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Friedrich Christian Delius: Die Frau, für die ich den Computer erfand

© any.way, Walter Hellmann (unter Verwendung eines Porträts von Ada Lovelace, London 1838)

Ein Buch in die Hand zu bekommen, das gleichzeitig Wissenschaftsroman, Künstlerroman und Liebesroman ist, geschieht nicht alle Tage. Friedrich Christian Delius ist mit Die Frau, für die ich den Computer erfand ein großer Wurf gelungen. Erzählt wird die abenteuerliche Geschichte Konrad Zuses, der mit der Z3 die erste mit Programmen gesteuerte Rechenmaschine der Welt baute. Dass im Text der Name des 1995 verstorbenen Computerpioniers kein einziges Mal vorkommt, ist auch der raffinierten Erzählperspektive geschuldet.

Beeindruckend, wie es Delius gelingt, eine komplexe, eigentlich staubtrockene Materie zum Leben zu erwecken, geradezu zum Leuchten zu bringen. Der Text, ein einziger großer Monolog über 280 Seiten (mit einem jungen Interviewer als Gegenüber, den der Leser mehr ahnt als wahrnimmt), ist einerseits von formbewusster Strenge – und doch, gerade in den «schweren» Passagen, von einer heiteren, entspannten Gelassenheit. Was bei weniger versierten Autoren unweigerlich zur Katastrophe im Kitsch oder zur Kapitulation vor dem Stoff geführt hätte, geht Delius scheinbar mühelos leicht von der Hand; die Feinarbeit des Sätzebauens und Wörterpolierens, die wir gerade von dem in Hessen aufgewachsenen und heute in Rom und Berlin lebenden Friedrich Christian Delius kennen, ist völlig in der Form aufgegangen: ein Text wie aus einem Guss.

Von der Eleganz des Gleitkommas

Es ist eine warmer Vollmondabend im Sommer 1994. Auf der Terrasse des Gasthauses «Burg Hauneck» auf dem Stoppelsberg, einer der Basaltkuppeln in der Vorderrhön, empfängt ein älterer Herr einen Journalisten zu einem Interview, wie es wohl niemals eines zuvor gegeben hat. Von den frühen Abendstunden bis sechs Uhr in der Früh dauert ihr Gespräch; sieben Tonbänder zeichnen die Lebensbeichte auf, die der Alte ablegt. Während zur gleichen Zeit in Göttingen bei einem Festakt in der Universität ihm in Abwesenheit der vierzehnte Doktorhut verliehen wird, erzählt er zum ersten und einzigen Mal die wahre Geschichte der Erfindung des Computers: Denn es war eine Frau, für die ich den Computer erfand…

Endlich Klartext zu sprechen ist ihm wichtiger als jede Urkunde, jeder Titel, jede Ehrung – was soll ihm all das Gerede? «Wissen Sie, das Händeschütteln, die Blitzlichter, das Lächeln, die Konversation über das Wetter und den neusten Streich von Bill Gates, und dann Mozart, das ginge ja noch, wen nicht die Reden wären, die immer gleichen Reden, die immer gleichen Sätze … Und das Schlimmste, nein, das Komischste ist eigentlich, dass ich meine eigenen Reden nicht ehr hören kann oder nicht mehr hören will.» Auch die in Mode gekommenen Radio-Interviews sind ihm ein Graus, jene dumm-dreisten Abfragemanöver, die mit der impertinenten Aufforderung einsetzen: «Erklären Sie unseren Zuhörern doch einmal die Funktionsweise des Computers, aber bitte verständlich und in maximal drei Minuten …»

Seine Memoiren sind geschrieben, sie bedeuten ihm nichts. Weil dort nichts über seine Inspiration, seine Muse, seine unmögliche Liebe zu lesen ist – der Liebe zu einer Frau, von der ihn zeitlich ein ganzes Jahrhundert trennt und ohne die er, wie er meint, niemals zu seiner Titanenarbeit in der Lage gewesen wäre: der Erfindung und Konstruktion der ersten «Universal-Rechenmaschine», heute bekannt unter dem Namen Computer. Diese Frau ist die Tochter von Lord Byron: Ada Lovelace (1815–1852), geniale Mathematikerin, Schülerin von Charles Babbage – «die Frau, die Leibniz verstand. Die mich verstand. Die Frau, die mich erfand. Die mit mir den Computer … Die Frau, für die ich den Computer erfand … Das war sie und das ist sie und das wird sie immer sein, wenn dies Bekenntnis einmal in der Welt ist … Ada, meine keusche Liebe, … meine lebenslange Affäre, …, meine Phantasie-Geliebte».

«Tüftelei von ungefähr einer halben Million Stunden»

Gern kokettiert der Alte, während sie auf ihr Essen warten, mit seiner paradoxen «weltberühmten Unbekanntheit»: «Die Professoren streiten, ob ich nun Deutschlands größter Erfinder des Jahrhunderts bin. Ich oder der Braun mit seiner Röhre oder der von Braun mit den Raketen oder dieser Mensch, dieser Fischer mit den Dübeln oder doch Otto Hahn, aber der war ja im eigentlichen Sinne kein Erfinder … Ja, das Gulasch für mich.» Das ist es, was Delius’ Roman allen gewichtigen Themen zum Trotz so hinreißend unterhaltsam macht: Hier liegt das Kleine neben dem Großen, das Banale neben dem Pathetischen, das Gulasch neben der binären Logik, genau wie im wahren Leben ….

