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Da sitzt sie nun im Zimmer des afghanischen Schuldirektors auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt, das Gewehr auf den Oberschenkeln und erzählt von ihrer Kindheit an der Ostsee, von einem gestrandeten Wal und der Gefahr, die Fäulnisgase könnten ihn zum Explodieren bringen. Dann scherzt sie: «Das ist den Taliban noch nicht eingefallen‚ uns einen toten Wal an den Straßenrand zu legen, Wal-Sprengfalle.» Der Direktor blättert in einer Kladde; Esther erschrickt, war der Scherz deplatziert?
Leutnant Esther Dieffenbach, Spezialistin für SatCom-Anlagen, ist seit Frühjahr 2006 in Afghanistan. Da sie Russisch spricht, hat sie zudem den Auftrag, zweimal in der Woche beim Schuldirektor eines Dorfes nachzufragen, ob alles in Ordnung sei. Die Schule ist ein Projekt der Bundeswehr.
Mit der Szene im Zimmer des Schuldirektors beginnt der Roman. Die Frage, was richtig, was falsch ist an diesem Krieg, wird die Soldatin Esther nicht beantworten können. Dabei hatte sie sich, nach einem privaten Debakel in Berlin, vom Dienst in der Bundeswehr «ein sehr deutliches Leben» versprochen.
Im Camp der Bundeswehr steht die Zeit still, der Krieg ist fern. Einmal sieht Esther am Flussufer eine junge Frau mit Kindern, die vom Hof zu ihr herüberschaut. Später wird von dort aus auf Esther und ihre Begleiter geschossen. Zwei Soldaten sterben, einer ist verletzt. Die Frage der zu Hilfe gerufenen Amerikaner, ob sie Zivilpersonen gesehen habe, auf die Rücksicht zu nehmen sei, verneint Esther. Der Hof wird zerbombt, fünf Taliban, die Frau und ihre Kinder sind tot.
Warum, quält sich Esther, habe ich nein gesagt? Ich wusste doch, dass dort Menschen waren. «Man ist schuldig», hatte der Direktor gesagt, «sobald man afghanischen Boden betritt. Wer unschuldig sein will, muss zu Hause bleiben.» Im Laufe der Besuche waren die beiden sich nähergekommen. Er hatte der Deutschen Afghanistan erklärt, das unverwechselbar Fremde, die Verlogenheit einer Verbrüderung. «Wenn wir die Bevölkerung verlieren, verlieren wir Afghanistan an die Taliban», hatte der Kommandeur nach dem Angriff die Soldatin Esther belehrt. Unsinn, hätte der Schuldirektor gesagt. Esther quittiert vorfristig den Dienst in der Bundeswehr.
Der Roman ist in hohem Maße aktuell und beeindruckend vor allem deshalb, weil es dem Autor gelingt, den Blick des Lesers von der abstrakten Debatte über das Afghanistan-Mandat auf das individuelle Schicksal seiner Figuren zu lenken. Esther und der Schuldirektor scheitern in ihrem Bemühen, einander zu verstehen. Dieser Krieg zerstört den besten Willen.
(Aus: Rowohlt Revue 91, Autorin: Agnes Hüfner)