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Radikal, sprachgewaltig, politisch aktuell: drei neue Theaterstücke von Elfriede Jelinek in einem Band. Wie stets bei der in Wien und München lebenden Autorin ist zu lernen, wie im öffentlichen Sprechen über ein Ereignis kollektives Verschweigen eingeübt wird. Die Kontrakte des Kaufmanns, Rechnitz und Über Tiere sind, wenn auch nicht im Brecht’schen Sinne, allesamt Lehrstücke – Lehrstücke über die destruktive Potenz des Kapitals, mörderischen Machtrausch und Spielarten sexueller Gewalt. Diese Stücke mit ihrer gnadenlosen Präzision und überbordenden Sprachmacht unterstreichen, weshalb die österreichische Literaturnobelpreisträgerin polarisiert wie niemand sonst in der Welt der Literatur.
Eine bitterböse «Wirtschaftskomödie» über die Exzesse des Kapitalismus, der in der aktuellen globalen Finanzkrise ganz bei sich selbst ist. Eine «kommunistisch beseelte Abrechnung mit dem viel gehassten Kapitalismus» nennt Die Presse das Stück. Jelinek begann mit der Abfassung des Textes angesichts der österreichischen Skandale um die Gewerkschaftsbank Bawag und den Absturz des Immobilienfonds Meinl European Land im August 2008; erst einen Monat später löste das Fiasko um Lehman Brothers die weltweite Finanzkrise aus – eine wahrhaft prophetische Theaterarbeit.
Die österreichische Dramatikerin lässt keine greifbaren Figuren agieren, sondern Abstraktionen – die Bank/der Markt/das Geld. Sie sind die wahren Subjekte, die treibenden Kräfte des Geschehens. Chöre hysterischer Kleinanleger und zynischer «Greise» (Banker) treten auf, in biblischer Übersteigerung werden die Gesetze kapitalistischer Akkumulation vorgeführt. Unerbittlich variiert Jelinek zynische Kalauer wie «Geld geht dorthin, wo es sich wohl fühlt» oder «Ihr Geld ist ja nicht weg. Das hat jetzt ein anderer», quält Leser und Theaterbesucher so lange mit ihren Textflächen und Wortkaskaden, bis auch im letzten Hirn noch so etwas wie Verstehen dämmert. Am Ende ersetzt im Familiendrama die Axt das Zertifikat …
Die Zeit: «Erstaunlicherweise sieht man, wenn man das lange genug anhört, wirklich das Geld tanzen, feiern, sich vergnügen – ohne uns. Es hat Zukunft, wir nicht. Es wird leben, wir nicht. Es wird es einmal besser haben, wir nicht. (…) Bei Jelinek rast und spricht und triumphiert das Geld. Es hat sich gemerkt, was von Menschen je gedacht, getan, unterlassen und verbrochen wurde, nun gibt es höhnisch zu erkennen, dass es uns nicht mehr braucht.»
Deutschlandradio (über Nicolas Stemanns Inszenierung am Schauspiel Köln): «Elfriede Jelinek und Nicolas Stemann ist Großes gelungen: das abstrakte Thema ‚Finanzkrise’ nicht nur bühnen-, sondern tragödientauglich zu machen; für dessen Undurchschaubarkeit eine ebenso verrätselte wie durchlässige Form zu finden, die den Zuschauer erreicht, ohne ihn für ein politisches Anliegen zu kidnappen; die Protagonisten der Krise und ihre Sprache zu entlarven, ohne in die übliche Falle ironischer Distanzierung zu tappen.»
Uraufführung im April 2009 am Schauspiel Köln als Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg in der Regie von Nicolas Stemann («Wir sind so was wie Jelineks theatrale Eingreiftruppe»).
