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Was für ein furioser Abenteuerroman! Félix J. Palmas virtuos durch Raum und Zeit vagabundierendes Epos Die Landkarte der Zeit wird in Spanien als Meisterwerk gerühmt: «Ein Bestseller, den jeder Literaturprofessor in der U-Bahn lesen kann, ohne sich zu schämen.» «Ein raffiniertes Buch, das im viktorianischen London zu Zeiten Jack the Rippers spielt und so heftig zwischen historischem Roman und Science-Fiction pendelt, dass man am Ende seinem eigenen Kalender nicht mehr traut. Ein Fest für alle Zeitreise-Fans.» (Brigitte)
Die Liebe, die gewöhnliche Liebe, sie dauert oder dauert nicht, das ist bekannt. Allein in Romanen existiert jene unmögliche Liebe, die alle Grenzen der Zeit zu überschreiten vermag: die Liebe zu einer längst Verstorbenen, Schatten nur aus der Vergangenheit. Die Liebe zu einem Menschen, der noch gar nicht in Erscheinung getreten ist, Phantom aus Träumen nur.
Acht Jahre schon trauert der reiche junge Andrew Harrington um Marie Kelly, die Prostituierte, die so grausam dahingemordet wurde, letztes Opfer des legendären Jack the Ripper. Zur gleichen Zeit, 1896, verliebt sich Claire Haggerty in eine gesichtslose Skulptur, einen Krieger aus der Zukunft, aus dem fernen Jahr 2000, einen Mann, sie weiß es selbst, fabriziert aus ihrem Widerstand gegen das ihr bestimmte korsettierte Leben und einer vagen Sehnsucht nach Freiheit. Und in einem Londoner Hospital baut Joseph Merrick, den man den Elefantenmenschen nannte, Kathedralen aus Karton für seine Wohltäterin, die berühmte Schauspielerin, die er noch nie gesehen hat, vielleicht niemals sehen wird. Was sie am Leben hält, diese verrückten Liebenden? Allein die Macht der Phantasie. Die Erfindungsgabe eines Dichters, die sich hinwegsetzt über Raum und Zeit.
Er mag nicht glauben an diese Macht, der etwas schmächtige Mann, gefangen in den Erinnerungen an seine kümmerliche, elende Jugend und den Verpflichtungen und Konventionen seiner Zeit, über die er sich in seinem Werk so kühn erhob. Längst ist er eine Berühmtheit, auch wenn der Ruhm wie meist auf einem Missverständnis beruht. Sein Buch, ein Jahr zuvor erschienen, im Grunde eine in die Zukunft verlegte Abrechnung mit den sozialen und politischen Verhältnissen des Viktorianismus, ist das Gesprächsthema in den Salons ebenso wie in den Absteigen der Armen.
Allenthalben verführte «Die Zeitmaschine», seine «scientific romance», wie er selbst sie nannte, eine Ära, in der Wissenschaftsgläubigkeit und Wahn aufs schönste harmonisierten, ja, in der Esoterik und Geisterseherei durch den Rationalismus geradezu befördert wurden, zum Träumen. Der Titel wurde nur zu wörtlich genommen, der Fortschritt war unaufhaltsam; warum sollte man nicht durch die Zeit reisen können? Und die es sich leisten können, treten den Ausflug in die vierte Dimension bereits an, die Agentur Murray macht es möglich: per Straßenbahn ins Jahr 2000, da sich die Menschheit rüstet zum Endkampf gegen die von ihr erschaffenen Maschinen, die längst die Macht übernommen haben.
Das scheint eine hübsch altmodische Idee, durch die Trivialmythen der Literatur und vor allem des Kinos längst überholt, doch handelt es sich nicht schließlich um einem historischen Roman, einen solchen, der überdies spielt mit dem Genre der Zukunftsphantasien und Utopien à la Jules Verne und Wells? Aber, Vorsicht, niemand möge sich von diesem Autor aufs falsche Gleis locken lassen, niemand sich allzu gemütlich einrichten in literarischen Traditionen. Félix J. Palma, der gelernte Werbefachmann, der, für seine ersten Romane und Erzählungen schon mehrfach preisgekrönt, seinen Beruf nie ausüben musste, versteht es nur allzu gut, seine Leser zu verführen, sie zu ködern mit kühnen Details, liebevollen Beschreibungen und seinen klugen Reflexionen – doch nur um sie immer wieder zu desillusionieren und sie zu entführen in eine vierte, eine fünfte, sechste Dimension. Liebesgeschichte, utopischer Roman, ja, sogar Krimi, biographische Fiktion und grandioses Historienpanorama und nicht zuletzt philosophische Spekulation und Parodie werden hier durcheinander gewirbelt zu einem schwindelerregenden intellektuellen Abenteuer.
