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PETRA GERSTER/CHRISTIAN NÜRNBERGER: CHARAKTER
«Sind wir jetzt wieder soweit: kein Geld für die Bildung und ersatzweise wieder alte Werte aus der Mottenkiste geholt?», fragt Annette Garbrecht in der Rowohlt Revue. «Anstand, Haltung, Herzensbildung – oder eben Charakter? Nach dem Motto: Wer keine Wertpapiere kaufen kann, dem verkaufen wir wenigstens Werte? Wer das neue Buch des Autorenpaares Petra Gerster und Christian Nürnberger solcherart mit spitzen Finger anfasst, kann sich bei der Lektüre bald entspannen: Ja, in diesem Beitrag zur allgegenwärtigen Bildungsdebatte geht es um Erziehung und auch um Werte. Aber um solche, die kein Ethik- und kein Religionsunterricht beibringen kann: Um Empathie. Um Originalität. Um Liebesfähigkeit und Treue zu sich selbst. Kurz: um das, was die Persönlichkeit ausmacht oder – anders gesprochen – einen guten Typen.
Ein Charakter kann nicht gezüchtet werden, er bildet sich heraus. (…) «Starke widerständige Menschen mit eigenen Ansichten, Werten und Visionen, kreative originelle Charakterköpfe», die braucht es. Die infantilen «Ich-Alles-Sofort»–Charaktere, den unpolitischen Konsumenten, den Schnappchenjäger, der nicht fragt, warum die Leberwurst nur 76 Cent kostet: « Einen solchen Typ können wir uns nicht mehr leisten», stellen die Autoren lapidar fest. Um die «Oase», in der wir immer noch leben, zu erhalten und auszubauen, brauche es den erwachsenen mündigen Charakter. Begünstigt durch Eltern, die sich kümmern. Durch einen Staat, der Benachteiligten hilft und Kindern frühzeitige Betreuung ermöglicht. Begünstigt von Lehrern, die ihre Schüler als Individuen respektieren und sie zum Denken und Forschen anregen. Geprägt von Erwachsenen, die Vorbild sind - weil sie nicht nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben, sondern auch den der anderen. Das Gute tun, obwohl es einen etwas kostet – darin, so die Autoren, zeige sich Charakter.»
TOM BUHROW/SABINE STAMER: MEIN DEUTSCHLAND – DEIN DEUTSCHLAND
2006 kehrten Tom Buhrow und Sabine Stamer nach über zehn Jahren aus den USA zurück. Ihre Erfahrungen verarbeiteten sie in dem Bestseller Mein Amerika – Dein Amerika. Nun ziehen der «Tagesthemen»-Moderator und seine Frau auf ähnliche Weise Bilanz und entdecken ihre alte Heimat neu. Neugierig und kritisch setzen sie sich mit deutschen Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten auseinander. Es geht um die Entwicklung von Ost und West nach der Wiedervereinigung, die Paradoxien des deutschen Alltags, Kinderarmut, es geht um das amerikanische Prinzip «Stille Auktion» an einer deutschen Schule, Flüchtlingsnot auf der Wohlstandsinsel, den Hamburger Millionär (mit klassischer Tellerwäscherkarriere) Ian Kiru Karan, den (von Tom Buhrow absolvierten) Hamburg-Marathon 2008 u.v.a.m. Alles zusammen ergibt einen nachdenklichen, überraschenden Blick auf unser Land.
Ihr Fazit fällt überraschend optimistisch aus. Wir Deutsche, schreiben sie, wirken heute viel entspannter, was unsere Nationalität angeht. Wir haben, bei aller Kritik, ein gut funktionierendes Schul- und Gesundheitssystem. «Wir leben in einem reichen Land. Wir haben allen Grund, stolz zu sein und guten Mutes.»
CHRISTIAN SCHULTE-RICHTERING: SCHNICK, SCHNACK, SCHNUCK
Ein ganzes Volk ist am Grübeln, seit Ratesendungen handstreichartig den deutschen Fernsehabend erobert haben, aber: Wo sind die Zusammenhänge, wer kennt die großen Linien? Hier, kann man jetzt ganz gelassen antworten, hier stehen sie endlich. Einer, der wirklich alles zu wissen scheint, Christoph Schulte-Richtering, erzählt uns die Weltgeschichte, wie wir sie noch nie betrachtet haben.
