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Dietrich. Grönemeyer: Neues Hausbuch der Gesundheit

© Hergen Schimpf

Dies ist ein Buch, auf das viele Menschen gewartet haben: Dietrich Grönemeyers Neues Hausbuch der Gesundheit. Deutschlands bekanntester Arzt gelingt in seinem durchgehend vierfarbig illustrierten Nachschlagewerk das Kunststück, modernes medizinisches und medizintechnisches Wissen auf leichtverständliche Weise zu vermitteln.
«Er hat Visionen und den Mut, sie mit zahlreichen innovativen Facetten umzusetzen. Doch bei allem High-Tech sieht er in seinem Patienten immer den Menschen.» (Ranga Yogeshwar)


DAS INTERVIEW

Herr Grönemeyer, was ist Ihre erste Frage, wenn ein neuer Patient zu Ihnen kommt?
Ich möchte wissen, was ihn zu mir führt, welche Beschwerden er hat und wie er darunter leidet. Für mich sind auch seine Beweggründe wichtig und seine emotionale Verfassung.

Viele Patienten klagen, dass sie einfache medizinische Erklärungen ihres Arztes nicht verstehen und mit Hinweisen zur Medikamenteneinnahme nicht zurechtkommen. Ist die moderne Medizin zu kompliziert geworden?
Es gibt verschiedene Aspekte, die hier eine Rolle spielen: Wir haben eine sich immer schneller entwickelnde Medizin – allein das medizinische Wissen verdoppelt sich alle fünf Jahre –, und wir Ärzte und Therapeuten haben auf der anderen Seite immer weniger Zeit im medizinischen Alltag. Aber weil jeder Mensch ein Individuum ist, benötigen wir eben unterschiedlich viel Zeit für Erklärungen – auch zur Motivation, an der Heilung der eigenen Krankheit verantwortlich mitzuwirken. Gerade weil die Medizin so kompliziert geworden ist, müssen wir sie wieder verständlich machen – darum geht es mir seit Jahren.

Innerer Stress, Angst, Überforderung

Sind wir als Patienten da nicht überfordert?
Im Moment ja. Aber wir sind vor allem dann überfordert, wenn wir zu wenig wissen. Um Körperfunktionen, Diagnostikverfahren und Behandlungsmethoden anschaulich und leicht verständlich zu machen, habe ich das Hausbuch geschrieben. Es richtet sich – anders als Der kleine Medicus – an Erwachsene. Aber Gesundheitsbewusstsein sollte schon viel früher, schon im Kindesalter geschult werden.
Darum plädiere ich auch seit Jahren dafür, Gesundheitsunterricht an den Schulen einzuführen. Damit jeder weiß, was ein Herz ist, wie es funktioniert und welche Krankheiten es gibt. Und auch den psychosomatischen Kontext erkennt: Jedes Leiden kann sich verstärken, wenn ich mich hineinfallen lasse, aber es kann auch erleichtert werden, wenn ich mich bewusst und aktiv der Krankheit stelle.

Man sollte Ihr Hausbuch also zur Hand nehmen, bevor man zum Arzt geht?
Es soll ganz besonders dazu beitragen, dass Patienten mit ihrem Hausarzt besser kommunizieren können – nicht primär mit dem Facharzt. Denn es geht mir um das bessere Verständnis von Alltagskrankheiten. Vor allem auch, dass Patienten verstehen, was auf einem Röntgenbild, auf einem Kernspinbild zu sehen ist bzw. wie Behandlungstechniken funktionieren. Das soll die Angst nehmen vor dem Arzt, vor der Medizin, und dies ist nicht zuletzt auch in der Bildauswahl mit berücksichtigt. Man kann sich also vor dem Arztbesuch in dem Buch schlau machen und später noch einmal nachlesen. Wir wissen, dass ein Patient durchschnittlich schon nach 18 Sekunden unterbrochen wird, wenn er über sein Leid oder seine Probleme spricht. In dieser Zeit kann er sich natürlich gar nicht wirklich äußern. Für uns Ärzte heißt es deshalb: zuhören können. Für den Patienten andererseits ist es wichtig, mehr darüber zu wissen, was ihn bedrückt, körperlich oder seelisch, um dann gemeinsam mit dem Arzt eine Lösung zu finden. Dieses Element der Partnerschaft zwischen Patient und Arzt wird nach meinem Verständnis der zentrale Kern einer humanen Zukunftsmedizin sein.

