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Abrechnung nicht erbrachter Leistungen, Hand-in-Hand-Deals zwischen Ärztem und Sanitätshäusern, «Fangprämien» von Krankenhäusern für die Überweisung von Patienten durch korrumpierte Ärzte, Organisation einer zu langen Verweildauer von Patienten im Krankenhaus: Es gibt Dutzende aktenkundiger Abzockermethoden dort, wo es vorrangig um Gkörperliche und seelische Gesundheit gehen soll. Dina Michels, Chefermittlerin einer großen deutschen Krankenkasse, schildert drastische Korruptionsfälle im Gesundheitswesen. Und sie räumt mit der Legende auf, nur die «Götter in Weiß» bereicherten sich schamlos. Auch Kliniken, Apotheken, Optiker und Sanitärhäuser, Pharmafirmen und Patienten wissen sich bestens zu bedienen. Wie heißt es so schön: Gelegenheit macht Diebe ...
Jakob Roth hat für die Rowohlt Revue mit Dina Michels gesprochen.
DAS INTERVIEW
Frau Michels, Sie bekämpfen seit sieben Jahren Betrügereien im Gesundheitswesen und haben einige tausend Fälle aufgedeckt. Erinnern Sie sich noch an einen besonders dreisten Fall?
Diese Fälle habe ich natürlich nicht allein aufgedeckt. Ich habe ein hervorragendes Team, das mich tatkräftig unterstützt. Millionenschäden entstehen vor allem durch dreist gefälschte Rezepte. Ärzte und Apotheker arbeiten dabei Hand in Hand. Der Arzt gibt teure Verordnungen direkt an den Apotheker, und der rechnet sie mit den Krankenkassen ab. Der Gewinn wird geteilt.
Sie sind Chefermittlerin einer großen Krankenkasse, wie gehen Sie vor bei Ihrer Arbeit?
Meistens gehen wir internen Hinweisen nach. Wenn einer unserer Mitarbeiter einen konkreten Verdacht hegt, gibt er uns diesen Fall zur Prüfung. Hinweise erhalten wir aber auch von Versicherten und von anderen Institutionen. Wir stellen dann eigene Untersuchungen an. Erst wenn sich der Verdacht bestätigt, werden wir aktiv. Weitere Verdachtsfälle erhalten wir durch umfangreiche Datenanalysen.
In Ihrem Buch sprechen Sie von einem kriminellen Netzwerk – wer ist daran beteiligt?
Grundlage dieses Netzwerks ist die besondere Stellung, die der Arzt im Gesundheitssystem hat. Er stellt die Diagnose und bestimmt die Therapie. Er kann seine Patienten deshalb gezielt zu Therapeuten oder Technikern schicken, von denen er dafür Geld kassiert. Manchmal werden zum Schein Beraterverträge abgeschlossen. Die Sprechstundenhilfe des Arztes etwa wird vom Sanitätshaus bezahlt, oder die Leasingraten für das Auto der Arztgattin begleicht der Hörgeräteakustiker. Das nachzuweisen, ist allerdings extrem schwierig.
Werden den Ärzten die illegalen Geschäfte zu leicht gemacht?
Ganz wichtig: Nicht nur Mediziner betrügen. Wir haben eine Vielzahl an so genannten Leistungserbringern, ärztliche und nichtärztliche. Bei den großen Krankenkassen werden monatlich Millionen von Abrechnungen eingereicht. Dieses Massenabrechnungsgeschäft verleitet zu Betrug und Korruption, weil die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden, eher gering ist.
Warum haben die Kassen nicht schon längst Alarm geschlagen?
Weil sie davor zurückschrecken, ihre Vertragspartner unter Generalverdacht zu stellen. Es geht aber darum, die schwarzen Schafe, vor allem die Intensivtäter unter ihnen, gezielt aufzuspüren. Denn die Schäden sind immens.
Was können Patienten tun, um Betrügern das Handwerk zu legen? Wo ist der Gesetzgeber gefragt?
Patienten sollten sich an ihre Krankenkasse wenden, wenn sie einen konkreten Verdacht hegen. Vor allem sollten sie Behandlungen hinterfragen und den Therapeuten wechseln, wenn sie unzufrieden sind. Der Gesetzgeber muss für Rechtssicherheit sorgen. Solange kein Staatsanwalt einen Arzt wegen Korruption anklagt, wird auch kein Gericht darüber entscheiden.
(aus: Rowohlt Revue 88, Interview: Jakob Roth)