brillanz gebührend dargestellt worden? Umso mehr ist man überrascht, freudig überrascht, dass das letzte Wort nun doch noch einmal der große Updike selbst hat. Mit einem besonderen, persönlichen Buch, dem Gedichtband Endpunkt, seiner Frau gewidmet: «Für Martha, die sich noch ein Buch gewünscht hat.»

Ein Band am Ende eines Schriftstellerlebens, das auch mit Lyrik begann – weil Lyrik für ihn «Bodenhaftung» bedeutete. Dieser Band ist ein Abschied, keine Frage. Aber auch eine Einladung. Gerade weil Updikes Gedichte sehr oft sehr privat, ja «ungeniert autobiographisch», sind, wie sein Biograph Volker Hage feststellt, lernt man dabei auch den Menschen kennen – ohne Maske. Am 6. November 2008 dann die erschreckende, definitive Nachricht: «Anscheinend hat der Tod das Tor/gefunden, durch das er eintreten wird: meine Lungen …»

Für einen, der «im Tintenchloss zu Hause» war, war Schreiben von Anfang an das Leben selbst: «Bleibt bei mir, Wörter, bleibt noch ein bisschen; ihr / habt mir meinen Freipass in der Sonne gegeben, / die Wunden meiner Jugend geschlossen, die Irrungen / des Erwachsenen leichtgemacht …»

Colum McCann: Die große Welt

Drei Stimmen, eine Überzeugung: Die große Welt des irischstämmigen New Yorkers Colum McCann – ein großer Wurf!

ELKE HEIDENREICH: «Das beste Buch der letzten Monate – wer das nicht liest, verpasst mal wieder was. Colum McCanns Die große Welt, sehr dick, sehr schön und die ganze große Welt durch das Vergrößerungsglas eines Schriftstellers betrachtet, der Menschen liebt, begreift, beschreiben kann: Mütter, die ihre Söhne in Vietnam verlieren, Frauen, die sich prostituieren, ein Priester, der Gott vergeblich sucht, ein Mann, der auf einem Seil zwischen den Türmen des World Trade Center entlang geht. Das ganze Wunder des Lebens, das ganze Glück und Elend von uns Menschen, die wir leidend, böse, begabt, gleichgültig, ach: lebendig sind – alles in diesem einen unbeschreiblich schönen, dichten Buch, dessen Geschichten aus Stimmen in New York im Jahre 1974 besteht, als Nixon «regiert» und die jungen Männer in Leichensäcken aus Vietnam kommen. Kaufen, lesen, weiterschenken!»

FRANK McCOURT: «Keiner, der jemals über New York schrieb, ist tiefer eingetaucht und höher aufgestiegen.»

NEON: «Ein beglückender und tragischer Roman. Über die Welt. Und uns in ihr.»

John Wray: Retter der Welt

Die vorbeirasenden Tunnelwände, das klackende Rattern der Gleise, das Inferno aus Licht und Schatten und den tausend Geräuschen der New Yorker U-Bahn, all das beruhigt Lowboy. Eigentlich heißt er William Heller, der Junge, der wegen paranoider Schizophrenie in der Bellavista-Klinik psychiatrisch behandelt wird. Er ist einen Tag vor seinem siebzehnten Geburtstag aus der Klapse getürmt, weil er eine Mission hat. Und die kann er nur draußen erfüllen, in dem unterirdischen System, auf dem die Riesenstadt ruht, in der Metro …

«Schon sein Debüt war ein kleines Wunder. John Wrays neuer Roman hat das Zeug zum Klassiker.» (Felicitas von Lovenberg, FAZ) Retter der Welt ist rasant wie Katastrophenkino: eine Flucht wie ein halluzinierender Amoklauf. Alles passiert gleichzeitig, die Relation von Ursache und Wirkung, von Wahn und Wirklchkeit, sind verwischt bis zur Unkenntlichkeit. Mit Lowboy hat John Wray einen in seiner Einsamkeit, Verdrehtheit und anrührenden Kompliziertheit charismatischen Helden geschaffen, den man so schnell nicht mehr vergisst. Für den Jungen entfernen sich die äußere Welt und seine innere Welt manchmal derart schmerzhaft weit voneinander, dass er in der Gefahr ist, fatale Dinge zu tun – fatal für sich und für andere.

Der Junge nutzte die Lockerung der Klinikauflagen,, um den Sprung in die «Freiheit» zu wagen. Schließlich hat er eine Mission: Das Ende der Welt, das Verglühen des Erdballs, naht. Apocalypse now, genauer gesagt: in exakt zehn Stunden. Diese Spanne bleibt ihm, um die Katastrophe aufzuhalten. Nur er, davon ist der Junge überzeugt, kann die Welt vor dem Klimakollaps, dem Verglühen der Zivilisation retten kann. Dafür muss er seine Jungfräulichkeit verlieren, dafür muss er eine Frau finden, tief unten in der Metro, eine Frau, die ihn abkühlt durch erlösenden Sex …