In Schnick, Schnack, Schnuck tritt Christoph Schulte-Richtering überhaupt nicht wie ein wandelndes Lexikon auf, obschon ihm von der Völkerwanderung bis zur Wiedervereinigung, von den Kreuzzügen bis zu 9/11, vom Preußenkönig bis zu Hitlers Autobahnen wirklich nichts unbekannt zu sein scheint. Das liegt einzig an seiner Darstellungsweise von Geschichte – die einfach unerhört ist. Frech, ohne falschen Respekt, gegen jeden einschläfernden Strich gebürstet. Alles Lehrerhafte, jede Faktenhuberei gehen ihm ab. Aber überraschende Zusammenhänge herzustellen, das macht ihm großen Spaß, und das spürt der Leser genussvoll auf jeder Seite. Der Autor ist auch ein Meister des ersten Satzes, wie man schnell merkt. «Am Morgen des 26. April 1336 klingelt der Wecker, und das Mittelalter ist vorbei» - in der Art geht es einmal hin und her durch die Weltgeschichte. Viel Spaß!
SAMUEL D. KASSOW: RINGELBLUMS VERMÄCHTNIS
Als die Originalausgabe von Ringelblums Vermächtnis 2007 in den USA erschien, schrieb das Politikmagazin The New Republic: «Das wichtigste Buch über Geschichte, das man jemals lesen kann.» Samuel D. Kassow, Professor für osteuropäische Geschichte am Trinity College in Hartford, Connecticut, hat in seiner mehr als 700 Seiten umfassenden Studie eine Geschichte nachgezeichnet, die 1941 im Warschauer Ghetto begann. Eine Gruppe Freiwilliger um den jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum baute unter Lebensgefahr das Untergrundarchiv Oyneg Shabes («Freude des Schabbaths») auf. Es war ein heroischer Akt, der nicht weniger Mut und Konsequenz erforderte als der bewaffnete Aufstand im Mai 1943.
Wenige Tage vor dem Beginn der sogenannten Großen Aussiedlung in das Vernichtungslager Treblinka wurde das Archiv an einem geheimen Ort im Ghetto vergraben. «Falls keiner von uns überlebt, soll wenigstens das bleiben» - dass ihr Archiv niemals entdeckt werden würde, war Ringelblums größte Furcht. Nur drei seiner rund 50 Mitstreitern überlebten das Grauen im Ghetto, wo zeitweise um die 400.000 Menschen zusammengepfercht waren; ihren Hinweisen verdankt sich die Auffindung des wertvollen Schatzes. Am 18. September 1946 entdeckten Suchtrupps unter dem Trümmerschutt des Hauses Nowolipki-Straße 68 in Warschau Teile des Archivs, verborgen in zehn Metallkisten und mehreren Milchkannen: Tagebücher, Aufsätze, Gedichte, Erzählungen, Verordnungen, statistische Erhebungen, rund 35.000 Blatt – Dokumente des Lebens und Sterbens im Warschau dieser Jahre.
CLAUS HIPP: AGENDA MENSCH
«Dafür stehe ich mit meinem Namen»: Mit diesem Satz wirbt Claus Hipp seit Jahren in der TV-Werbung für gesunde Babynahrung. Der «Herr der Gläschen» ist aber weit mehr als ein erfolgreicher Unternehmer. Wer erwartet in dieser von knallharter Konkurrenz und Renditedenken geprägten Branche schon ein Multitalent und kritischen Geist wie ihn?. Der promovierte Jurist betreibt seit 50 Jahren eine eigene Landwirtschaft, besitzt eine Pferdezucht, ist Oboist in einem Münchener Orchester, stellt seine Gemälde überall auf der Welt aus, er unterrichtet Malerei als Professor der Staatlichen Kunstakademie in Tiflis, gibt BWL-Vorlesungen in Ingolstadt … und vermutlich käme noch einiges andere hinzu, wenn man es nur wüsste. Progressiv und konservativ zugleich zu sein: das ist Claus Hipp, das will er sein. «Eine Schule, die den Musikunterricht streicht, aus welchen Gründen auch immer, handelt traditionsvergessen und kulturfeindlich. Aber sie verhält sich auch in höchstem Maße wirtschaftsschädigend.»Wen wundert es da, dass im Pfaffenhofener Hipp-Mutterwerk zur Lehrlingsausbildung auch regelmäßiger Theater-, Opern- und Konzertbesuch (samt Essenseinladung) gehört?