Autoreninfo

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, geboren 1952 in Clausthal-Zellerfeld. Inhaber des Lehrstuhls für Radiologie und Mikro-Therapie der Universität...
mehr über den Autor
Gesundheit ist keine Pille

Wie kommt es, dass sich viele Menschen bei ihrem Arzt nicht aufgehoben fühlen?
Leider fehlt die Empathie für den kranken und leidenden Menschen im gesamten System. Häufig werden Zeitnot und Termindruck dafür verantwortlich gemacht. Das ist zum Teil richtig. Aber letztlich geht es nicht um Zeit, es geht um Empathie. Die Medizin ist entseelt. Wir verstehen die Zusammenhänge zwischen Körper, Seele und Geist nicht mehr. Wir haben eine Medizin, die sehr körperorientiert aufgestellt ist, das Psychische überlassen wir Spezialdisziplinen. Aber jeder Mensch besteht ja aus Körper, Seele und Geist und muss ganzheitlich angesprochen werden. Insofern gehört zu einer guten Medizin auch das Verständnis dafür, dass manchmal nur ein gutes Wort wesentlich ist für den Therapieerfolg, und dass, ohne zuzuhören und ohne miteinander zu sprechen, letztlich kein Vertrauen aufgebaut werden kann – was aber so entscheidend ist für eine individuell gestaltete Therapie. Jeder Patient will als Mensch gesehen werden und nicht als Kostenfaktor.

Sie erwarten mehr Eigenverantwortung vom Patienten. Worin sollte, könnte die bestehen?
Jeder Mensch ist anders, individuell und einzigartig. Das heißt auch, dass mein Gefühl, meine Geschichte, meine Symptome andere sind, selbst wenn jemand scheinbar die gleiche Erkrankung hat. Deshalb ist das Wissen um meinen Körper, mein Immunsystem, meine Seele so wichtig. Ich muss mich schlicht mehr um mich selbst kümmern. Eigenverantwortung bedeutet aber auch, dass man mehr über die Möglichkeiten von Therapien weiß, von leicht nach schwer. Wann kann ich durch Prävention mithelfen? Was könnte auf mich zukommen, wenn ich beim Arzt bin? Nehme ich die verordneten Medikamente ein? Informiere ich den Arzt, wenn ich bei mir Symptomveränderungen erkenne? Mache ich wirklich meine Rückenübungen, wenn ich Wirbelsäulenbeschwerden habe? Es geht also darum, mich aktiv darum zu bemühen, dass der ganze Behandlungskanon, von der Schulmedizin über die Akupunktur bis zur Krankengymnastik auch wirklich realisiert wird. Es gibt keine Pille Gesundheit, die man einfach so schlucken kann, um dann immer gesund zu bleiben.

Unzählige Menschen leiden an vermeidbaren Erkrankungen, schreiben Sie – leben wir zu ungesund?
Wir leben zu unbewusst. Wir wissen, woran es liegen könnte, wenn bei unserem Auto der Motor stottert. Aber wenn es um unseren Körper geht, unser Herz mal kurz stolpert, sind wir hilflos und wissen nicht damit umzugehen. Eine ähnliche Kompetenz würde ich mir dort wünschen.

An apple a day keeps the doctor away?

Sie verlassen sich nicht allein auf die klassische Schulmedizin. Welche Rolle spielen für Sie naturheilkundliche Erfahrungen?
Man hat ja soeben in großen Studien nachgewiesen, dass die Akupunktur tatsächlich hilft. Viertausend Jahre war das nicht so klar. Jetzt schon, weil die Krankenkassen es herausgefunden haben. Wie sich zeigt, gibt es viele Ansätze in den Naturheilverfahren wie auch in der Pflanzenheilkunde und in den tradierten Verfahren der einzelnen Kulturen, die wir integrieren können. Ob es gelingen wird, diese Elemente in einer medizinischen Gesamtwissenschaft vom Menschen zusammenzuführen, werden die nächsten Jahrzehnte zeigen. Ich halte dies aber für sehr wünschenswert, denn es gibt so viele Schätze, die wir hier heben könnten. Und die verschiedenen Schulen sollten aufeinander zugehen und voneinander lernen – zum Nutzen der Patienten. Letztlich gilt doch: «Wer heilt, hat recht.»

«An apple a day keeps the doctor away», sagt man in England. Wie halten Sie sich fit?
Ich esse jeden Tag einen Apfel und eine Banane, trinke viel warmes Wasser, laufe mindestens dreimal in der Woche und mache täglich zehn Minuten Gymnastik. In meinem Beruf muss ich ohnehin viel zwischen Behandlungszimmern hin- und herlaufen, so bin ich automatisch ununterbrochen in Bewegung. Und ich versuche, mich zu entspannen, sobald es möglich ist. Trotz intensiver Arbeit lese ich abends im Bett und höre am Wochenende schöne Musik.

(Aus: Rowohlt Revue 87)