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Georg-Büchner-Preis 2011 für F. C. Delius

© Jürgen Bauer

Der in Berlin und Rom lebende Schriftsteller Friedrich Christian Delius erhält den Büchner-Preis 2011. Der seit sechzig Jahren ausgelobte Preis gilt als wichtigste literarische Auszeichnung in Deutschland; dotiert ist er in diesem Jahr erstmals mit 50.000 €. Der Preis soll laut Deutscher Akademie für Sprache und Dichtung am 29. Oktober 2011 im Staatstheater Darmstadt verliehen werden.

«Heimatloser Heimatdichter»

In der Begründung der Jury heißt es: «Als kritischer, findiger und erfinderischer Beobachter hat Delius in seinen Romanen und Erzählungen die Geschichte der deutschen Bewusstseinslagen im 20. Jahrhundert erzählt – von der Vorgeschichte der NS-Zeit über die Zeit der Teilung bis in die unmittelbare Gegenwart.» Bereits 2007 wurde ihm der renommierte Joseph-Breitbach-Preis zugesprochen; die Jury nannte Delius einen «poetischen Chronisten bundesdeutscher Zustände, Befindlichkeiten und Neurosen».

«Für Inwendiges und Gefühliges» nicht zu haben, dafür der ironischen Analyse sprachlicher Fertigteile zugeneigt» (Der Tagesspiegel): In diesem Sinne ist Delius ein «objektiver» Schriftsteller. Er wurde beschrieben als «heimatloser Heimatdichter», als «schüchterner Zauderer mit dem Image eines 68-er Heißsporns» (Jörg Plath), der sich aber selber einen 66-er nennt. Sein Markenzeichen sind «politisch hellwache, ideologieresistente und menschenfreundliche» Texte. Zu den bekanntesten zählen Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde, die Trilogie Deutscher Herbst, Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus, Die Flatterzunge, Mein Jahr als Mörder, Bildnis der Mutter als junger Frau und zuletzt Die Frau, für die ich den Computer erfand.

Vor Delius ging der Georg-Büchner-Preis u.a. an Erich Kästner, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Wilhelm Genazino, Brigitte Kronauer, Martin Mosebach und – 2010 – an Reinhard Jirgl..

Autoreninfo

Friedrich Christian Delius, geboren 1943 in Rom, in Hessen aufgewachsen, lebt heute in Berlin und Rom. Seine Erzählungen und Romane machen ihn zu...
mehr über den Autor
«Warum ich schon immer Recht hatte – und andere Irrtümer»

So lautet der Titel eines schmalen Buches, das quasi pünktlich zum 60. Geburtstag des Autors erschien. Aufgebaut ist es als lexikalischer Leitfaden von A (wie Achtundsechzig) bis Z (wie Zweifel). Es ist ein Wörterbuch ganz eigener Art und «ganz nebenbei das Porträt einer Generation, die einst keinem über dreißig traute und heute mit Vergnügen sechzig wird». Eingeleitet wird das Ganze mit einem launigen Selbstporträt, dem wir aus gegebenem Anlass hier zwei Abschnitte entnehmen:

«Der politische Schub von 1965, 1966, 1967, 1968 hat mich nicht gehindert, zehnmal mehr Jean Paul und Fontane zu lesen als Marx. Theorie war meine Sache nie, und der Höhepunkt meiner Studentenbewegung war eine Dissertation über ‚Der Held und sein Wetter’. Eine Maxime von Friedrich Schlegel begleitet mich seit 1965: ‚Jeder Satz, jedes Buch, so sich nicht selbst widerspricht, ist unvollständig.’

Sie sehen, im Grunde wär ich gern ein Romantiker. Bin aber nun etikettiert als literarischer Chronist der Gegenwart, als politischer Autor gar, überdies geadelt von Literatur-Prozessen bis hoch zum Bundesgerichtshof. Ich staune manchmal darüber, eine gewisse politische Wachheit scheint offenbar nicht mehr selbstverständlich zu unserem Berufsbild zu gehören. In Deutschland steckt schnell in der sogenannt politischen Ecke, wer die Auswirkungen historischer Ereignisse auf die Gemütslage und das Verhalten von Subjekten und Figuren nicht vergisst, ja sogar poetisch mitdenkt. Als wäre nicht jede Liebesgeschichte mit gesellschaftlichen Banden beschwert. Zur Abwechslung der Schubladen würde ich gern einmal als heimatloser Heimatdichter wahrgenommen werden: Köln, Bielefeld, Wiesbaden, Ribbeck, Wehrda, Rostock, Hiddensee, Berlin hätte ich zu bieten …»