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Felicitas Mayall: Nachtgefieder

© Matrix Buchkonzepte, Ch. Modi & M. Orlowski

Donatella Cipriani, eine elegante Italienerin, wird mit intimen Fotos erpresst. Kommissarin Laura Gottberg lässt sich nur widerwillig auf den Fall ein – was hat sie mit den erotischen Irrungen und Wirrungen einer Mailänder Industriellengattin zu tun? Als aber in einem Münchner Luxushotel der Engländer Sir Benjamin Sutton tot aufgefunden wird, erscheint die Sache in einem anderen Licht. Es ist der Beginn riskanter Ermittlungen, die Laura Gottberg in die Toskana führt und ihren Freund, Commissario Angelo Guerrini, beinahe das Leben kosten wird … Felicitas Mayall zeigt sich in dem spannenden, atmosphärisch dichten Krimi auf der Höhe ihrer Kunst.

Laura Gottberg ist geschockt, als ihr 16-jähriger Sohn Luca angekündigt, er wolle zu seinem Vater ziehen, zumindest für eine Weile. «Weil ich einfach bei meinem Vater wohnen will! Ist denn das so unbegreiflich?» Luca und Sofia hängen an ihrer Mutter, aber der Alltag mit ihr ist nicht einfach. Lauras Beziehung zu Angelo Guerrini hat zwar neues Glück in ihr Leben gebracht, aber noch mehr Unruhe in das ihrer Kinder. Der Familienrat einigt sich, es mit einem «Männerding» und einem «Frauending» zu versuchen: Luca zieht zu Ronald, Lauras Ex-Mann, und Sofia freut sich auf eine Frauen-WG mit ihrer Mutter.

Tod eines Verführers

Der Fall Cipriani/Sutton fesselt immer mehr Lauras Aufmerksamkeit. Irgendetwas am Tod von Sir Benjamin Sutton in seiner Suite im Hotel Vier Jahreszeiten irritiert sie. Auf den ersten Blick sieht alles nach einem natürlichen Ende des britischen Adligen aus; ihr Instinkt sagt ihr aber, dass er ermordet wurde. Die zweite pathologische Untersuchung fördert eine plausible Erklärung zutage: Erst machten K.o.-Tropfen das Opfer handlungsunfähig, dann führte eine Kaliumchlorid-Injektion den Tod herbei. «Ein sanfter, intelligenter Mord» – und praktisch nicht nachzuweisen.

Der Tote führte eine Doppelexistenz, er besaß Kreditkarten und einen zweiten Reisepass auf den Namen Henry Tennison. Als man in seinen Unterlagen auch noch Liebesgedichte findet, ist für Laura Gottberg und ihren Kollegen Peter Baumann die Sache klar: Der Mann war ein Gigolo, ein professioneller Verführer, der es auf nicht mehr ganz junge, aber wohlbetuchte Frauen abgesehen hatte. Der Verdacht liegt nahe, dass Sutton selbst die Erpressung organisierte. Sein letztes Opfer, Donatella Cipriani, bezahlte zunächst 100.000 Euro und dann noch einmal 250.000 Euro. Der dritten Forderung über eine halbe Million Euro will und kann sie nicht nachkommen; als Möbeldesignerin und Gattin des schwerreichen Bauunternehmers und Lega-Nord-Politikers Ricardo Cipriani zählt sie zwar nicht zu den Notleidenden dieser Erde, aber 500.000 Euro sind auch für Reiche und Schöne kein Pappenstiel

Autoreninfo

Bevor Felicitas Mayall sich ganz der Schriftstellerei widmete, arbeitete sie als Journalistin bei der „Süddeutschen Zeitung“. Wenn sie nicht gerade in...
mehr über die Autorin
Mord im Schatten der Schönheitsklinik

Zur gleichen Zeit verbeißt sich Commissario Guerrini in einen Fall, der ihn wütend und hilflos zugleich macht. In den Hügeln südwestlich von Siena treiben skrupellose Geldverleiher ihr Unwesen. Kredite mit Wucherzinsen von bis zu 250 Prozent stürzen Dutzende von armen Bauern und Handwerkern in den Ruin. Als der Kleinbauer Luigi Bellagamba in der Questura den Fund einer Leiche meldet, zweifelt Guerrini keine Sekunde, dass es sich um eine Mafia-interne Abrechnung handelt: Der Tote wurde mit einem Draht stranguliert, ein Bündel Geldscheine steckte in seinem Mund: ein höhnischer Abschiedsgruß und das übliche Zeichen für Verrat.

Die Leiche Cosimo Strettos wurde unweit eines prachtvollen Anwesens voller Zypressen und Pinien gefunden – kein Ort, den der knorrige Bellagamba freiwillig betreten würde: «Da sitzen welche, die keinen Geldverleiher brauchen. So eine Art Schönheitsfarm ist das, für reiche Weiber aus Rom und Mailand. Wahrscheinlich auch aus Deutschland und sonst woher. Meine Frau liefert denen Ziegenmilch und Schafskäse und Eier.» Guerrini stattet Lara Salino-Remus und ihrem deutschen Mann Michael, den Betreibern des Instituts Vita divina, einen Besuch ab. Und spürt sofort, dass mit dieser diskreten Kurklinik etwas nicht stimmt.

Als Kommissarin Gottberg herausfindet, dass Donatella Cipriani ihren englischen Verführer in Siena kennenlernte, während sie «zufällig» wegen einer Auszeit im Institut Vita divina weilte, überstürzen sich die Ereignisse. Commissario Guerrini macht sich auf, um einen Geldeintreiber des neapolitanischen Mafia-Clans Colline verde zu stellen. Schüsse fallen, Guerrini wird getroffen und schwer verletzt. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden …

Ein Wiedersehen mit den Gottbergs

Anders als in Hardboiled-Thrillern US-amerikanischer Machart bleibt in den Kriminalromanen von Felicitas Mayall «viel Platz für Gefühle und Gedanken über die Fallstricke von Beziehungen und Familienleben» (NDR1). Wie der große Sizilianer Andrea Camillieri hat auch sie einen genauen Blick für atmosphärische Details: für Städte und Landschaften, für Farben und Stimmungen, für Gerüche und Gerichte. Sie versteht es, spannende Geschichten mit fein gezeichneten Porträts ihrer Hauptpersonen zu verknüpfen. Mayall-Leser freuen sich bei jedem Roman auf ein Wiedersehen mit Laura, ihren beiden Kindern und ihrem Vater Emilio, mit Lauras Sieneser Freund Angelo Guerrini und dessen Vater Fernando.

Nachtgefieder ist der siebte Band von Felicitas Mayalls Gottberg-Serie. Wir wandern mit Laura Gottberg durch die Jahre; sie wird älter, weiser und blockiert sich doch immer wieder selbst mit ihren alten Ängsten und Unsicherheiten. Ihre Kinder möchte sie vor allen tristen Erfahrungen bewahren, die sie selbst so gut kennt. Und weiß doch, dass sie es nicht kann. «Vor den Trennungen, den Schmerzen, dem Gefühl, nicht geliebt zu werden. Es fängt ja gerade erst an, Sofi, du hast ja noch nicht einmal deine erste unglückliche Liebe hinter dir. Ich glaube, du hast dich noch nie selbst verleugnet, um geliebt zu werden.» Genau das ist das Anziehende an Laura Gottberg: Sie ist eine kluge Kriminalistin – und hat doch so gar nichts von einer coolen, kaltblütig agierenden Heldin im Kampf gegen das organiserte (und unorganisierte) Verbrechen.