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Ein neuer Autor, nicht mehr ganz jung, begeistert mit seinem ersten Buch Leser, Kritiker und Kollegen. Für seinen Roman In Zeiten des abnehmendes Lichts wurde Eugen Ruge vielfach ausgezeichnet: Deutscher Buchpreis 2011, Alfred-Döblin-Preis, aspekte-Literaturpreis. Den «großen DDR-Buddenbrooks-Roman» nannte Iris Radisch in der ZEIT Ruges Debüt. Ein Buch der Erinnerung, die Geschichte einer Familie – «von einer Virtuosität, von einer sprachlichen Finesse, von einer erzähltechnischen Genauigkeit, wie man sie nicht alle Tage antrifft» (Andreas Isenschmid, 3sat Kulturzeit).
Man hätte es auch verstanden, wenn dies ein bitteres, verzweifeltes Buch geworden wäre. Eine Abrechnung. Mit dem Vater, dem Großvater, mit dem politischen System, dem beide bis zur Selbstverleugnung gedient haben. Aber es ist ein heller Roman geworden, warmherzig im Ton, humorvoll, ja komisch zuweilen, vollkommen frei und souverän, leicht erzählt. Aus mehreren Perspektiven wird die Geschichte von vier Generationen erzählt, Rückblick auf ein halbes Jahrhundert deutsches Leben – und immer ist im Hintergrund ein Fenster zur Weltgeschichte offen: 17. Juni, Kalter Krieg, Mauerbau, Gorbatschow, Wende.
Alexander ist ein Protagonist, der nicht zu den Siegern zählt. 1954 geboren, erhält er im September 2001 die Diagnose Krebs, nicht operabel. Nach zwei Tagen völliger Lähmung macht er sich auf zu seiner wohl letzten Reise. Er fliegt nach Mexiko, Exilland seiner Großeltern während der vierziger Jahre. Heldengeschichten aus jener Episode haben sein Leben begleitet, exotische Mitbringsel gehörten fest zur Bilderwelt des staunenden Kindes: der Leguan, ein ausgestopftes Haifischbaby, eine aztekische Maske.
Eugen Ruge gelingt es in seinem Debüt, das in seiner Eindringlichkeit Peter Nádas’ Buch der Erinnerung an die Seite zu stellen ist, mit wenigen Sätzen einen Bogen zu schlagen über Zeiten und Orte hinweg. Beherzt zupackend bringt der Autor das Innere seiner Figuren zum Leuchten. Er erzählt von einem Land, das die jüngste Generation nur noch aus Schulbüchern kennt: der DDR. 1952 Rückkehr von Alexanders Großeltern, Kommunisten der ersten Stunde, in ein Land, das fest im Griff der SED und ihres Parteiapparats ist; 1961 Rückkehr der Eltern in das inzwischen eingemauerte Land; 1973 Alexanders Einberufung zur NVA.
Dann der 1. Oktober 1989, der Fixpunkt des Romans und der Tag, an dem sich alle Fäden kreuzen und der triste Abgesang auf die sozialistische Dynastie der Powileits einsetzt. Es ist der 90. Geburtstag des Großvaters, auch der Enkel wird erwartet, doch daraus wird nichts: Alexander ruft vom Auffanglager Gießen aus bei seinen Eltern an. So senil Wilhelm, der Patriarch, auch sein mag, er spürt sofort, dass etwas nicht stimmt.
Kurt, Alexanders Vater, juckt es für einen Moment in den Fingern, Wilhelm einfach die Wahrheit zu sagen. Ist es nicht genau der richtige Moment, um dem selbstgerechten alten Kommunisten seine Lebenslügen vorzuhalten? «Die Partei, die Partei, die hat immer recht …? Kurt wird es nicht tun, zu verstrickt ist er selbst in ein System, an das er glauben wollte, das ihm aber mit Gulag und «ewiger Verbannung» fünfzehn Jahre seines Lebens geraubt hat, bevor es ihn gnädig zurückkehren ließ. Und so gerät der Geburtstag zu einem Familienfest der bizarren Art («Saurier-Party» nennt es der Urenkel).
Das vielleicht anrührendste Porträt gilt Alexanders Mutter Irina, sie ist Russin und hat Kurt während dessen Verbannung kennengelernt. Ab und zu genehmigt sie sich ein Gläschen, doch als sie diesmal ihre berühmte Burgundische Klostergans zubereitet, sind es plötzlich zu viele. «Aus dem Zimmer waren jetzt die Stimmen der Männer zu hören, die üblichen Diskussionen: Arbeitslosigkeit, Sozialismus ... Irina nahm eine Gabel und prüfte, ob die Kartoffeln schon gar waren ... Egal, dachte sie. Blödes Herumgestreite ... Ein Mal noch Weihnachten in diesem Haus. Ein Mal Klostergans. Ein Mal Klöße, so wie es sich gehörte. Und dann, dachte sie, können sie mich hier raustragen ... Und zwar mit den Füßen zuerst! Prost.»
Indem Ruge die Geschichte abwechselnd von allen Familienmitgliedern aus erzählt, entrollt er das Panorama eines Landes, in dem Abstrakta wie Plenum, Parteidisziplin, revisionistische Kritik, Hauptfeind usw. ihre schreckliche Gewalt entfalten. Ihr Abdruck im Leben jedes Einzelnen: Demütigungen, enttäuschte Hoffnungen, all die Lächerlichkeiten des verordneten Denkens. In dem Roman gibt der Autor diesen Einzelnen ihre Würde zurück: der Blick des Enkels auf seine Familie.
Was ihn an Eugen Ruges Roman eigentlich so fasziniere, fragte sich der Schriftsteller Michael Kumpfmüller nach der Lektüre. «Das eigentliche Wunder besteht darin, wie er jeder seiner Figuren Gerechtigkeit widerfahren lässt, in einer präzisen, unprätentiösen sprache, die ganz auf Beobachtung setzt, die Bedeutung der Dinge, die auf Gerüche, Gesten.»
(Aus: Rowohlt Revue 92. Autor: Werner Irro)