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Rund vierzigtausend Deutsche haben durch die Lehman-Pleite viel Geld verloren, nicht wenige ihre gesamte Altersvorsorge. Beim Crash der US-Investmentbank am 15. September 2008 erfuhren die Anleger in aller Härte, dass sie hochriskante Zockerpapiere in ihrem Portfolio hatten und keine seriösen Werte. Auch wenn sich die kollabierenden Finanzmärkte dank milliardenschwerer staatlicher Rettungspakete langsam wieder erholt haben – das nächste Horroszenario ist nur eine Frage der Zeit. Denn an der miserablen Beratungspraxis der Finanzdienstleister hat sich offenkundig wenig geändert, und das Gedächtnis der Anleger ist bekanntlich kurz.
Deshalb plädieren der frühere Innenminister Gerhart Baum und seine beiden Kanzleikollegen Julius Reiter und Olaf Methner für eine dezidierte Stärkung des Verbraucherschutzes. In ihrem Buch Abkassiert legen sie anhand vieler Beispiele überzeugend dar, dass sich nur dann etwas ändert, wenn die Finanzbranche zur Transparenz und die Finanzaufsicht zu mehr Verbraucherschutz verpflichtet werden.
Wer weiß schon, wie Zertifikate funktionieren? Es handelt sich um derart komplexe Papiere, dass nicht einmal ausgebuffte Experten bis ins letzte Detail durchblicken. «Das versteht kein Mensch», urteilt die Zeitschrift Finanzmarkt, und der SPIEGEL urteilt gewohnt kernig: Zertifikate sind «Teufelszeug für Anleger». Wer auf das Steigen oder Fallen von Währungen, Aktienindizes oder Rohstohstoffpreisen wettet muss sich mit den Besonderheiten der globalisierten Finanzströme schon verdammt gut auskennen, um auch nur eine Ahnung zu haben, weshalb sein Investment eine hohe Rendite abwirft – oder eben spektakulär in den Keller rauscht.
Die Autoren nehmen die skandalösen Methoden der Finanzbranche Stück um Stück auseinander. Gestützt auf langjährige Erfahrung im Anlegerschutz, geben sie auf die beschworenenen Selbstregulierungskräfte der Branche keinen Pfifferling; sie setzen auf klare gesetzliche Regelungen, etwa was die Umkehr der Beweislast angeht oder die Ampel-Kennzeichnung (resp. komplizierte «Beipackzettel») für Finanzprodukte. Angesichts der Macht der Bankenlobby müsste schon enormer gesellschaftlicher Druck aufgebaut werden, um solche Forderungen zu verankern.
In sieben Kapiteln geben die Autoren einen Überblick, wie Banken, Versicherungsunternehmen und andere Finanzdienstleister ihre Kunden abkassieren (warum das so ist, versteht sich von selbst): Die Finanzkrise als Vertrauenskrise – Verbraucherschutz: das Stiefkind der Nation – Missbrauchtes Vertrauen durch Kreditverkauf – Volles Risiko: Lehman-Brothers-Zertifikate – Zwanzig Jahre Schrottimmobilienskandal und kein Ende – Die ruinösen Geschäftspraktiken des Berliner Senats – Altersvorsorge: Gewinnspiel für Banken und Versicherer.
In ihrer Schlussbemerkung präzisieren Baum, Ritter und Menthner ihre Forderungen bezüglich Finanzaufsicht, Kreditverkäufen, Falschberatung, Justiz, Dokumentationspflicht, Beraterqualifikation, Finanzwirtschaft und Verbrauchern. «Die Finanz- und Weltwirtschaftskrise sollte als Chance verstanden werden, umfangreiche Veränderungen herbeizuführen: Der Gesetzgeber muss klare Rahmenbedingungen schaffen. Die Justiz muss bei Verstößen konsequent durchgreifen. Die Finanzwirtschaft sollte ökonomisches Handlen und ethische Werte in Einklang bringen. Schließlich sollte der Verbraucher sich intensiver informieren und kritischer hinterfragen. Alle Beteiligten würden von derartigen Veränderungen proftieren.»
Gerhart Baum: «Es muss den Banken wirklich weh tun» - sonst ändert sich nichts. Und der nächste Finanzcrash kommt bestimmt.
Abkassiert ist eine klar formulierte, gut zu lesende und sehr gründliche Bestandsaufnahme. Wohltuend ist die durchgehende Vermeidung von Polemik und Besserwisserei, die so viele andere Publikationen zur Finanzkrise kennzeichnen», urteilt das HANDELSBLATT.