Denn dies ist auch ein Buch über die Allmacht des Erzählens, woraus Palma von Anfang an kein Geheimnis macht, immer wieder mischt sich die Stimme eines allwissenden, alles überschauenden Autors ein, aber, noch einmal Vorsicht!, höchst einschmeichelnd diese Stimme. Am besten man halte sich daher an jenes Motto, das er neben den Apercus von Albert Einstein und Elias Canetti über das trügerische Wesen der Zeit, seinem Roman vorangestellt hat, einen Satz des Beat-Poeten Jack Kerouac: „Was erwartet mich in der Richtung, die ich nicht nehme?“ Im besten, in diesem Falle ein Roman, der sein Ende immer wieder glücklich hinausschiebt.
Denn die «Landkarte der Zeit», aufbewahrt in der «Bibliothek der Wahrheit», eigentlich nur einem viktorianischen Spukhaus, worin alle Erinnerung der Welt geborgen sein soll, sie besteht aus einem Gewirr von Schnüren, mit Zeitungsausschnitten behängt, Nachrichten aus der Vergangenheit und der Zukunft, wahren und fiktiven Geschichten. Und diese Karte verändert sich stetig, immer neue Fäden werden dazu geknüpft. So folge man in melancholischem Vergnügen der unmöglichen Liebesgeschichte des Andrew Harrington und seiner schönen rothaarigen Marie, seinem Versuch, die Vergangenheit, da er zu zögerlich und mutlos war, die Geliebte zu retten, mit Hilfe von H.G. Wells auf dem Dachboden verborgener Zeitmaschine zu korrigieren und den Ripper zu erledigen: Was ist die Vergangenheit anderes als ein Bild, «das der Mensch wie blind mit willkürlichen Pinselstrichen zu malen pflegte»?
Doch erst wenn man genügend weit zurücktrat und es in seiner Ganzheit betrachtete, entfaltete es seine volle Wirkung. Man folge der Reise der Claire Haggerty ins schreckliche Jahr 2000, da sie ihren kühnen Kempen – Shackleton genannt wie der Polarforscher – trifft, und setze sich zugleich auf die Spur des bekehrten Banditen und Schauspielers Thomas Blunt, der einen Damenschirm, im Land der Zukunft vergessen, mit sich herumträgt und, wiederum mit der Hilfe des berühmten Dichters, lernt, dass es nichts Wichtigeres gibt, „als eine Spur im Herzen eines anderen Menschen zu hinterlassen“. Man lasse sich verwickeln in den Kampf zwischen Wells und dem Zeitreiseunternehmer Murray, einem Kampf zwischen Traum und Wirklichkeit, und in den viel mörderischeren gegen einen veritablen Zeitreisenden, der vielleicht nur ein besessener Leser und Geschichtendieb ist, dessen illustre Opfer neben dem notorischen Wells der Dracula-Erfinder Bram Stoker und der feinsinnige und eitle Psychologe Henry James werden sollen.
Aber Félix J. Palma wird die Schraube der Paradoxien und Unmöglichkeiten noch ein wenig weiter drehen, Zukunft und Vergangenheit derart ineinander verwinden, dass der Schwindel gar nicht mehr weichen will. Der Leser möge nur, so die ironische Aufforderung des Autors, kein Feigling sein, um „frisch zu Ende zu bringen, was er begonnen hat“: das unerschöpfliche Abenteuer der Lektüre – oder, besser gesagt, des menschlichen Gehirns, dieser einzigartigen Zeitmaschine. Daher kann an diesem Ende wieder nur ein Traum stehen, der eines Dichters von seinem nächsten Roman; vom Angriff der Marsmenschen und dem Krieg der Welten wird er handeln. Oder von einem viel später geschriebenen Roman, dessen Held zu sein er, Wells, nicht taugte, in dem er aber «eine Nebenrolle spielte, jemanden, den die eigentlichen Protagonisten aufsuchten, wenn sie nicht weiterwussten». Sein Autor, Félix J. Palma, hat jedenfalls mehr als nur sein Versprechen gehalten: Diese Reise wird sich lohnen.
(Aus: Rowohlt Revue 90, Autorin: Annette Meyhöfer)