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Lieblingsenkel von Thomas Mann – das kann eine Bürde für ein ganzes Leben sein. Frido Mann stand immer unter Beobachtung – und unter dem Zwang, etwas Besonderes sein oder darstellen zu müssen. Kleiner Mann, großer Mann. Sein Vater, der Musiker und Germanist Michael, war ihm in dem notwendigen Abkopplungsprozess keine Hilfe. Michael Mann war, wie die FAZ schreibt, «ein aus den Fugen geratener Sonderling, der den Sohn erst in Landschulheime und Internate steckte, dann zu den Großeltern abkommandierte und immer wieder eine bestürzende Feindseligkeit an den Tag legte.»
Bis er endlich ganz bei sich war, hat Frido Mann einen langen Weg zurücklegen müssen Am Ende hat er seinen Frieden gemacht: mit den Manns, mit seiner Herkunft, auch mit seinem übergroßen Großvater: «Für mich war er offensichtlich ein sehr viel größerer Segen als für seine drei Söhne, möglicherweise auch mehr als für seine Töchter. Aber es sind eigentlich nur er und meine Großmutter Katia, denen ich bis heute dankbar bin.» Annette Meyhöfer hat für die Rowohlt Revue den bemerkenswerten Lebensbericht des Enkels von Thomas und Katia Mann gelesen.
«Gottlob hat der Kleine seine Ermordung durch den Bösen gut überstanden», schrieb Thomas Mann 1955 über seinen Lieblingsenkel, den damals 15-jährigen Frido, der gar nichts davon wusste, «dass ihn einmal der Teufel geholt» haben sollte. Aber die Reaktionen hatte er gespürt, die heimlichen Blicke der Gäste in der Villa in Pacific Palisades, neidisch, mitleidig, sensationslüstern, und, viel schwerer noch zu ertragen, das Schweigen der Familie über seine so ehrenvolle wie verletzende literarische Verewigung im «Doktor Faustus». Frido Mann, das ist bekannt, war das Modell des Nepomuk Schneidewein, «Echo» genannt, des kleinen Neffen, der Adrian Leverkühn so verzauberte und der in «schreiender, sich bäumender Folter» sterben musste. Das blieb, als wär die Last des großen Namens nicht schon drückend genug, ein Stigma fürs Leben.
So ist seine Geschichte, die er nun erstmals ganz ohne fiktionale Tarnung und schonungslos gegen sich selbst erzählt, die einer lebenslänglichen Suche – wie es sich eben ziemt für einen, der von Anfang an ein Zerrissener war. Zerrissen zwischen Kontinenten und Kulturen, zerrissen zwischen den Großeltern, bei denen er, «Opapas» vergöttertes «Söhnchen», meistenteils lebte, und den Eltern, der unterkühlt-reservierten Mutter und dem unberechenbaren, launenhaften Vater, dem Bratschisten und späteren Literaturwissenschaftler Michael Mann. Erst kurz vor dessen Tod 1977, einem durch Alkohol und Barbiturate mehr oder weniger bewusst herbeigeführten Selbstmord, hatte sich Frido Mann ihm wieder angenähert.
Sein Erbe und das der Familie hatte er dennoch angetreten auf seiner persönlichen Achterbahn fahrt durchs Leben, hatte Musik studiert, war zum Katholizismus über getreten, wurde als promovierter Theologe Assistent von Karl Rahner und habilitierte sich schließlich in Leipzig als Psychologe, um dann noch ein Medizinstudium zu beginnen. Doch 1985 erschien Frido Manns autobiographischer Roman «Professor Parsifal», sechs weitere folgten, auch sie zum Teil inspiriert vom Familienschicksal.
«Totenmuff» hatte seine Frau gespottet, als sie ihn im Morgenmantel seines Groß vaters sah. Frido aber, dieser unermüdliche Heilssucher, versöhnte sich mit den Toten und mit der eigenen Geschichte. Vor allem seiner brasilianischen Urgroßmutter, Julia Bruhns- da Silva, versucht er ein Denkmal zu setzen, deren Vermächtnis für ihn bedeutet, «Brücken der Hoffnung in die Zukunft» zu bauen, Botschafter eines Weltbürgertums zu sein. So fand er auch zurück zu seinem Großvater. Thomas Mann hatte, lange und ausführlich und sehr vergnügt, mit dem Enkel einst geübt, seine Unterschrift nachzuahmen, das steil herabfallende hohe «M», das kunstvoll ineinander verhakte «T» und «h» und die Unterstreichung des vollen Namens: Das war «das Allerschönste», der Schlussstrich.