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Es war einmal ein Mädchen, das unbedingt Astronautin werden wollte. Es interessierte sich für alles, was mit Astronomie und Raumfahrt, mit Himmel und Erde zu tun hatte. Bald hatte sie ihr kleines «Weltall-Büchlein» gefüllt – und verblüffte ihre Eltern, Freunde und Lehrer damit, dass sie sich selbst die kompliziertesten Dinge mit größter Leichtigkeit merken konnte: Monde und Asteroide mit schwer aussprechbaren Namen, später dann Konstruktionsdaten, Zahlenreihen, aber auch seitenweise Musiknoten usw... So fängt kein Märchen an, sondern die Geschichte von Dorothea J. Seitz, der Jugendweltmeisterin im Gedächtnissport. In ihrem anregenden, amüsanten (und ungemein nützlichen!) Buch Memomaster lädt sie uns auf eine Reise durch das weite Feld des Gedächtnissports ein. Merke: Auch ein gutes Gedächtnis ist letztlich nur eine Sache der Übung.
Dorothea J. Seitz verfügt über eine seltene Gabe: Sie ist Synästetikerin. Ihre Klavierlehrerin war die Erste, der sie anvertraute, dass bei ihr alle Zahlen eine andere Farbe haben. Synästhesie bedeutet, dass mit der Reizung eines Sinnesorgans eine weitere sensorische Empfindung ausgelöst wird – eine Kopplung, die theoretisch zwischen allen fünf Sinnen möglich ist. Um zu verdeutlichen, was das konkret heißt, hier eine kleine Geschichte: «Stellen Sie sich vor, Sie sind in Ihrem Garten und riechen eine Rose. Sie duftet intensiv nach einem Kreis. Dann gehen Sie in die Küche und machen das Radio an. Sie hören vorwiegend gelbe und braune Töne heraus, die Quadrate in Ihren Gedanken hervorrufen (…) Während der Zubereitung der Suppe denken Sie ein paar Stunden zurück, und der ganze bisherige Tag ist – wie jeder andere Mittwoch auch – rot eingefärbt. Die Suppe ist fertig, und Sie probieren. Sie schmeckt nach orangefarbenen Dreiecken – genauso sollte es sein …»
Ob die Fähigkeit zur Synästhesie eher eine Gabe oder eine Last ist, darüber kann man geteilter Ansicht sein. Viele genuine Synästhetiker, so viel steht fest, weisen eine überdurchschnittliche Intelligenz und ein ausgeprägtes Gedächtnis auf, unter ihnen gibt es mehr Links- als Rechtshänder und mehr Frauen als Männer. Was Dorothea J. Seitz angeht, ist das nur insoweit von Belang, als sie als Synästhetikerin bestimmte Dinge, die für das Merken, für die Gedächtnisschulung elementar sind, quasi intuitiv richtig macht.
Als Dorothea begriff, dass ihr das auf Gedächtnis basierte Lernen nicht nur leicht fiel, sondern großen Spaß machte, egal ob es um mathematische Zahlenreihen, Noten in Partituren oder schlichte Vokabeln ging, begann sie dieses Talent systematisch zu schulen. Sie lernte, sich große Mengen von Fakten durch die Mindmap-Technik einzuprägen. Bestes Hilfsmittel ist die Verbildlichung von Begriffen und ihre Verknüpfung zu Geschichten; so entstehende Erinnerungsbilder lassen sich leicht und lange merken. Die Mnemotechnik, die sogenannte Gedächtniskunst, kennt mehrere effiziente Techniken – die Geschichtenmethode ist eine davon. (Auf den Seiten 16 und 17 findet sich ein einleuchtendes Beispiel für die Verknüpfung zahlreicher Begriffe in einer Geschichte; das Ausgangsmaterial bilden die Wörter Schlüssel, Jacke, Apfelbaum, Tasche, Fußball, Koffer, Bilderbuch, Fahrrad, Schwimmbad, Blumen, Fluss, Straßenbahn und Tal. Die Gedanken sind frei und die Verknüpfungsmöglichkeiten zu Geschichten tendenziell unendlich …)
In Memomaster gibt es viel zu lernen, zum Beispiel wie man blitzartig drei- oder vierstellige Zahlen miteinander multipliziert. Das System mag einem zunächst reichlich kompliziert vorkommen, ist es aber gar nicht. Als sie vierzehn war, entdeckte Dorothea die Trainingsprogramme auf dem Computer für sich: der Gedächtnissport nahm langsam Konturen an. Mit dem Erlernen der Routenmethode, einer der ältesten und bewährtesten Merk- und Lerntechniken, machte sie einen Quantensprung nach vorn. Es geht dabei um «gedanklich festverankerte Wege, also Routen, die wiederum aus einer festgelegten Reihe auffälliger Markierungen, den sogenannten Routenpunkten, zusammengesetzt sind.»
