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Elfriede Jelinek: Winterreise

© Matrix Buchkonzepte Ch. Modi & M. Orlowski

Radikal, sprachgewaltig, politisch aktuell: Elfriede Jelineks Texte sind Lehrstücke. Über die zerstörerische Gewalt des Kapitals, über mörderischen Machtrausch und Spielarten sexueller Abhängigkeit, über kollektives Verschweigen durch öffentliches Sprechen. Diese Stücke mit ihrer gnadenlosen Präzision und überbordenden Sprachmacht unterstreichen, weshalb die österreichische Nobelpreisträgerin polarisiert wie wohl niemand sonst in der Welt der Literatur.
Sie spielt mit der Sprache wie auf einem Instrument; ihre Texte sind Kompositionen ohne Musik, Partituren mit vielen Klangfarben. Jelineks exquisite musikalische Ausbildung schlägt sich in den fürs Regietheater wie geschaffenen Textflächen noch eindrücklicher nieder als in ihrer Romanprosa - von Wolken. Heim (1988) bis Winterreise (2010), ihrem neuen Stück (Uraufführung: 3. Februar in den Münchner Kammerspielen, Regie: Johan Simons).

«Ich stecke bis zum Hals im Scheitern»

Bei Elfriede Jelinek ist das Private so politisch wie das Politische privat. Die Literatur war ihr stets Ablenkung und Ventil zugleich. Das Manische, Getriebene, Gnadenlose im Umgang mit ihrem Material hat Jelinek früh den Stempel «Achtung, schwierige Autorin!» aufgedrückt. Ihr kalter Zorn auf die herrschenden Gewalt- und Geschlechtsverhältnisse, der sezierende Blick auf den unbewältigten Faschismus, die sexualisierte Sprache – auch für viele ihrer Leserinnen und Leser ist das Hardcore. Wen es nach Romantischem, Heimeligem, Erbaulichem, Gefälligem verlangt, muss anderswo suchen, nicht bei Jelinek.

Jetzt also Winterreise. Franz Schubert ist Jelineks erklärter Lieblingskomponist – «der Künstler, den ich am meisten bewundere, das größte Genie, das je gelebt hat. Seine Lieder sind eine einmalige Durchdringung von Sprache und Musik, die es so nie wieder (und auch vorher nie) gegeben hat.» Winterreise, Schuberts lyrisches Meisterwerk in 24 monologischen Gesängen, basiert auf Gedichten des Dessauer Schuhmachersohns und Dichters Wilhelm Müller. Für die Wiener Autorin ist beides eine lebenslange Inspirationsquelle.

Jelineks Stück ist aktualitätsgeladen mit den Zumutungen der Gegenwart (Hypo-Alpe-Adria-Affäre, Fall Natascha Kampusch) und gibt doch einen beinahe intimen Blick in die eigenen inneren Abgründe preis. Jelinek durchwandert in Winterrise ihr eigenes Leben: die erstickende Hassliebe zu ihren Eltern, die klaustrophobische Atmosphäre des Hauses der Familie in Wien-Hütteldorf, der lebenslange Kampf mit der dominanten Mutter, der alzheimerkranke Vater, gestorben im Mai 1969 in geistiger Umnachtung in der Nervenheilanstalt Steinhof. Im Stück sei es, so Jelinek, «ein Wandern von hinten nach vorn … Das, was gewesen ist, auch das, was mich seit meiner Kindheit gequält hat, kommt jetzt an. Es ist lange gewandert, und nun ist es bei mir angekommen, als das Frühere, das im Ankommen geborgen wäre, wenn Literatur Psychoanalyse sein könnte, was sie aber nicht ist.»

Autoreninfo

Geboren am 20.10.1946 in Mürzzuschlag (Steiermark), studierte in Wien Theaterwissenschaft, Kunstgeschichte und Musik. Ausbildung zur Organistin, seit...
mehr über die Autorin
«Die Zeit ist nicht meine, ich komme aus einer anderen Zeitlichkeit»

Das Vergehen und Verlieren der Zeit, das Aus-der-Zeit-Fallen, zieht sich wie ein roter Faden durch den in acht Teile gegliederten Text. «Da ist die eine Wirklichkeit, die der Zeit, da ist die andre: ich. (…) Die Zeit läuft, nimmt alles, aber mich nicht mit …» Der Text kulminiert in der ironisch-schonungslosen Selbstabrechnung mit ihrer Rolle als Autorin, die «das immer gleiche Lied leiert»: «Ich weiß, dass Sie das schon nicht mehr hören können. Sie haben es mir ja oft genug gesagt, aber ich kann halt nichts Anderes …»

Winterreise ist ein brillanter Theatertext, kompromisslos und tieftraurig. Für ihn gilt, was Julia Kospach über Elfriede Jelineks Schaffen generell notierte: «Ein dramatisches Werk der Verletzung und Selbstverletzung, in dem Sprache mit feinsten Skalpellen skelettiert und einem anderen, Jelinek’schen Sprachkörper, neu übergezogen wird. (…) Im Lauf der Jahre entwickelten sich Jelineks Texte immer stärker zu erratischen Blöcken, zu sperrigen, monströsen Trümmern, die die Autorin ihren Lesern rücksichtslos vor die Füße wirft. (…) Ihr Schreiben ist eine Schlacht der Sprache gegen die Sprache, eine Sinnerzeugung durch Sinnzerstörung.» (Format)

Diese Großcollagen aus monologischen Textflächen hat Elfriede Jelinek zu einer eigenen Kunstform entwickelt. «Es ist diese geharnischte, mit Auto-Aggressionen getränkte Wut, die diese Winterreise fürs Lesen ebenso wie fürs Theater tauglich macht. Diese Prosa kann man in den Raum schleudern, sie braucht weder Dialog noch Diskurs oder Debatte –, sie braucht nur jemanden, der die Worte durch sich hindurchgleiten lässt und sie dann wieder ausspuckt.» (Literaturen)