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G. Graichen / R. Hammel-Kiesow: Die deutsche Hanse

© thinkstock

Sie war visionär und unerbittlich: die Hanse, das erste Imperium der Kaufleute. Die Buch- und Filmautorin Gisela Graichen und Rolf Hammel-Kiesow, stellvertretender Leiter des Archivs der Hansestadt Lübeck und Honorarprofessor der Christian-Albrechts-Universität Kiel, erzählen in ihrem opulenten Werk Die deutsche Hanse die Geschichte einer heimlichen Supermacht. Eine nordeuropäische Supermacht des Geldes, der auf dem Höhepunkt ihrer Macht bis zu 200 europäische Städte angehörten.
Es wäre eine schöne Günter-Jauch-Frage: Was haben Buxtehude, Coesfeld, Lüdenscheid, Salzwedel, Osterode, Pritzwalk und Anklam gemeinsam? Genau, dass sie allesamt Hansestädte waren … Wie es dazu kam, das wird in diesem durchgehend vierfarbig illustrierten Standardwerk über die Geschichte der Hanse anschaulich und spannend erzählt.


Dass die Hanse durchaus als Wegbereiterin Europas abgesehen werden kann, darauf hat nicht nur Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Henning Voscherau hingewiesen. Die im Januar 1358 als loser Handelsverbund von Fernkaufleuten und Städten aus der Taufe gehobene Hanse erweist sich aus heutiger Sicht als bemerkenswert modern, wie Graichen und Hammel-Kiesow in ihrer Vorbemerkung festhalten:

Die Supermacht des Geldes

Die dudesche hense war eine Supermacht des Geldes. Der erste nordeuropäische Handelsverbund prägte fast ein halbes Jahrtausend die Welthandelsmärkte des Mittelalters von Russland bis Flandern, baute ein lukratives Handelsnetz auf von Island bis Venedig und schuf ein visionäres Imperium von Kaufleuten und Städten über politische Grenzen hinweg.

Doch die Hanse ist mehr als eine Geschichte von Geld, Gier und Pfeffersäcken, von Piraten, Koggen und Handelskarawanen, ist mehr als eine längst vergangene historische Periode für Archäologen, Geschichts-, Kultur-, Schifffahrts- und Bauwissenschaftler. Die Hanse geht uns heute an, meint Andrus Ansip, der Ministerpräsident von Estland, dem wirtschaftlichen Musterland aus dem hohen Norden. Als 17. Land der Euro-Zone hat Estland am 1. Januar 2011 als erste ehemalige Republik der untergegangenen Sowjetunion den Euro eingeführt. Als einziges von neun europäischen Ländern, die sich um den Euro beworben haben. Ansip führt den herausragenden Erfolg seines Landes auf das Vorbild der Hanse zurück. « Die EU ist eine neue Hanse », sagt er.

Wie modern ist die Idee der dudeschen hense? Auch Henning Voscherau, Altbürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, meint: «Die Hanse – die große Kaufmannshanse des Mittelalters und die politische Städtehanse – ist ein Vorbild für uns heute. Sie war so stark, weil sie ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus war in ihrer Idee der Freiheit des Handels und Wandels, also des Verkehrs, der Logistik. Die Vorteile der Grenzen überschreitenden Zusammenarbeit zum wechselseitigen Nutzen, heute nennt man das eine Win-win-Situation, die erkannten die Alten damals schon.»

Autoreninfo

Gisela Graichen studierte Publizistik, Rechts- und Staatswissenschaften und ist Diplom-Volkswirtin. Für das ZDF hat die Buch- und Filmautorin unter...
mehr über die Autorin
Mittelalterliche Globalisierungsoffensive

Durch die Öffnung des Eisernen Vorhangs gab es eine stärkere Rückbesinnung auf die Idee der Hanse als Ausdruck europäischen Denkens. Die Wiederbelebung, die «Neue Hanse», begann mit den Hansetagen der Neuzeit. Zu diesem «Städtebund Die Hanse» zählen inzwischen 176 Städte. Ihre Zusammensetzung zeigt, dass alte Feindbilder weitgehend verschwunden sind. Die Hanse wird als gemeinsame Tradition vieler Nationen gesehen. Besonders osteuropäische Städte haben großes Interesse: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Russland und Weißrussland übertreffen mit 50 Mitgliedern die 28 teilnehmenden Städte aus west- und nordeuropäischen Staaten bei weitem.

Henning Voscherau: «Bürgerstolz, faire Wahrung des gegenseitigen Vorteils, Austausch von Waren, Ideen, Kultur, Zusammenarbeiten und Respektieren über Grenzen hinweg, Verständnis für den anderen, voneinander lernen, dieses hansische Denken hat sich in der Gründung der EG und der EU Bahn gebrochen – insofern ist die Hanse ein Vorbild für das Zusammenwachsen in der Europäischen Gemeinschaft, der Grundgedanke der europäischen Integration von heute.»