Am besten wählt man Routen, bei denen man sich auf bekanntem Terrain bewegt: etwa eine S-Bahn-Strecke, deren Stationen man noch im Halbschlaf wüsste, oder Gegenstände im eigenen Arbeitszimmer, die immer an ihrem Ort sind. Diese Routenpunkte werden mit Begriffen belegt. Je ambitionierter man ist, desto verzweigter muss die Route sein. «Da bei Weltmeisterschaften für fast alle Disziplinen die Routenmethode benötigt wird, muss man als Gedächtnissportler am Anfang seines Trainings ständig neue Routenpunkte schaffen. Ich habe momentan 2000 (!) Routenpunkte, die sich auf der ganzen Welt verteilt befinden. Zur Sicherheit und besseren Übersicht habe ich Route für Route und Punkt für Punkt in ein Heft geschrieben.»
Dorothea J. Seitz verrät jede Menge alltagstauglicher Tricks. Sollten Sie sich beispielsweise für ein Zimmer als Routenterrain entschieden haben, gilt es, einige Regeln zu beherzigen: Immer im Uhrzeigersinn die Punkte legen oder entgegengesetzt, aber niemals die Richtung wechseln. Einen fixen Abstand zwischen den Punkten festlegen (das können 5 Meter oder aber auch nur 5 Millimeter sein …). Am besten Punkte wählen, die etwa auf gleicher Höhe liegen, das erleichtert das gedankliche Flanieren.
Das Zahl-Symbol-System hilft, längere Zahlenreihen sich durch Geschichten einzubilden. Wie das funktioniert, sehen Sie oben im Artikelbild: 0 = Ei, 1 = Baum, 2 = Schwan, 3 = Dreizack, 4 = Stuhl, 5 = Hand, 6 = Elefant, 7 = sieben Zwerge, 8 = Schneemann, 9 = Luftballon. Hier ist eine kleine Geschichte für die Zahl 4938: «Ein Stuhl steht auf einer Wiese, an ihm ist ein Luftballon befestigt. Der Luftballon fliegt hoch, und in der Luft wird er von einem Dreizack angegriffen und zerplatzt. Die Reste des Luftballons fallen herunter und landen direkt auf einem Schneemann.» Man könnte sagen: Wieso merkt man sich nicht gleich diese vierstellige Zahl, kann doch so schwer nicht sein? Aber jede Wette: In einigen Tagen oder Wochen erinnern Sie sich noch an diese kleine Bildergeschichte, aber nicht mehr an die Zahl 4938.
Übrigens erzählt Dorothea J. Seitz auch über ihre ersten Auftritte bei Gedächtnissport-Meisterschaften. Und selbst ein Naturtalent wie die zweifache Gedächtnisweltmeisterin der Junioren musste viel lernen, bis sie die ersten Erfolge erzielte. Es sind eine ganze Reihe Disziplinen, in denen man herausragende Leistungen vorweisen muss, um sich national und international behaupten zu können: historische Daten (fiktiv!), Vokabeln (fiktiv!), Schnelllesen, Text (inkl. sämtlicher Satzzeichen und Zeilenumbrüche!), abstrakte Bilder, Zahlensprint (Speed-Numbers), Namen & Gesichter, Zahlensinfonie, Binärzahlen, Kalenderrechnen, Wörter (so viele Wörter wie möglich in der richtigen Reihenfolge einprägen).
Gedächtnissport ist Leistungssport; wer nicht Jahr für Jahr tagein tagaus an seinen Potentialen arbeitet, wird nie ganz oben anlangen. Für Dorothea J. Seitz war der Wechsel von ihrer heimischen Schule auf das Internatsgymnasium Schloss Torgelow ein entscheidender Schritt nach vorn; nicht umsonst gilt die in Waren an der Müritz gelegene Institution als das Leistungszentrum für Gedächtnissport. Hier haben Asse wie Katarina Bunk und die mehrfache Jugendweltmeisterin Christiane Strenger die Schulbank gedrückt. Leicht ist Dorothea der Wechsel nicht gefallen, ließ sie an ihrem knapp 1000 Kilometer entfernten Wohnort ihre Familie und viele ihrer Freunde zurück - erfolgreich war er allemal.