Die Fakten dürfen als gesichert gelten: In der Nacht zum Palmsonntag am 25. März 1945 hatte die Gräfin Margit von Batthyáni, eine Enkelin des Stahlbarons August Thyssen, auf ihr Schloss in Rechnitz im Burgenland geladen. Gäste der hochedlen Dame waren allesamt Gefolgsleute der arischen Sache samt Anhang: Gestapoführer, SS-Chargen, einheimische Nazikollaborateure. Die Rote Armee stand nur noch wenige Kilometer entfernt, da brach sich noch einmal Hass und Mordlust Bahn. Gegen 23 Uhr ließ Franz Podezin, Ortsgruppenleiter der NSDAP und Geliebter der Gräfn, Gewehre verteilen; jeder, der wollte, konnte sich am munteren Abschlachten beteiligen. Kurz darauf waren 180 ungarische jüdische Zwangsarbeiter tot, die zum Bau des «Südostwalls» ins Burgenland abkommandiert waren. Nach dem Massaker wurde weitergefeiert, bis die mordlustigen Herrschaften beschwingt den Weg nach Hause einschlugen. Als die ersten russischen Soldaten Rechnitz erreichten, waren die Toten längst im Massengrab verscharrt, die Täter in alle Winde zerstreut und das Schloss in Flammen aufgegangen. «Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch …» (Gottfried Benn).
Elfriede Jelinek hat sich nicht als Historikerin auf Spurensuche begeben. Um das Unfassbare greifbar, das Unsagbare in Worte zu fassen, verschränkt sie die mörderische Episode aus den letzten Kriegstagen mit Luis Bunuels Filmklassiker Der Würgeengel. Die Toten geben keine Ruhe. Und die Gräfin Batthyáni? Starb unbehelligt 1989 in der Schweiz: als glückliche Pferdezüchterin.
Uraufführung am 28. November 2008 an den Münchner Kammerspielen in der Regie von Jossi Wieler.
Eine alternde Frau räsonniert über ihr Leben: über die Liebe, über die Männer, – enttäuscht, verwundet, verbittert. Im zweiten Teil des Stücks zeigt der Text die knallharte Praxis gewalttätigen Umgangs mit Frauen, basierend auf Fragmenten polizeilich aufgezeichneter Telefongesprächen eines exklusiven Wiener Begleitservice, die ihren Kunden meist blutjunge Mädchen aus Osteuropa zuführten («checken, schicken, ficken»). Nicht irgendwelche Freier, suchten hier ihr Vergnügen, sondern sogenannte Stützen der Gesellschaft, Anwälte, Politiker, Wirtschaftsbosse, Uniprofessoren. Ein handfester Skandal, 2005 von der Wiener Stadtzeitung Falter 2005 aufgedeckt.
Der Schweizer Regisseur und Komposition Ruedi Häusermann inszenierte das Jelinek-Stück am Wiener Burgtheater als eine «musikalische Durchquerung»: zwölf Pianistinnen und Pianisten, klagendes Singen und Summen, tickende Metronomen – und mit Sylvie Rohrer eine großartige Schauspielerin. Eine «Sprachwanderung in d-Moll … Ein hochfahrend komplexer Text: eine Frau in verbaler Konfrontation mit ihrem abwesenden Liebhaber, eine resignative Abrechnung mit der Liebe, dem Körper, dem Begehren und der Sprache» (Theater der Zeit).
Süddeutsche Zeitung: «Es ist dies in seiner Verwundbarkeit der schönste Text, den Elfriede Jelinek in letzter Zeit für das Theater geschrieben hat, ein Text, in dem sich die große Zynikerin als verstoh lene Romantikerin zu erkennen gibt.»
Falter: «Ein monströser Text, den die großartige Sylvie Rohrer in einem atemberaubend disziplinierten Solo nicht spielt, sondern wie ein Musikstück zum Klingen bringt. In den Köpfen des Publikums hallt es noch lange nach.»
Uraufführung am 4. Mai 2007 am Burgtheater (Kasino) Wien in der Regie von Ruedi Häusermann.