Wie sehr er sich seines Stellenwerts in der Wissenschafts- und Technikgeschichte des 20. Jahrhunderts bewusst ist, zeigt kein Hinweis deutlicher als seine Replik auf das Stichwort Karajan: «Herr von Karajan ist kein Argument! Und wenn er fünfhundert Filme von sich am Pult hat machen lassen, von vorn und von hinten, von unten und oben und schrägseitwärts, mit allen fünfhundert Sinfonien, die er dirigiert hat. Mit Karajan beleidigen Sie mich … Hat Karajan etwa die Musik erfunden? Na, sehn Sie … Lassen Sie mich doch auch mal eitel sein … Ich erfinde, ich entwickle Algorithmen, Karajan entwickelt keine, er lässt Algorithmen abspielen, das muss mal so bescheiden gesagt werden.»

Ganz en passant werden wir als Leser auch mit den wichtigsten Etappen auf dem Wege vom Urgedanken der Digitalisierung, der ihn erstmals als Soldat auf dem Gelände der Wehrmachtskaserne in Gerolstein/Eifel überkam, über die erste grobe Version der «Universal-Rechenmaschine» bis zur verfeinerten vierten Version, der Z4 Z wie Zuse) bzw. A4 (A wie Ada), die unter abenteuerlichen Umständen aus dem kriegszerstörten Berlin in den sicheren Süden Deutschlands verfrachtet wurde, zwanzig tonnenschwere Kisten, darunter allein acht große Relaisschränke.

Rechnende Räume, flüchtende Galaxien

Immer wieder spricht er über die faustische Energie, die Lust am Erfinden. Und reklamiert doch Respekt vor «der Härte des Erfindens, weil … Im Nachhinein verklärt sich immer alles, da wird einem alles zur Story umgebogen. Besonders dann, wenn man mit euch journalistischen Geschichtenerzählern plaudert. Die Morgenröte der Computerei mit Laubsäge und Erbsbrei, die Wohnzimmer-Story, die heroische Rettung der A 4 im Chaos der letzten Kriegstage. Als hätte immer alles nach Anekdote geschmeckt. (…) Wenn ich konsequent wer, müsste ich antworten: Es war hart, es war schwer, es war bitter, es war enttäuschend, danke, auf Wiedersehen …»

Leider hat sich die in Dollar-Millionen schwimmende amerikanische Konkurrenz und nicht der deutsche Tüftler den schicken Namen Computer ausgedacht – was ihn ihn noch immer wurmte, schließlich kannte auch er das lateinische Verb computare (= zählen, rechnen) nur zu gut. Aber man kann nicht alles haben im Leben.

«Frauen waren mein Problem», bekennt der alte Herr gegenüber dem Jüngeren, was diesen kein bisschen verblüfft. Kein Wunder bei jemandem, der achtzig bis hundert Stunden in der Woche wie besessen schuftete, «ein Verrückter, der das ganze Wohnzimmer seine Eltern mit einer riesigen Rüttelmaschine zugebaut hatte.» Heute würde man einen wie ihn einen Nerd nennen und seinen Habitus komplett unsexy. Als er dann in der Staatsbibliothek Unter den Linden in einem englischen Buch über Rechenmaschinen auf Charles Babbages Assistentin Ada Lovelace stieß, war es um ihn geschehen. «Mathematikerin trifft Mathematikerin! Das ist ein Urknall …»

Und so vergehen die Stunden auf dem Stoppelsberg. Längst ist der Mond untergegangen, das erste Licht des Tages zeigt sich schon am Horizont. Mit nachsichtigem Lächeln registriert der alte Mann, dass dem jungen Journalisten längst die Augen zugefallen sind. Eigentlich ist ja auch alles Wichtige gesagt. Auch und vor allem das, was er ein Leben lang nicht aussprechen konnte: dass es ohne seine Muse Ada Lovelace seinen Computer nicht gegeben hätte.

«Das Eros der Arbeit, die Erfindungslust, die Phantasiearbeit, das war Ada für mich, eine erotische Antriebskraft gewissermaßen. Das Unmögliche im Möglichen, nur so konnte man durchhalten … aber was wäre man denn für ein armseliger rationaler Mensch, wenn man keine geheimen Verrücktheiten zu pflegen hätte und keine Absurditäten? Gerade als fanatischer Logiker braucht man doch Ausgleich, meinen Sie nicht?“

Aber wie gern hätte er jemanden wie Ada als lebendiges Gegenüber gehabt, eine Frau, mit der er über beides hätte reden können: über die Gleitkommarevolution wie über Mephisto, über faustische Energie und den Teufelspakt, den Wissenschaftler immer wieder zu zahlen bereit sind.