In Agenda Mensch zeigt sich der Unternehmer alter Schule als kluger Betrachter der Zeitläufte. «Eine gesellschaftspolitische Brandschrift, die es nicht bei oberflächlichen Appellen belässt, sondern das Thema Generationengerechtigkeit mit analytischer Klarheit und moralischer Kraft behandelt – von der Bildungs- bis zur Familienpolitik.» (FAZ) «Ein kluges, schönes, ja weises Buch über die Zukunftsfragen unserer Gesellschaft.» (Wirtschaftswoche)
ALFRED GROSSER: VON AUSCHWITZ NACH JERUSALEM
Der heute 85-Jährige Politologe Alfred Grosser wird von islamischen und zionistischen Fundamentalisten gleichermaßen abgelehnt. Grosser, dessen deutsch-jüdische Familie 1933 von Frankfurt nach Paris emigrierte, nennt sich einen «atheistischen Humanisten» mit deutsch-jüdisch-französischer Identität. Seine politische und intellektuelle Maxime: «Richtig denken, das heißt gerecht denken.» Und: Menschenrechte sind unteilbar – wer von den Ängsten der Israeli spricht, darf nicht die Leiden der Palästinenser verschweigen. Der Gaza-Krieg hat, sechzig Jahre nach der Gründung des Staates Israel, die alten Fragen wieder aufgeworfen: Wie scharf darf man Israel kritisieren? Und wann ist die Grenze zum Antisemitismus überschritten?
«Und wenn in Berlin ein Sterod-Platz eingeweiht, habe ich gefragt, wo ist denn der Gaza-Platz?» Bemerkungen wie diese haben dem hochdekorierten Wissenschaftler immer wieder den infamen Vorwurf «jüdischer Selbsthass» eingebracht. Weil er wie Martin Walser den Begriff «Auschwitzkeule» durchaus für diskutierenswert hält, weil er die Gefahr der Verabsolutierung der Shoah sieht. Auch davon handelt sein neues Buch. «Von Auschwitz nach Jerusalem besticht durch messerscharfe Analysen. Es ist hervorragend geschrieben. Es wird Widerspruch provozieren – doch das ist bei guten Büchern so.» (Deutschlandradio Kultur)
HERFRIED MÜNKLER: MITTE UND MASS
«Mitte» ist ein politischer Schlüsselbegriff (samt geographisch-geopolitischen Untertönen) und ein genuin deutsches Thema. Herfried Münkler, Politikwissenschaftler und Sozialphilosoph an der Berliner Humboldt-Universität, beschäftigt sich in seiner neuen Studie mit der deutschen Suche nach dem politischen Zentrum. Das hat gute Gründe: Es war gerade ihre «Mitte-Versessenheit», die der Bonner Republik über Jahrzehnte ihre bemerkenswerte Stabilität gab. Längst aber haben die Turbulenzen auch die Mittelzonen unserer Gesellschaft erfasst – es gibt (wenige) Aufsteiger nach oben und (viele) Absteiger nach unten. Zukunftsangst hat die soziale Mitte gepackt: «Die Bedrohung der Mitte kommt von innen, nicht von außen. (…) Herfried Münkler fragt, wie eine derart gestresste Mitte noch als Integrationsmaschine und Aufstiegsmotor wirken kann.» (Die Zeit)
In Mitte und Maß zeigt sich Herfried Münkler als Essayist von Format, seine Belesenheit ist Legende: «Einer jener seltenen Vögel, die mit einem guten Sensorium für die jeweils brennendsten Fragen der Gegenwart ausgestattet sind und zugleich jedes noch so entlegene Buch aus 2500 Jahren politischer Theorie studiert haben, ältere und neueste Sekundärliteratur inbegriffen» (Hans-Peter Schwarz, Die Welt). «Ein wichtiges, mutiges Buch.» (Frankfurter Rundschau) «Ein Leitfaden im Labyrinth der Gegenwartshysterien.» (Süddeutsche Zeitung)
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Tom Buhrow, Sabine Stamer
Rowohlt 256 S.
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Christoph Schulte-Richtering
Rowohlt Berlin 320 S.
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Samuel D. Kassow
Rowohlt 752 S.
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Claus Hipp
Rowohlt Berlin 256 S.
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Alfred Grosser
Rowohlt 208 S.
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Herfried Münkler
Rowohlt Berlin 304 S.
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