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Vor zehn Jahren verschwand die fünfjährige Lucy Downey. Keine Spur, kein verwertbarer Hinweis auf ihren Verbleib. Für Inspector Harry Nelson ein dunkler Fleck in seiner ansonsten überaus erfolgreichen Karriere als Kriminalist des Norfolk Police Department. Seit Lucys Verschwinden schreibt ein Unbekannter verstörende Briefe an die Polizei, mit kryptischen Hinweisen auf den Verbleib des Mädchens. Bis auf Lucys Mutter glaubt niemand mehr, dass Lucy noch am Leben ist.
Als in einem Salzmoor am Meer, nahe bei einer alten Ausgrabungsstätte, Mädchenknochen gefunden werden, scheint sich der Kreis zu schließen. Aber es ist ein Fund aus längst vergangener Zeit, nicht die sterblichen Überreste des verschwundenen Mädchens. Als ein weiteres kleines Mädchen verschwindet, stehen die forensische Archäologin Dr. Ruth Galloway und Chief Inspector Harry Nelson vor einem Rätsel …
Ruth Galloway: Lehrauftrag an der University of Norfolk am Stadtrand von King’s Lynn, Spezialistin für Überbleibsel aus der Eisenzeit, Katzenliebhaberin, Leseratte, Genussmensch, Single (und mit aktuell 79 Kilo nach eigener Auffassung entschieden zu voluminös). Während ihre Eltern, wiedererweckte Christen, vor lauter Gottesfurcht kaum geradeaus gehen können, kann Ruth als empirisch geschulte Wissenschaftlerin mit Gott wenig anfangen. Sie liebt ihr kleines Haus am Rande des Sumpflands, die Schwärme von Wildgänsen am Himmel, die ganze grauweißgrüne Einsamkeit dieses wilden Fleckchen Lands an der Küste von Norfolk. Ihre Uni-Kollegen diagnostizieren Ruth' Katzenobsession messerscharf als «klaren Fall von Kinderersatz». Jaja, alles klar, sagt sie dann und grinst.
Dagegen ist der aus Blackpool stammende Nelson nur widerwillig mit seiner Frau nach King’s Lynn gezogen, ins tiefste Norfolk. «Welcher halbwegs vernünftige Mensch will den schon auf dem Scheiß-Land leben? Da gibt es doch sowieso nur Kühe und Schlamm und Alteingesessene, die aussehen wie das Ergebnis engster Familienbeziehungen über mehrere Generationen.» Und so dauert es auch seine Zeit, bis Nelson die Qualitäten Ruth Galloways zu schätzen lernt: als Wissenschaftlerin, als Mit-Ermittlerin und als Frau. Dass die beiden einmal für eine Liebesnacht im Bett landen würde, gehört zu den nicht wenigen Überraschungen, die Totenpfad seinen Lesern beschert …
Als Ruth von dem Knochenfund im Salzmoor draußen beim Vogelschutzgebiet erfährt, spürt sie geradezu, wie das Adrenalin durch ihre Adern schießt. Vor einigen Jahren war sie dort an der Ausgrabung des Henge-Rings beteiligt gewesen, einer uralten Kultstätte für Gaben und Opferhandlungen aus der Eisenzeit.
Umgekehrt wirkt Nelson geradezu enttäuscht, als er hört, dass die Knochen ein archäologischer Fund aus der Eisenzeit sind, also satte zweieinhalbtausend Jahre auf dem Buckel haben – mit Hilfe der Kohlenstoff-Isotop-Analyse, Ruth' Spezialgebiet, lässt sich das Alter von Knochen ziemlich exakt beweisen. Eine Leiche aus grauer Vorzeit, Irrtum ausgeschlossen, versichert die Archäologin. Für Chief Inspector Nelson heißt das: Die Akte Lucy Downey kann nicht geschlossen werden, die Erinnerung an die schlimmste Ermittlung seiner Karriere quält ihn weiter. Und auch die Eltern des verschwundenen Mädchens kommen noch immer nicht zur Ruhe.
Nachdem die vierjährige Scarlet Henderson beim Spielen aus dem Vorgarten ihres Elternhauses verschwunden ist, erhält Nelson erneut einen dieser fürchterlichen Briefe, der nur von dem Mann stammen kann, der hinter dem Verbrechen an Lucy steckt: gleiche Diktion, gleiches Pathos, das gleiche zynische Katz-und-Maus-Spiel.
Und so lautet der neue Brief: «Lieber Detective Nelson, alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit: eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Abernten der Pflanzen, eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln. Sie liegt dort, wo das Land an den Himmel grenzt, dort, wo die wurzeln des erhabenen Baumes Yggdrasil bis ins Jenseits hinabragen ... Sie ist zum vollkommenen Opfer geworden. But auf Stein – Scharlachrot auf Weiß. In Frieden.»
Immer wieder narrt der unbekannte Briefeschreiber seinen Widersacher Harry Nelson mit kryptischen Sätzen wie: «Sieh nach dem Himmel, den Sternen, den Übergängen», «Lucy liegt jetzt tief begraben. Doch dereinst wird sie wieder erblühen» oder: «Weine nicht um sie. Ich habe sie gerettet, sie emporgehoben.» Die eigenartige Mixtur aus Zitaten, die der Bibel oder dem Werk von Shakespeare und T. S. Eliot entstammen, ist das eine. Aber wieso nur beschleicht Harry und Ruth die Ahnung, dass der Gesuchte eine Menge von Archäologie und nordischer Mythologie verstehen muss?
Dass am Ende selbst Erik Anderssen, genannt «der Wikinger», Ruth Galloways norwegischer Uni-Mentor in Sachen forensischer Archäologie, wegen seines engen Kontakts zum dubiosen Cathbad alias Michael Malone, einem selbsternannten Druiden mit militanter Vergangenheit, ebenso in den Kreis der Tatverdächtigen aufrückt wie Peter, Ruth’ Ex-Freund, lässt ein dramatisches Finale im Moor erahnen. Vorher aber schlägt der Tod noch in unmittelbarer Nähe von Ruth Galloway zu ...