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Mit der Münchner Kommissarin Laura Gottberg hat Felicitas Mayall eine sympathische, wohltuend normale Figur geschaffen. Kein Alkoholproblem, keine schweren Neurosen, keine ärztlich attestierte Beziehungsunfähigkeit. Ein bisschen grüblerisch und selbstironisch vielleicht – aber sonst? Wie das Leben so spielt, löst Laura Gottberg manche ihrer Fälle sozusagen im Spagat: ein Bein in Bayern, das andere in der Toskana. So ist das, wenn man sich in einen italienischen Kollegen verliebt, der den klangvollen Namen Angelo Guerrini trägt.
Iris Alanyali hat Felicitas Mayalls neuen Gottberg-Krimi für die Rowohlt Revue gelesen.
Die meisten Touristen sind fort, und ein Oktobersturm tobt so heftig, als wolle die Natur jegliche Vorstellung von italienischen Urlaubsidyllen verhöhnen. Riesige Wellen fressen sich den Strand hinauf und spielen mit der Leiche eines dunkelhäutigen Mannes, und unweit der Küste fällt der Wind eine uralte Pinie, die den Fahrer eines weißen Kombis unter sich begräbt. Der kann dem Nachtwächter des noblen Ferienresorts Il Bosco, an dessen Einfahrt die Pinie stand, gerade noch auftragen, die Pakete aus dem Kofferraum in Sicherheit zu bringen.
Ernesto Orecchio tut, wie ihm geheißen, denn Ernesto tut immer, was man ihm sagt. Schließlich bekommt er von „den Anderen“ 500 Euro im Monat dafür, dass er gelegentlich mitten in der Nacht einem Lieferwagen die Schranke öffnet und keine Fragen stellt. Aber jetzt steht er da mit einem Haufen schwerer kleiner Pakete, und weiß nicht, vor wem er mehr Angst haben soll, den «Anderen» oder der Polizei. Bislang hatte er nur seine omnipräsente Mutter zu fürchten, oder den Hohn der Nachbarn über dieses fast vierzigjährige Muttersöhnchen, il mammone.
Vielleicht ist es die Kraft des Sturms, vielleicht auch die Überdosis Adrenalin – aber irgendetwas bringt den braven Ernesto dazu, diesmal eines der Pakete zu öffnen. Und einen Ausweg aus seinem kläglichen Leben zu sehen. Erst einmal aber landet er nach einem Schlag auf den Hinterkopf in einem Keller und ist fest von seiner baldigen Hinrichtung überzeugt.
Was für ein Glück für Ernesto, dass eine der Villen von Il Bosco gerade zwei besondere Mieter hat: Die Münchner Kommissarin Laura Gottberg und ihren italienischen Kollegen Angelo Guerrini. Zum ersten Mal ist das Paar gemeinsam in den Urlaub gefahren. Wurde ja auch Zeit, lieben die beiden sich doch seit zwei Jahren beziehungsweise fünf Krimis. Laura hat sich extra ein blaues Unterkleid aus Seide gekauft. Schließlich steht nichts als Schwimmen, Essen und Liebe machen auf dem Programm. Ungünstig nur, dass Laura am Morgen nach dem Sturm beim Schwimmen im Meer mit besagter Leiche zusammentrifft. Natürlich erwacht sofort die Kommissarin ohne Seidenkleid in ihr, während der Commissario tobt: Nicht jede Leiche habe ein Recht auf ihn und sein Leben! Er befehle, den Fund zu ignorieren! Und tatsächlich: Als Gottberg und Guerrini nach dem Frühstück an den Strand zurückkehren, ist der leblose Körper verschwunden.
Aber natürlich verwandeln sich die zwei geplanten romantischen Herbstwochen des Paares schnell in einen Abenteuerurlaub. Zu geheimnisvoll ist die Handvoll anderer Bewohner Il Boscos: Die zwei Schweizer Kunsthändler, deren Benehmen so makellos ist wie die Einrichtung ihrer Designervilla. Ihr eiskalter Nachbar Sebastian Ruben, der jede Auskunft über seine Person verweigert und Laura fatalerweise für ein dümmliches Plappermaul hält. Der philantropische Schriftsteller Ferruccio, der einem schwarzen Straßenhändler eine Stelle als Butler gegeben hat. Und nicht zu vergessen ein alter Bekannter von Guerrini: Graf Colalto, hochnäsiger Sohn eines Geschäftsfreundes von Angelos Vater und Besitzer der Villa, die der Commissario gemietet hat. Wie ein böser Geist verkörpert Conte Colalto, der Angelo schon als Junge nur mit Spott behandelt hat, die Erinnerungen an Sommer voller Demütigungen und Scham.
Als sei diese Rückkehr in den Ferienort seiner Jugend nicht ohnehin eine beschwerliche Reise für Guerrini. Wie immer misst Felicitas Mayall dem Privatleben ihres Ermittlerpaares fast ebenso viel Bedeutung bei wie dem Kriminalfall. In diesem sechsten Band der Reihe gewähren sich Laura und Angelo – passend zur melancholischen Stimmung in der herbstlichen Toskana – mit zögernden Schritten Einblick in die geheimeren Kammern ihrer Seele. Vor allem der verschlossene Commissario hat damit so seine Schwierigkeiten.
Eigentlich sollte er also dankbar sein für die Ablenkung, die die seltsamen Vorgänge in der Residenz dem aufmerksamen Paar gewähren, das die Ermittlungen diesmal sozusagen als Privatdetektive führt. Privatdetektive, die allerdings fest auf einer ordentlichen Portion Privatleben bestehen: Auch in der Stunde der Zikaden wird dem guten Essen und der malerischen Landschaft so viel Zeit und Raum gewidmet, dass man sofort hinfahren möchte in Mayalls Italien, wo es trotz Mafia, Mord und Machtgebaren so herrlich nach Pinien duftet, nach Rosmarin und Meer.