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Fritz J. Raddatz: Die Tagebücher in Bildern

© Christian Irrgang

«Dies ist er endlich, der große Gesellschaftsroman der Bundesrepublik», schrieb FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher, als im vergangenen Jahr Fritz J. Raddatz’ Tagebücher der Jahre 1982 bis 2001 publiziert wurden. Dieses «einzigartige Dokument des literarischen und kulturellen Lebens in Deutschland» (Die Zeit) bekommt jetzt eine kongeniale visuelle Entsprechung: Die Tagebücher in Bildern. Der Text-Bild-Band erscheint am 1. September 2011, zwei Tage vor dem 80. Geburtstag des Mannes, dem Thomas Schmid ein «rasendes Leben für die Literatur» attestiert.

«Sie nannten ihn Fritzcarraldo …»

«Auf diesen über 900 Tagebuchseiten begegnet uns ein einsamer, selbstbewusster, sein Dandytum und seine Luxussucht bekennender F. J. Raddatz. Aber wir lernen auch einen Mann kennen, der um die Flüchtigkeit des Erfolgs und der anerkennenden Bewunderung weiß.» (NDR) «Selten lasen sich fast tausend Seiten so spannend, so klug und so komisch - aber auch so traurig und so gnadenlos bösartig», resümiert Elke Heidenreich in der FAZ.

Es sind Fotografien aus fast fünfzig Jahren, die in den «bebilderten Tagebüchern» versammelt sind. Sie zeigen den Schriftsteller, früheren Rowohlt-Programmchef und Feuilletonchef der ZEIT mit vielen anderen, die das kulturelle Leben jener Jahre entscheidend mitprägten: George Tabori und Hans Magnus Enzensberger, Paul Wunderlich und Hubert Fichte, Inge Feltrinelli und Heinrich Maria Ledig-Rowohlt, Günter Grass und Max Frisch, Hans Mayer und Jürgen Flimm, Siegfried Unseld und Peter Weiss, Hans Werner Richter und Siegfried Lenz, Willy Brandt und Rudolf Augstein, Rolf Hochhuth und Uwe Johnson und viele andere mehr.

Faktengesättigte Intelligenz und Klatsch

«Ein Radikaler im literarischen Dienst»: So nennt ihn Joachim Kaiser in der Einleitung des liebevoll gemachten Bandes. «Tagebücher müssen bewegend, interessant und spannend sein, müssen so viel verraten über eine Seele oder eine Gesellschaft, daß man fasziniert folgt: immerfort neugierig, erstaunt, betroffen, manchmal auch ärgerlich auflachend, aber eben doch gebannt. Das freilich schaffen die Tagebücher von Fritz J. Raddatz auf einzigartige Weise. Sie umfassen immerhin 900 Seiten und knapp zwei Jahrzehnte, und doch habe ich sie in drei aberwitzigen Tagen und Nächten durchgelesen, durchstürmt … Raddatz' unaufdringlich rhythmische Sprache schafft einen Sog, der fast zur Sucht ausartet. Wann hätte je ein deutscher Autor über Jahre, die wir kennen, derart hellwach, derart radikal aggressiv Auskunft erteilt?»

Beim Durchblättern erfreut sich das Auge an FJRs souveränen, lässigen, mitunter bühnenhaft-eleganten Posen (wunderbar etwa die Aufnahme, die ihn zwischen Inge Feltrinelli und Gabriele Henkel zeigt). Ein anderes Bild sieht aus wie der Schnappschuss eines im wüsten Chaos geendeten Umzugsvorhabens – ein Blick ins Atelier des Malers Francis Bacon, wo auf dem Fußboden neben etlichen leeren Champagnerkisten auch Fritz J. Raddatz' Marx-Biographie ihren Platz gefunden hat. Dazu ein kleiner Exkurs über seine Arbeitsweise, notiert am 25. Juli 1985: «Mittags aus London wegen Bacon. Fing damit an – vielleicht bin ich doch ein schlechter ‹Journalist›, nehme Dinge zu ernst? –, daß ich schon 2 Tage vorher unansprechbar war. Ich puppe mich vollkommen in so ein Werk – egal ob Dürrenmatt, Anders oder eben Bacon – ein, ziehe mich wie eine Schildkröte in einen Panzer zurück und bin von so hochgradiger Nervosität, daß ich mit NIEMANDEM ein Wort sprechen kann. Ich bin auch ganz unsinnlich, d.h. für andere Sinneseindrücke ganz ‹zu›, mag nicht essen, noch schmausen, noch schmusen, nix Champagner.»

Kein Messerbänkchen an der Algarve

Eine Begegnung mit Günter Grass in dessen Haus in Portugal hat Raddatz zu einem typischen Tagebucheintrag veranlasst, er ist zu pointiert, um unzitiert zu bleiben. Wie schön, dass man zu dieser winterlich-kalten Episode vom Januar 1984 in diesem Band die passenden Bilder findet!

«Was für eine hochseltsame Reise; ich sitze im Flugzeug Faro–Lissabon–Porto–Frankfurt–Hamburg und resümiere: 5 Tage in dem bestürzend primitiven Haus von Grass in der Algarve, kein Strom, keine Heizung, kein Telefon, Wasser knapp, unbequeme Möbel, kein einziger Sessel im Haus, kein Sofa, kein Liegestuhl, ein Gärtlein mit Winz-Bäumchen und -Büschen, ein kahles Atelier (mit übrigens ganz schönen neuen erotischen Skulpturen), Frühstück am Klapptisch mit Hockern (!) und abends eine Wärmflasche ins eisige Bett, waschen zitternd vor Kälte (und ich, ungewarnt, zuwenig und zu dünne Sachen dabei): Und dennoch waren es schöne Tage. Eine Mischung aus großer Herzlichkeit und gänzlicher Gleichgültigkeit anderen Menschen gegenüber … Kann es sein, daß in dem Mann so viel Kraft steckt, daß er die ‹Krücken› des Schmucks nicht braucht? Denn Zierat – ob Messerbänkchen oder ein Picassobild – ist doch auch gewiß das Harz, das aus Wunden getropft ist. Hier, in irgend so einem Portugal, braucht man Jeans, ’nen Pulli, und die Wachtel kostet achtzig Pfennig.»