![]()
«Gerechtigkeit ist etwas für Schwächlinge.» Dieser nicht einmal zynisch gemeinte Satz aus dem Munde von Staranwalt Heckler gibt den Ton in Georg M. Oswalds Gesellschaftsroman Vom Geist der Gesetze vor. Einen Ton, sollte man vielleicht besser sagen. Bestechend am neuen Buch des Münchner Autors und Anwalts ist gerade seine Vielstimmigkeit, die Virtuosität des Perspektivwechsels. «Große Literatur!» (NDR) «Ja, das gibt es noch – das Buch eines engagierten Autors.» (Deutschlandradio)
Werfen wir einen Blick auf Oswalds Personentableau. Dr. Ludwig Heckler, Anwalt mit Klienten aus den oberen Zehntausend (Stundensatz: 1.000 €, Finca auf Mallorca mit eigenem Olivenabau); seit einer Affäre mit der jungen Wirtschaftsjuristin Kirsten Graw befindet er sich im offenen Ehekrieg mit seiner dreißig Jahre jüngere Frau und Kanzleikollegin Philomena Heckler, von der es heißt: «Ihr Wesen strebte nicht nach Ausgleich, ihr Reichtum machte sie arrogant, ihre Intelligenz aufsässig, ihre Schönheit hochmütig.»
Dann ist da noch Kurt Schellenbaum, ein wetterwendischer Parvenü im Politikgeschäft, der in sich Minderwertigkeitsgefühle und Selbstüberschätzung aufs Aparteste vereint. Sein Fahrer Raab, gehobene Unterschicht; Ladislav Knie, eher unterdurchschnittlich erfolgreicher Drehbuchautor und seine Freundin Kristina. Außerdem ein mehr dem Rotwein als dem Recht zugetaner Anwalt, ein dicklicher Zwölfjähriger als Tatzeuge etc.pp.
Die Geschichte ist schnell erzählt. Kurt Schellenbaum, Generalsekretär «der Partei», setzt sich in einem Anflug von Übermut hinters Steuer des eigenen Dienstwagens und fährt prompt einen Passanten an. Von Panik gepackt – die Öffentlichkeit! die Karriere! der mächtige Schwiegervater! – drängt er seinen Fahrer, die Schuld an dem Desaster auf sich zu laden und das Unfallopfer mit 1500 Euro schnell, billig und vor allem ohne Polizei abzufinden.
Am Ende kommt es doch noch zum großen Prozess. Er endet mit einem merkwürdigen Urteil und einem amüsant-zynischen Finale. Wen wundert’s in einer Gesellschaft, in der Recht käuflich ist und in der es zum guten Ton gehört, nur auf seinen eigenen Vorteil aus zu sein und die Schädigung von Mitmenschen billigend in Kauf nimmt. Wer hier studieren will, wie kleinkariert es in der «großen Politik» zugeht – hier kann man es. Und als Krönung des Ganzen: die absurde Talkshow des ewig juvenilen Johannes G. Dämmrich!
Das Vergnügen an Georg M. Oswalds Roman rührt nicht zuletzt daher, dass hier ein glänzend schreibender Anwalt über Anwälte, ein Justizprofi über die Justiz, ihre Fallstricke und Fallgruben räsonniert. Was hier zu lernen ist: Wer Recht und Gerechtigkeit verwechselt, gibt sich schnell der Lächerlichkeit preis. Der Geist der Gesetze ist das eine, wie dieser sich in der deutschen Rechtspraxis materialisiert, etwas ganz anderes. Ein großer Gesellschaftsroman als fein gesponnene, ironische Justizposse in 50 Kapiteln!