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Dr. Ankowitschs Kleiner Seelenklempner

© FinePic, München

«Ratgeber sind schön. Sie zeigen, wie man garantiert abnimmt, todsicher glücklich wird, perfekt schläft und effektiv trauert. Man hält sich drei, vier Wochen daran – und fällt danach in den gewohnten Trott zurück. Anti-Ratgeber sind schöner: Die Kritik an der Konkurrenz rückt die eigenen Rezepte gleich auf eine höhere Stufe. Am schönsten aber ist ein Ratgeber, der dazu rät, die Dinge einfach laufen zu lassen und Probleme gar nicht erst in Angriff zu nehmen. Das entspannt die Lage auf Anhieb.

Denn: wir wollen ja immer viel zu viel. Sagt Seelenklempner Dr. Ankowitsch. Wir wollen Kinder haben – und dabei unabhängig sein. Wir wollen einen Liebsten haben – und jede Menge wilden Sex. Wir wollen schön sein, jung sein, reich sein. Und wollen dabei um Gottes willen keine Kompromisse machen. Kurz: wir wollen das Unmögliche. Und zwar sofort. Das kann nur schief gehen. Es katapultiert uns in eine Spirale von Hoffen, Bangen und Traurigkeit.

Lob des Durchwurstelns

Und wer ist schuld daran? Zunächst einmal die Gesellschaft, die offene Gesellschaft, hervorgebracht von jenem «historisch einzigartigen Entrümpelungsprojekt namens Aufklärung». Tabus, Religion und Konventionen gingen dabei über Bord. Gut so. Aber jetzt müssen wir mit allem allein fertig werden, alles allein entscheiden: Kind mit oder ohne Mann, Karriere oder Windeln wickeln, selbstständig arbeiten oder abhängig.

Schuld, so Herr Doktor Ankowitsch, sind wir aber auch selber: Wir wollen alles richtig und alles perfekt machen. Und wundern uns, wenn für unser Leben höchst Mittelmäßiges dabei herauskommt. Weil wir weder mit Zufällen rechnen noch mit dem, was früher einmal Schicksal hieß – shit happens. Weil wir also ohnehin unseres Glückes Schmied nicht sein können, heißt der Ratschlag des Seelenklempners: Durchwursteln! Weg von den großen Plänen und gigantischen Erwartungen! Das nimmt Druck von den Schultern. Und führt womöglich gerade dadurch doch zu einem großen Ziel. Ein schönes Beispiel sind jene Paare, die über Jahre vergeblich versuchen, ein Kind zu zeugen, sich schließlich für eine Adoption entscheiden – und bald darauf doch noch eigenen Nachwuchs bekommen.

Warum weniger meist mehr ist

Sich durchwursteln und Stress vermeiden kann man in allen Lebensbereichen: In der Beziehung. Beim Abnehmen. In Krisensituationen. Bei der Kindererziehung. Nichts verheerender als Eltern, die alles richtig machen wollen mit den Kleinen. Die den Bildungsweg ihres Kindes schon planen, bevor es geboren ist. Pränatale Englisch-Lektionen etwa: «Dem Bauch der Mutter werden große Kopfhörer übergestülpt, damit das Ungeborene, von dem wir offensichtlich annehmen, es paddle untätig im Fruchtwasser herum, schon mal mit den unregelmäßigen Verben loslegen kann.»

So spricht er, der Dr. Ankowitsch, pardon, so schreibt er. Aber es klingt oft so, als säße er einem direkt gegenüber. Sehr angenehm – weil sehr unterhaltsam und sehr klug. Daher haben auch die praktischen Tipps am Ende jedes Kapitels nichts von der fatalen Strenge der Zehn Gebote. Im Gegenteil: Man kann sich als Leser wunderbar durch sie hindurchwursteln.»

(Aus: Rowohlt Revue 88, Autorin: Annette Garbrecht.)